---
title: "Der einsame Rufer"
autoren: ["Hans Steike"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 2"
projekte: ["1159"]
zeitraum: "1976–1977"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t02-der-einsame-rufer"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
---

# Der einsame Rufer

> Während der Ausbildung des Kommandeursbestandes für die KSS Projekt 1159 an der Höheren Offiziersschule in Baku müssen die deutschen Offiziere an einer Musterung mit 3000 Mann teilnehmen. Der Abteilungschef „Fritz“, der die Trainings geschwänzt hat, beantwortet den Gruß des Admirals als einziger sofort – ohne die vorgeschriebene sowjetische Atempause.

Während der Ausbildung des Kommandeursbestandes für die Projekte 1159 an der Höheren Offiziersschule in Baku, blieb uns als sogenannte „Ekipash“ (Besatzung) die Teilnahme an Dienststellenmusterungen natürlich nicht erspart. Das Vielvölkergemisch an dieser Schule erforderte zu solchen Anlässen immer besonders viele und intensive Trainings. Schließlich sollte zum Tag X dem Schulleiter oder hohen Gästen eine exakte militärische Organisation geboten werden.

Es war soweit! Die erste Musterung unter unserer Teilnahme stand bevor. Trainings-Maßnahmen wurden befohlen. Unser Abteilungs-Chef, so er es nicht hörte, von allen nur „Fritz“ genannt, wollte sich das nicht antun und beauftragte seinen Stabschef mit der Führung der Truppe. Beeindruckt nahmen wir unseren Stellplatz ein, denn es waren wohl an die 3000 Mann, die da bereits angetreten standen.

Es stellte sich heraus, daß wir Deutschen mit drei Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. An die erste – die russischen Kommandos – konnten wir uns schnell gewöhnen. Die zweite Schwierigkeit war der Exerzierschritt. Nach sowjetischer Vorschrift war er viel schneller als unserer. Mit diesem Trippelschritt kamen wir absolut nicht klar. Nachdem wir bereits dreimal sehr unmilitärisch an der Tribüne vorbeigestolpert waren, hatte die Militärkapelle ein Einsehen. Sie verlangsamte deutlich den Takt, sowie wir in Tribünennähe anlangten. Zwar klang die Musik jetzt etwas eigenartig aber von unserem nun wieder exakten deutschen Exerzierschritt waren die Beobachter auf der Tribüne begeistert.

Blieb Schwierigkeit Nummer 3: die Begrüßung. Nach unserer Dienstvorschrift hatten wir sofort mit kräftigem Ton zu antworten, sowie der Vorgesetzte die Truppe begrüßt hatte. Laut sowjetischer Vorschrift wurde nach dem „Guten Tag, Genossen!“ des Vorgesetzten erst einmal ganz, ganz, ganz tief Luft geholt. Damit entstand eine Pause und dann erst setzte die Antwort ein. Das wurde so oft trainiert, bis alle angetretenen Nationalitäten diese Besonderheit beherrschten und der Abnehmende des Trainings – mit der bewußten Pause – seinen Gruß einheitlich von den 3000 Mann erwidert bekam.

Der Tag der Musterung war da. Geschniegelt und gebügelt, in Paradeuniform marschierten wir auf. Natürlich ließ sich Fritz diesmal die Führung der Truppe nicht nehmen. Dann war es soweit. Der erwartete hohe Gast war eingetroffen, hatte die Front abgeschritten, die Tribüne bestiegen und begrüßte über Mikrofon die Truppe mit seinem russischen „Guten Tag, Genossen!“ Wie eingeübt, holten daraufhin 3000 Mann ganz, ganz, ganz tief Luft. Nur Fritz, der die Trainings ja geschwänzt hatte, schmetterte zum Entsetzen aller Vorgesetzten und zum Gaudi seiner Truppe sofort als einziger sein „Sdrawija shelaju, Towarisch Admiral!“ in die tiefe Stille auf dem Paradeplatz. Erst als sein Solo kläglich erstarb – Fritz hatte seinen peinlichen Irrtum bemerkt - setzte kraftvoll der Chor der 3000 ein.

Seit diesem Tag hat sich Fritz bei ähnlichen Anlässen schon immer früher in die zugehörigen Trainings eingeklinkt.

— Hans Steike
