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title: "Rees in der O-Messe"
autoren: ["Hans Steike"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 3"
projekte: ["50"]
schiffe: ["Karl Liebknecht"]
zeitraum: "1960er Jahre"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t03-rees-in-der-o-messe"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Rees in der O-Messe

> Hans Steike erinnert an die abendlichen Runden in der Offiziersmesse der KSS Projekt 50 in den 1960er Jahren und die dort weitererzählten Geschichten: die „Kalte Pflaume“ aus Kreiselsprit, ein I.WO, der auf Reede Gdynia von einer Festmachetonne ins Wasser geschleudert wurde, eine nach Zahlen komponierte KSS-Oper, Kommandant Kremkaus Mützenschwenken bei der Flottenparade, LI Grütz’ Druckluft unter dem Gipsbein und die Losung „Die Ostsee muß ein Meer des Friedens werden“ beim Geschützexerzieren.

Als Frischling hatte man es in den 60iger Jahren selbst als Offizier auf KSS nicht leicht. Es gab Kommandanten, die streng trennten, zum Beispiel mit Kommandos wie: „Offiziere und Unterleutnants einrücken in die Messe!“ Kam dieser Befehl während der Dienstzeit, dann ging es wohl um eine Dienstbesprechung. Er konnte aber auch in der Freizeit kommen. Solange die Mehrzahl der Offiziere noch keine Wohnung im Standort hatte, war das abendliche Treffen in der Messe bei Fernsehen, Bier und Kartenspiel gang und gäbe. Da nur Bier trinken langweilig wird und mit der Zeit dick macht und da Schnaps auf Dauer teuer ist, wurde oft improvisiert. So war eine Zeitlang „Kalte Pflaume“, eine kräftige Mischung aus Pflaumenkompott und reinem Kreiselsprit der Renner.

Je mehr die geistigen Getränke die Stimmung lockerten, desto mehr alte Geschichten wurden ausgegraben. Obwohl schon x-mal gehört, lauschten gerade wir Jungen begierig den ollen Kamellen, die von den verschiedenen Erzählern immer neue Ausschmückungen erfuhren.

Eine Story hing mit der „Kalten Pflaume“ selbst zusammen. An einem Sonntag besuchte die Gattin eines GA-II-Kommandeurs von Stralsund aus ihren Mann, der in Saßnitz an Bord Anwesenheit schieben musste. Völlig unerwartet platzte sie in so eine Kalte-Pflaume-Runde. Nachdem man ihr höflich einen Platz an der Back freigemacht hatte, fragte sie, was für ein Getränk das denn sei. „Ach, das ist so eine Art schwacher Fruchtlikör. Möchten Sie einmal kosten?“ „Ja, gerne!“ Man schenkte ihr einen kräftigen Hieb ein und die Männerrunde wartete nun amüsiert gespannt, was passieren würde. Es kam aber ganz anders als erhofft. Die Dame nippte ein wenig, stutzte und trank dann das Glas in einem Zug leer. „Das Zeug ist gut. Kann ich noch einen haben?“ Daß sie eine sehr trinkfeste Vertreterin des schwachen Geschlechtes war, hat Frau K. später noch bei manchem Bordfest bewiesen.

Oder die Geschichte vom I.WO, der beim einem Flottenbesuch in Polen baden ging. Nach Eintreffen auf Reede Gdynia sollten die Schiffe an großen Bojen festmachen. Ein Matrose der achteren Manövergruppe war auf einer der schwankenden Tonnen abgesetzt worden und versuchte dort die Achterleine festzumachen. Das dauerte dem I.WO, der sich das von der Brücke aus anschaute, wohl zu lange. Obwohl er da eigentlich gar nichts zu suchen hatte, eilte er nach achtern und sprang über die aushängende Jakobsleiter ebenfalls auf die Tonne. Der war die plötzliche Gewichtszunahme aber zu viel und sie begann nun auch noch zu trudeln. Die Leine drohte den Matrosen einzuklemmen. Er konnte sich nur noch rückwärts in den Bach fallen lassen. Der I.WO sprang hin und her, um die Bewegungen der Boje auszugleichen, erreichte damit aber nur das Gegenteil. Sie begann noch mehr zu trudeln, schneller und immer schneller, bis das Gesetz der Fliehkraft den I.WO samt Schlips und weißem Hemd schließlich in den Bach schleuderte. Zum Schaden kam nun noch der Spott.

Es gab auch den Versuch, eine KSS-Oper zu komponieren. Ursprünglich stand in der Offiziersmesse der Projekte 50 ein Klavier. Die GA-Kommandeure Dölling und Liebenau betätigten sich als Komponisten. Da sie aber keine Noten kannten, nummerierten sie zuerst die Klaviertasten und schrieben ihr Werk in Zahlen nieder. Es muß wohl eine sehr moderne, den Ohren noch ungewohnte Komposition gewesen sein. Die Messe leerte sich immer schnell, wenn die Komponisten an ihre Arbeit gingen. Irgendwann machte der Kommandant –offensichtlich ein Kulturbanause – dem Treiben ein Ende.

Von Karl-Heinz Kremkau erzählte man folgendes. Er war gerade frisch als Kommandant bei KSS eingestiegen, als sein Schiff an einer Flottenparade auf Reede Gdynia teilnehmen sollte. „Wie laufen denn bei KSS solche Aktionen ab?“ fragte er seinen I.WO. „Och, bei der letzten Parade hier bei uns haben wir die Mützen geschwenkt.“ Komische Bräuche, denkt sich der Kommandant, aber wenn es hier immer so gemacht wird ... Also übt er mit seiner Besatzung das Hurra und das Mütze-Schwenken. Am Paradetag fährt der Chef der PSKF in Begleitung der beiden Chefs der befreundeten Flotten auf einem TS-Boot den Paradeverband ab. Auf seine Begrüßung antwortet die Besatzung des KSS mit einem dreifachen, donnernden Hurra und winkt, wie eingeübt, mit den Mützen. Das müsste geklappt haben, atmet Kremkau auf. Wenig später sammelt ein Verkehrsboot die Teilnehmer für einen Empfang beim Chef der PSKF ein. Auf der Pier zieht ein Bekannter Kremkau beiseite: „Mensch, Karl-Heinz, was hast Du Dir bloß dabei gedacht? Der Alte (gemeint war der Chef der Volksmarine) tobt wie wild. Alle Besatzungen stehen militärisch exakt wie die Einsen und Dein Haufen schwenkt wie wild die Feudel. Du hast die ganze Parade geschmissen!“ „Mist!“ flucht der Kommandant innerlich. Mit einem ganz unguten Gefühl betritt er den Empfangssaal, verlässt ihn später aber mit stolzgeschwellter Brust. In aller Öffentlichkeit hatte der Chef der PSKF den unkonventionellen Gruß der KSS-Besatzung gelobt und das Schiff zum besten des ganzen Paradeverbandes gekürt. Dem Chef der Volksmarine blieb nichts anderes übrig, als den geplanten kräftigen Tritt vor die Kniescheibe in eine deftige Belobigung umzuwandeln.

Oder die technisch ausgereiften Methoden, mit denen sich Werner Grütz, LI auf dem Schiff „Karl Liebknecht“, Linderung verschaffte. Infolge eines Bruches war sein Bein dick eingegipst. Wer so etwas schon mal mitgemacht hat, weiß, wie unangenehm das werden kann. Es juckt und juckt und man kann sich nicht einmal kratzen. Also ließ der LI vom Kompressor-Anschluß an Oberdeck bis nach Kammer 1 einen Luftschlauch legen. Auf seinem Sessel sitzend, das Bein lang auf die Koje ausgestreckt und das Ende des Schlauches in der Hand, ließ er sich genüsslich die kühle Luft unter den Gips blasen.

Ja, das waren solche Messegeschichten. Je mehr Offiziere im Standort eine Wohnung erhielten, desto seltener wurden die so gemütlichen Abende. Als schließlich der Minister für Nationale Verteidigung mit dem berüchtigten Befehl 30/66 gar den Alkohol an Bord verbot, bestand die Gefahr, daß uralte KSS-Geschichten für immer in der Versenkung verschwinden könnten. Da musste gegengesteuert werden. Der früher offizielle Messe-Umtrunk wurde jetzt als heimliche Kammer-Runde weitergeführt.

Ich war in der Hierarchie gestiegen und schon längst kein Unterleutnant mehr. Irgendwann gehörte ich selbst zu den Erzählern und vertellte die ollen Kamellen den gespannt lauschenden jungen Leutnants (mit diesem Dienstgrad wurde inzwischen die Offiziersschule beendet) und später, dann schon im Stab, den jüngeren Offizieren. Ich konnte sogar Eigenes beisteuern: Ende der 60iger Jahre fand jährlich die „Ostsee-Woche“ statt. Ein Volksfest, zu dem auch viele Besucher aus den kapitalistischen Anrainerstaaten kamen. Offizielles Motto der Veranstaltung: „Die Ostsee muß ein Meer des Friedens werden!“ Ich war damals GA-II-Kommandeur. Geschützexerzieren war angesagt. Den panzerlukähnlichen Deckel des Wackeltoppes hatte ich hochgeklappt und so alle drei Hunderter gut im Blick. Ich erfreute mich am gleichmäßigen Richten der Geschütze nach meinen Kommandos, die über die in den Waffen zugeschaltenen Lautsprecher auf dem gesamten Oberdeck zu hören waren. Das letzte Kommando lautete eigentlich „Salve – Feuer!“ Ich ergänzte es und befahl, um meine Männer etwas aufzumuntern: „Die Ostsee muß ein Meer des Friedens werden! Salve – Feuer!“

Das hatte wohl auch der Leiter der Politabteilung mitgekriegt, der in der Messe des Nachbarschiffes Zeitung las. Flugs musste ich bei ihm antanzen. Was mir einfiele, die Losung der Ostseewoche so zu verhohnepiepeln. Oh Gott, kein Mauseloch in der Nähe! Blieb nur die Flucht nach vorn. „Damit wollte ich doch nur auf die Dialektik zwischen militärischer Stärke des Sozialismus und Sicherung des Friedens hinweisen.“ Das war eine damals aktuelle Parteilosung. Der Leiter stutzte, dachte wohl kurz nach und entließ mich dann mit den Worten: „Das ist ja auch in Ordnung. Aber das muß man doch nicht so laut über Oberdeck brüllen!“

Es war schon lange überfällig, solche Geschichten endlich zu Papier zu bringen, was hiermit eingeleitet ist. Diejenigen unserer Leser, die noch andere KSS-Stories kennen, bitten wir um Ergänzung dieser Sammlung, die dann schon in der nächsten Broschürenfortsetzung erscheinen könnte.

— Hans Steike
