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title: "Wasser oder Wodka – das war hier die Frage"
autoren: ["Rudolf Schweda"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 2"
projekte: ["50"]
schiffe: ["Rostock"]
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t02-wasser-oder-wodka"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Wasser oder Wodka – das war hier die Frage

> Beim Flottenbesuch in Gdynia bringt der 2. Wachingenieur zwei Flaschen polnischen Wodka von einer Familienfeier mit. Der Feldscher und ein Offiziersschüler trinken eine davon heimlich leer und füllen sie mit Wasser auf – ohne zu ahnen, daß eine der Flaschen als Dankeschön für Admiral Ehm bestimmt ist.

Flottenbesuch in Gdynia. Um in der etwas leichtlebigen Stadt die sozialistische Moral nicht zu gefährden, gibt es auch für die Berufssoldaten normalerweise nur bis 24 Uhr Landgang. Der 2.WI hat hier Verwandte, in deren Familie eine Hochzeit gefeiert wird. Auf dem Dienstweg reicht man die Bitte der Hochzeiter, dem jungen Offizier für die Teilnahme an der Feier verlängerten Landgang zu gewähren, hoch bis zum Chef der Volksmarine, unter dessen Führung der Flottenbesuch steht. Admiral Ehm hat nichts dagegen.

Als der 2.WI etwas bleich und abgekämpft von der Feier zurückkehrt, bringt er als Abschiedsgeschenk seiner Verwandten zwei Flaschen guten polnischen Wodkas mit. Da seine Kammer während des Flottenbesuches von höheren Dienstgraden konfisziert ist, bringt er die beiden Flaschen erst einmal beim Feldscher unter. Tage später erzählt er in der O-Messe von der Feier und bemerkt ganz beiläufig, daß er eine der beiden Flaschen Admiral Ehm als Dankeschön überreicht hat. Niemand bemerkt in diesem Augenblick, daß sich der Feldscher und ein Offiziersschüler im letzten Lehrjahr, der als Maschinen-Praktikant an Bord war, entsetzt anschauen und unauffällig die Messe verlassen. Was war geschehen?

Vom Mini-Landgang in Gdynia waren beide noch unternehmungslustig vor allem aber durstig zurück gekehrt. Da fielen Ihnen die eingelagerten Wodka-Buddeln des 2.WI ein. Eine der Flaschen auszutrinken und mit Wasser aufzufüllen war kein Problem. Schwieriger war es schon, sie so fachkundig wieder zu verschließen, daß der Frevel nicht bemerkt wurde. Schließlich stellte man die geschändete Flasche wieder zu der anderen zurück und freute sich diebisch über diesen Streich.

Die Freude schlug in blankes Entsetzen um, als klar wurde, daß eine der beiden Flaschen bei Admiral Ehm gelandet war, von dem man wußte, daß der gegen einen guten, kühlen Wodka auch nichts einzuwenden hatte. Nicht auszudenken, wenn er in Erwartung eines genüßlichen Tropfens den Feind jedes Seemannes – das blanke Wasser – im Glas feststellen muß. In welchem Licht steht dann der arme 2.WI da? Er wird sich rechtfertigen müssen. Vielleicht gibt es eine Untersuchung! Ob es besser ist zu beichten? Die härteste Strafe für die beiden Sünder war aber die andauernde Ungewißheit. Die Schiffe lagen längst wieder in Warnemünde und noch immer war nicht klar, ob die (Wasser)-Bombe beim Admiral oder beim Leutnant platzt.

Nach Tagen endlich die Erlösung. Über betrügerische Polen schimpfend, die seinen Verwandten Wasser statt Wodka angedreht hatten, kam der 2.WI an Bord. Ausgerechnet zu Hause vor geladenen Gästen, hatte er zu fortgeschrittener Stunde nach feierlicher Ankündigung als besonderen Höhepunkt den „wertvollen Tropfen“ kredenzt. Die Reaktion der Gäste und den blamierten Gastgeber kann man sich gut vorstellen. Sogar bei diesem Vorfall bestätigt sich das Sprichwort, daß die Hunde immer den Kleinen beißen. Admiral Ehm hatte seine Flasche sicher längst mit Hochgenuß geleert.

Die beiden Frevler waren erst einmal erleichtert, daß das kleinere Übel eingetreten war. Da der 2.WI aber so wütend war, beschlossen sie, weiter zu schweigen. Sie offenbarten sich erst, als Gras über die Sache gewachsen war und der 2.WI selbst über das besondere Vorkommnis mit seinen Gästen schon wieder lachen konnte. Woher ich das alles so genau weiß? Der beteiligte Feldscher war ich selbst, der andere Sünder Fritze Schmökel, später ein gestandener LI auf dem KSS „Rostock“.

— Rudolf Schweda
