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title: "Küstenschutzschiffe Pr. 50: Unterstellung, Status des Truppenteiles, Bordnummern"
autoren: ["Manfred Kretzschmar", "Hans Steike"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 5"
projekte: ["50", "1159", "133.1"]
schiffe: ["Ernst Thälmann", "Karl Marx", "Karl Liebknecht", "Friedrich Engels", "Rostock", "Berlin", "Halle", "1-61", "1-62", "401", "501", "601", "701", "502", "702", "101", "102", "103", "104", "121", "122", "123", "124", "141", "142", "143"]
zeitraum: "1956–1990"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t05-kss-pr-50-unterstellung-status-bordnummern"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Küstenschutzschiffe Pr. 50: Unterstellung, Status des Truppenteiles, Bordnummern

> Manfred Kretzschmar und Hans Steike rekonstruieren die Unterstellung, den Status des Truppenteils und die häufig wechselnden Bordnummern der Küstenschutzschiffe Projekt 50 von der Gründung der Seestreitkräfte 1956 bis zum Ende der Volksmarine 1990. Der Beitrag enthält die Anordnungen zur Flottillenbildung 1956, die Führungen von 6. Flottille, KSS-Brigade, SKSSA, KSSA und 4. KSS-Brigade sowie eine chronologische Übersicht aller Bordnummern der vier Schiffe.

Schaut man auf die Anfangsjahre der KSS Pr. 50 zurück, so fällt auf, dass die in der Überschrift genannten Kategorien einem teilweise verwirrenden Wechselspiel unterlagen. Offensichtlich suchten die Seestreitkräfte (SSK) und dann die Volksmarine (VM) der DDR längere Zeit nach der effektivsten Organisation und Struktur und die Experimente dazu gingen auch an den KS-Schiffen nicht spurlos vorüber. Bei dem Versuch, Licht in das Dunkel zu bringen, stießen wir auf solche Schwierigkeiten wie: keine oder wenig aussagekräftige Originaldokumente aus dieser Zeit, nur noch lückenhaftes Erinnerungsvermögen bei Zeitzeugen, Widersprüche in Sekundärliteratur. Sicher wäre einiges über das Bundesarchiv in Freiburg/Breisgau zu klären gewesen, aber – ehrlich gesagt – hat uns der finanzielle und zeitliche Aufwand abgeschreckt. Doch manchmal kommt ganz unerwartet Hilfe. In diesem Fall zum Beispiel von Herrn Helmut Bechert aus Berlin, der sich seit seiner Jugend für alles interessierte, was über die maritimen Kräfte der DDR veröffentlicht wurde und der sich so im Laufe der Zeit eine beachtliche persönliche Sammlung geschaffen hat. Er lieferte uns in Vergessenheit geratene Angaben besonders zu den Bordnummern der KSS und half uns bei der zeitlichen Präzisierung von Ereignissen. Dafür ganz herzlichen Dank. Und so gelang es schließlich doch, einigermaßen Klarheit zu schaffen. „Einigermaßen“ deshalb, weil uns trotz aller Recherchen keine auf den Tag genaue Auflistung aller Veränderungen bei den Küstenschutzschiffen gelungen ist.

Beginnen wir mit dem 18. Januar 1956. An diesem Tag beschloss die Volkskammer der DDR das Gesetz über die Schaffung der Nationalen Volksarmee (NVA) und des Ministeriums für Nationale Verteidigung (Gesetzblatt der DDR 1956, Teil I, S. 81). Die Armee sollte aus Land-, Luft- und Seestreitkräften bestehen. Bereits einen Tag später ernannte der Ministerpräsident Otto Grotewohl Generaloberst Willi Stoph zum Minister für Nationale Verteidigung. Die Aufstellung der SSK der NVA erfolgte auf Befehl Nr. 4/56 des Ministers für Nationale Verteidigung vom 21. Februar 1956. Danach waren die „Verwaltung Seestreitkräfte“ bis zum 1. März 1956 – dem offiziellen Gründungstag der NVA – zu bilden und die Einheiten bis zum 1. Juli 1956 zu formieren.

Im Zeitraum April bis August 1956 erfolgte die Übernahme der Stäbe, Einheiten und Einrichtungen der Volkspolizei-See. Die SSK verfügten damit über zwei operative Verbände: die Flottenbasis West (Warnemünde) und die Flottenbasis Ost (Peenemünde). Uns interessierte vor allem, was um den Stützpunkt Saßnitz herum als späteren Stationierungsort der 6. Flottille mit ihrem Stab und den Küstenschutzschiffen passierte. Strukturell gehörte zur Flottenbasis Ost auch der Küstenabschnitt Saßnitz, der am 1. Mai 1956 in die Küstenabschnitts-Flottille II mit Stationierungsort Saßnitz überführt wurde. Der Chef dieser Flottille (FCH), Korvettenkapitän Werner Elmenhorst; unterstand direkt dem Chef der Flottenbasis Ost, Kapitän zur See Heinz Irmscher. Zum Erstbestand der Flottille gehörten eine Räumabteilung (6 MLR, 6 Räumboote/-pinassen) eine KS-Bootsgruppe (6 KS-Boote), 3 Hafen- und Reedeschutzboote und der Stützpunkt Saßnitz.

Im Oktober 1956 erließ der Chef der SSK, Konteradmiral Felix Scheffler, den Befehl 205/56, der die Auflösung der Flottenbasen und die Schaffung einer Flottillen-Struktur beinhaltete. Unter Buchstabe F wurde darin eine 6. Flottille genannt, in deren geplantem Bestand auch zwei KSS aufgeführt waren. Die Aufstellung der Flottillen erfolgte mit mehreren Anordnungen (AO) des Chefs des Stabes der SSK

| Anordnung | Flottille | Standort / Vorgänger / Umsetzung |
|---|---|---|
| AO 87/56 | 3. Flottille | Standort Saßnitz, vorher: Küstenabschnitts-Flottille II, umgesetzt am 01.12.56 |
| AO 88/56 | 1. Flottille | Standort Peenemünde, vorher: Flottenbasis Ost, umgesetzt am 15.11.56 |
| AO 89/56 | 4. Flottille | Standort Warnemünde, vorher: Flottenbasis West, umgesetzt am 01.12.56 |
| AO 90/56 | 6. Flottille | Standort lt. AO noch Warnemünde, vorher „inoffiziell“: TS-Boots-Flottille, umgesetzt am 01.12.56 mit verändertem Standort Saßnitz |
| AO 91/56 | 7. Flottille | Standort Parow, vorher: Schul-Flottille, umgesetzt am 01.12.56 |
| AO 92/56 | 9. Flottille | Standort Wolgast, vorher: Baubelehrungseinheit, umgesetzt am 01.12.56 |

Damit war mit dem 1. Dezember 1956 die Flottillen-Struktur weitestgehend eingeführt.

Ab August 1956 – es gab noch keine 6. Flottille – erfolgte die Formierung einer Baubelehrungs-Einheit für die Besatzung von zwei Küstenschutzschiffen in Saßnitz-Dwasieden. Mit der Aufstellung wurde Oberleutnant zur See Helmut Berger, der spätere erste Kommandant des KSS 1-62, beauftragt. Wem diese Einheit unterstellt oder untergeordnet war, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Fest steht aber, dass der amtierende Chef der SSK, Konteradmiral Heinz Neukirchen, persönlich Einfluss auf die Ausbildung dieser künftigen KSS-Besatzungen nahm. So kann eine Unterstellung dieser Einheit direkt unter die Verwaltung Seestreitkräfte vermutet werden. Das KSS „BARZUK“ (Dachs) der Baltischen Rotbannerflotte (BRF) mit Bordnummer 272 machte am 21. August 1956 in Saßnitz fest. Es diente zur spezialfachlichen Ausbildung der Angehörigen der Baubelehrungseinheit. Es begann eine intensive Bordausbildung im Hafen und in See. Nach dreimonatiger Unterstützung verließ das KSS „BARZUK“ am 22. November Saßnitz wieder und lief zu seinem Heimatstützpunkt ab.

Mit dem 1. Dezember 1956 lag in Saßnitz nun die 3. Flottille, die von Korvettenkapitän Fritz Notroff als FCH geführt wurde. Die Dienststelle befand sich in dem an das Fischwerk angrenzenden Objekt. Der außerdem in Saßnitz zu stationierenden 6. Flottille sollten künftig die Stoßkräfte – also KSS und TS-Boote – zugeführt werden. Doch erst einmal befanden sich Anfang Dezember der im Aufbau befindliche Stab der Flottille – es waren nur die wichtigsten Führungs- und Spezialistenfunktionen besetzt – und der größte Teil der zukünftigen KSS-Besatzungen in Warnemünde Hohe Düne in Baracken die sich zwischen dem Südteil des Tonnenhofes und der westlichen Begrenzung der 4. Flottille befanden. Chef dieser Keimzelle der 6. Flottille war Korvettenkapitän Alfred Schneider, Stabschef (SC) Oberleutnant zur See Rolf Franke und Leiter der Politabteilung (LPA) Kapitänleutnant Karl-Heinz Manschus.

*Abbildung (Teil 5, S. 5): v.l.n.r.: Helmut Berger, sowj. Berater Ognew, Alfred Schneider*

Am 6. Dezember liefen die zwei KSS der BRF „OLEN“ (Hirsch) und „TUR“ (Auerochse) in Warnemünde ein und machten am Nordufer des Pinnegrabens an Dalben fest. „Olen“ ist oft mit „Rentier“ übersetzt worden. Laut Wörterbuch trifft Rentier aber nur für „sewernij olen“ also einen nördlichen Hirsch oder frei übersetzt Hirsch des Nordens zu. Bereits am 10. Dezember verlegten beide Schiffe nach Saßnitz, da im Pinnegraben Sicherheit und Sicherstellung nicht gewährleistet waren. In Saßnitz machten sie an einer über 100 Meter langen Anlegebrücke aus Holz, unmittelbar vor dem Fährhafen gelegen, im Päckchen fest. Der Stab der 6. Flottille bezog das ehemalige Zollhaus am Hafenbahnhof. Am 15. Dezember erfolgte der Flaggenwechsel bei gleichzeitiger Übernahme in die SSK der DDR. Die Schiffe erhielten die Bordnummern 1-61 (Baunummer 50/1, ex OLEN) und 1-62 (Baunummer 50/2, ex TUR). Die ersten Kommandanten, Kapitänleutnant Kurt Hollatz und Oberleutnant zur See Helmut Berger, waren direkt dem FCH unterstellt. Die 1 vor dem Bindestrich der Bordnummer stand für die Schiffsklasse KSS und die 6 für ihre Zugehörigkeit zur 6. Flottille. Hinter der letzten Ziffer steckte eine laufende Nummerierung der Schiffe.

*Abbildung (Teil 5, S. 5): Erster Liegeplatz der KSS in Saßnitz (Holzpier in der Bildmitte)*

Der Stab der 6. Flottille verlegte am 13.09.57 von Saßnitz nach der Flottenschule Parow (Block 8), um die Übernahme der ersten Torpedo-Schnellboote mit den Projektnummern 183/1 bis 183/5 vorzubereiten. Die Übernahme dieser ersten fünf Boote erfolgte am 07.10.57. Die Boote erhielten die Bordnummern 5-61 bis 5-65. Das bestätigt unsere schon bei KSS getroffene Feststellung, dass die 6 für die 6. Flottille stand. Während dieser Zeit in Parow erreichte der Stab der Flottille im wesentlichen seine volle Stärke. Offiziell war seine Formierung am 1. Dezember 1957 abgeschlossen. Ende Dezember 1958 verlegte der Stab wieder zurück nach Saßnitz und bezog das mit der Frontseite zum Hafenbecken zeigende Gebäude innerhalb der Dienststelle. Die beiden KSS hatten inzwischen feste Liegeplätze im militärisch genutzten Teil an der Südmole des Hafens erhalten.

Auf der Grundlage des Org.-Befehls des Chefs der SSK für das Ausbildungsjahr 1959 wurden die bisher gültigen Bindestrich-Nummern der Kampfschiffe und –boote durch zusammenhängende Ziffern ersetzt.

*Abbildung (Teil 5, S. 6): KSS 50/2 mit den Bordnummern 1-62 und 501*

Aus 1-61 (50/1) wurde KSS 401, aus 1-62 (50/2) KSS 501. Die beiden am 10.10.59 in Dienst gestellten KSS erhielten die Bordnummern 601 (50/3) und 701 (50/4) zugewiesen. Das dahinter stehende System ist schwer zu durchschauen. Fakt ist, dass die Zahlen 1 bis 3 der ersten Ziffer für drei TS-Abteilungen vorgesehen waren. Davon handelte im vollen Bestand bereits die 6. TSA mit den Booten 101 bis 109. Die anderen beiden Abteilungen befanden sich in Aufstellung. Warum jedes KSS eine andere erste Ziffer in der Bordnummer erhielt, war nicht zu ergründen. Diese Nummern waren jedenfalls bis Ende des Ausbildungsjahres 1959 gültig. Das wird auch durch den Auswertebericht des damaligen Chefs der 6. Flottille, Fregattenkapitän Werner Elmenhorst, zum Ausbildungsjahr belegt, denn darin heißt es:

> „Die KS-Schiffe 401 und 501 waren nun in der Lage einzelschiffsweise und in der Gruppe unter einfachen Bedingungen am Tage und in der Nacht taktische Aufgaben durchzuführen. Die Schiffe 601 und 701 waren auf Grund ihrer Übernahme noch nicht dazu in der Lage.“

Diese Bordnummern wurden nur kurze Zeit gefahren und waren wohl auch deshalb niemandem mehr so recht geläufig. Bisher waren wir immer dem Irrtum verfallen, dass die Indienststellung der Baunummern 50/3 und 50/4 schon mit den Bordnummern erfolgten, die dann tatsächlich erst ab 1960 Gültigkeit bekamen (s. a. KSS-Broschüre Teil 1, Anhang 1).

Mit Befehl 55/59 des Chefs der SSK, Konteradmiral Wilhelm Ehm, erfolgte die Auflösung der 6. Flottille zum 31.12.59. Aus ihr gingen am 1. Januar 1960 die KSS- und die TS-Boots-Brigade hervor. Beide Brigaden waren selbständig und unterstanden direkt dem Chef der SSK. Die erste Führung der KSS-Brigade setzte sich wie folgt zusammen: BCH wurde Korvettenkapitän Gerhard Thomas, SC Korvettenkapitän Kurt Hollatz und LPA Korvettenkapitän Ernst Stöckel. Der Brigadestab richtete sich in dem vorher vom Stab der aufgelösten 6. Flottille genutzten Gebäude ein. Vermutlich kam es im Zuge der Brigadebildung auch zum bereits angedeuteten Bordnummerwechsel:

| Schiff | Bordnummer |
|---|---|
| KSS 50/1 | behielt die Bordnummer 401 |
| KSS 50/2 | neue Bordnummer 601 |
| KSS 50/3 | neue Bordnummer 502 |
| KSS 50/4 | neue Bordnummer 702 |

*Abbildung (Teil 5, S. 6): Erste Brigadeführung: Gerhard Thomas, Ernst Stöckel, Kurt Hollatz (v.l.n.r.)*

Diese Bordnummern trugen die Schiffe sowohl bei der Umbenennung der Seestreitkräfte in den ehrenvollen Namen VOLKSMARINE am 3. November 1960 als auch bei der Verleihung der Namen „Ernst Thälmann“, „Karl Marx“, „Karl Liebknecht“ und „Friedrich Engels“ an die KS-Schiffe am 16. Januar 1961.

Am 31.12.1961 erfolgte die Umbenennung der KSS-Brigade in Selbständige KSS-Abteilung (SKSSA). Gleichzeitig wurde sie im täglichen Dienst ab 1. Januar 1962 der 1. Flottille unterstellt. Das belegt folgender Vermerk in der GVS-„Kaderchronik der Seepolizei bis zur Volksmarine“, Teil A, Blatt 135:

> Bemerkungen: 31.12.1961 Auflösung der KSS-Brigade und Bildung einer (Selbständigen) KSS-Abteilung in der Unterstellung der 1. Flottille

Die Führung der 1. Flottille sah zu diesem Zeitpunkt wie folgt aus: FCH Fregattenkapitän Werner Elmenhorst, SC Korvettenkapitän Gustav Hesse, LPA Fregattenkapitän Rolf Hagen. Erster Chef der SKSSA (ACH) wurde Kapitänleutnant Helmut Berger. Die Unterstellung änderte sich beim Übergang auf höhere Stufen der Gefechtsbereitschaft und bei Fahrten außerhalb der Verantwortungszone der VM. Dann wurde die SKSSA direkt durch das Kommando der Volksmarine geführt.

Ab 01.12.1962 änderten sich erneut die Bordnummern der Schiffe. Es wurde das System eingeführt, das bis zum Ende der Volksmarine durchgehend Gültigkeit behalten sollte. Die erste Ziffer der dreistelligen Bordnummer bezeichnete grundsätzlich die Schiffsklasse, die zweite Ziffer die Nummer der Abteilung, die dritte Ziffer die laufende Nummer eines Schiffes in der Abteilung. Die Abteilungen der 1. Flottille erhielten ungerade und die der 4. Flottille gerade Nummern. Ab diesem Zeitpunkt begannen die Bordnummern der KSS immer mit 1. Die vier Schiffe erhielten nun die Nummern 101 (50/1, „Ernst Thälmann“), 102 (50/2, „Karl Marx“), 103 (50/3, „Karl Liebknecht“) und 104 (50/4, „Friedrich Engels). Die Null der zweiten Ziffer sollte wohl darauf verweisen, dass es sich um eine selbständige „unnummerierte“ Abteilung handelte. Außerdem gab es ja auch keine andere Formation einer gleichen Schiffsklasse, von der man sich hätte unterscheiden müssen. Bei diesen Bordnummern blieb es dann auch die folgenden drei Jahre.

*Abbildung (Teil 5, S. 7): KSS 50/2 mit Bordnummer 102*

*Abbildung (Teil 5, S. 7): KSS 50/1 mit Bordnummer 121*

Dafür ging es aber mit dem Führungswechsel weiter. Mit Wirkung vom 2.5.1963 wurde erneut eine 6. Flottille als Verband für die Stoßkräfte der Volksmarine gebildet. Der Stab der Flottille führte anfangs von Stubbenkammer aus, verlegte aber später nach Dranske. Die Führung der neu gegründeten 6. Flottille setzte sich folgendermaßen zusammen: FCH Kapitän zur See Hellmut Neumeister, SC Korvettenkapitän Gustav Hesse und LPA Korvettenkapitän Hans Heß. Obwohl die KSS seit 1960 als UAW-Schiffe schon nicht mehr zu den Stoß- sondern zu den Sicherungskräften der VM gehörten, wurde die SKSSA der 6. Flottille unterstellt. Ein Grund könnte gewesen sein, dass nach wie vor das Zusammenwirken zwischen KSS und TS-Booten eine besondere Rolle spielte. Auf KSS entfielen dabei zwei Aufgaben. Zum einen sollten die Schiffe mit ihrer Artillerie den Erfolg vorangegangener Angriffe von TS-Boote ausweiten. Zum anderen lieferte KSS als „Fühlungshalter“ die notwendigen Daten, um mit Wasserbomben ausgerüsteten TS-Booten Angriffe auf U-Boote zu ermöglichen. Aber möglicherweise versprach man sich durch den Wechsel auch nur eine einfachere Führung der SKSSA, als das für die 1. Flottille von Peenemünde aus möglich war.

Im Oktober/November 1965 verlegten die KSS von Saßnitz nach Warnemünde und mit Wirkung vom 28.11.65 ging die Führung der SKSSA auf die 4. Flottille über. FCH war damals Fregattenkapitän Herbert Bernig. Als Stellvertreter standen ihm zur Seite: SC Korvettenkapitän Günther Pöschel und LPA Fregattenkapitän Günter Kutzschebauch. Für die KSS hatte der Führungswechsel zwei Folgen: Die „Selbständigkeit“ ging verloren. Es gab nur noch „die“ KSS-Abteilung (KSSA), die aber trotzdem weiterhin nicht als Einheit sondern als Truppenteil zählte und eine eigene Truppenfahne führte. Das ist insofern interessant, weil Truppenteil eigentlich als Umschreibung für eine Brigade galt (Verband = Flottille, Einheit = Abteilung oder Schiff). Zweite Konsequenz: Die Schiffe erhielten wieder einmal neue Bordnummern: 121 (50/1), 122 (50/2), 123 (50/3) und 124 (50/4). Unklar blieb für uns die Bedeutung der mittleren 2 in der Bordnummer, da es nie eine 2. KSSA für die Projekte 50 gab. Eine mögliche Erklärung wäre, dass man die Zugehörigkeit zur 4. Flottille ausdrücken wollte und dazu die erste gerade Zahl (also die 2) benutzte. Während dieser Veränderungen war Korvettenkapitän Manfred Kretzschmar ACH der KS-Schiffe. Als seine Stellvertreter fungierten Kapitänleutnant Günter Schreiber als SC und Kapitänleutnant Hansjörg Herold als LPA. Das Führungsorgan fand in einer Baracke, unmittelbar am Seekanal gelegen, ausreichende Arbeitsbedingungen und verblieb dort auch bis zur Auflösung der Volksmarine.

Am 1.10.1968 wurde das Schiff „Karl Liebknecht“ (50/3) mit der Bordnummer 123 außer Dienst gestellt. Diese Nummer ging auf das Schiff „Friedrich Engels“ (50/4) über. Am 10.10.69 beendete auch dieses Schiff seinen Dienst in der Flotte. Zum 01.12.1971 änderten sich letztmalig die Bordnummern der beiden noch aktiven Schiffe: KSS „Ernst Thälmann“ (50/1) erhielt die Bordnummer 141 und KSS „Karl Marx“ die Bordnummer 142. An dieser Stelle bietet sich eigentlich die Vermutung an, dass gleichzeitig die Umbenennung der KSSA in 4. KSSA erfolgte. Es gäbe dafür folgende Erklärung: Wie bereits erwähnt, nannte das in der Volksmarine durchgehend angewandte Nummerierungs-System in der zweiten Ziffer der Bordnummer die Nummer der Abteilung. Warum wurde also gerade jetzt eine 4 (möglicher Hinweis auf 4. KSSA?) in die Bordnummern aufgenommen? Für diesen Zusammenhang konnten wir allerdings keinen Beleg finden und es gibt Stimmen, die diese Veränderung für das Jahr 1979 ausgemacht haben wollen und tatsächlich taucht der Begriff 4. KSSA etwa erst um 1980 offiziell in verschiedenen Dokumenten auf.

*Abbildung (Teil 5, S. 8): KSS 50/1 mit Bordnummer 141*

*Abbildung (Teil 5, S. 8): Letztes Einlaufen am 12.08.1977*

Mit der Außerdienststellung des letzten KSS des Projektes 50, der „Ernst Thälmann“ (141) endete die Ära dieses außerordentlich zuverlässigen, robusten und seetüchtigen Schiffstyps.

Die KSSA bestand aber weiter, da bereits ab 1976 mit der Formierung der Besatzungen für die neuen KSS des Projektes 1159 begonnen wurde. Es sollte aber noch zwei Jahre dauern, bis am 25. Juli 1978 das KSS „Rostock“ (Baunummer 1159/1, Bordnummer 141) in Dienst gestellt wurde. Es folgten am 10. Mai 1979 das KSS „Berlin-Hauptstadt der DDR“ (Baunummer 1159/2, Bordnummer 142) und am 28. Januar 1986 das KSS „Halle“ (Baunummer 1159/3, Bordnummer 143).

Im Mai 1984 gab es dann die letzte Veränderung im Status des Truppenteiles KSS: Mit Ministerbefehl wurde aus der 4. KSSA die 4. KSS-Brigade (4. KSSBr.) formiert. Chef war zu diesem Zeitpunkt Kapitän zur See Hans Steike. Seine Stellvertreter: Korvettenkapitän Ulrich Zumkeller als SC, Korvettenkapitän Peter Müller als LPA; Korvettenkapitän Hans-Jürgen Müller als Stellvertreter RD und Kapitänleutnant Wolfgang Hebig als Stellvertreter für Schiffsmaschineneinsatz (SME). In diese Funktion war bereits 1976 die frühere Dienststellung des Abteilungs-Ingenieurs aufgewertet worden. Brigadestatus, der schon genannte Schiffsbestand und die Bordnummern änderten sich nicht mehr, bis die Volksmarine im 35. Jahr des Bestehens von Seestreitkräften der DDR ihre Eigenständigkeit verlor und am 2. Oktober 1990 auf allen Schiffen und Booten Flaggen und Wimpel eingeholt wurden.

Nur der Vollständigkeit halber sei noch genannt, dass es auch nach 1984 eine 4. KSSA gab. Sie hatte mit dem Truppenteil der „großen“ KS-Schiffe aber nichts zu tun. Die UAW-Schiffe vom Typ 133.1 (Parchim-Klasse) wurden ab 1984 auch als KSS klassifiziert. Demzufolge änderten sich die Bezeichnungen der vorherigen UAW-Schiffs-Abteilungen in KSS-Abteilungen. Aus der 4. UAWSA, die zur 4. Sicherungsbrigade der 4. Flottille gehörte, wurde so eine 4. KSSA. Im Bestand dieser KSSA handelten vier „kleine“ KSS mit den Bordnummern 241 – 244.

Für die Erarbeitung dieses Beitrages konnten sich die Autoren nur teilweise auf Kopien von Originaldokumenten, Berichte und Veröffentlichungen stützen. Zeitzeugen wurden befragt. Bestimmte Zeitabschnitte, die wir bisher nicht eindeutig nachvollziehen konnten, versuchten wir für KSS aus parallelen Handlungen in den SSK/der VM zu rekonstruieren. Besondere Schwierigkeiten ergaben sich durch die Länge der zurückliegenden Zeit. Fast ein halbes Jahrhundert, wenn man bis zu den Anfängen von KSS in den SSK der DDR zurück geht. Aus diesem Grund kann kein Anspruch auf unbedingte Richtigkeit und Vollständigkeit bestimmter Daten und Vorgänge erhoben werden. Als Autoren würden wir uns über jeden Hinweis freuen, der dazu beiträgt, festgestellte fehler- oder lückenhafte Darstellungen oder falsche zeitliche Angaben zu berichtigen.

— Manfred Kretzschmar und Hans Steike
