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title: "18 Jahre KSS – Fotoalben geben Auskunft"
autoren: ["Hans Steike"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 6"
projekte: ["50", "1159"]
schiffe: ["Ernst Thälmann", "Karl Marx", "Karl Liebknecht", "Friedrich Engels", "Rostock", "Berlin", "Delphin", "Warszawa", "Prosorliwy", "Obraszowy", "Wilhelm Pieck", "Usedom", "Poel"]
zeitraum: "1964–1985"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t06-18-jahre-kss-fotoalben-geben-auskunft"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# 18 Jahre KSS – Fotoalben geben Auskunft

> Hans Steike blickt anhand seiner Fotoalben auf 18 Jahre Dienst bei den Küstenschutzschiffen zurück: Waffenleitoffizier auf der „Karl Marx“, GA-II-Kommandeur auf der „Friedrich Engels“, I. Wachoffizier, Studium an der Militärakademie, Stabschef und ab 1981 Chef der KSS-Abteilung bzw. der 4. KSS-Brigade. Er beschreibt die Außerdienststellung der Projekt-50-Schiffe, die Einführung der KSS Projekt 1159 mit Lehrgängen in Baku und Praktika in Poti, die Gemeinsamen Geschwader der Verbündeten Ostseeflotten, Manöver, Flottenbesuche und die Motive für seinen Dienst.

*Abbildung (Teil 6, S. 19): Unterleutnant zur See*

Diese 18 Jahre – damit ist meine eigene Dienstzeit auf und bei KSS gemeint. Sie begann 1964 als Waffenleitoffizier und endete 1985 als Chef der 4. KSS-Brigade. Drei Jahre Militärakademie Dresden lagen dazwischen. 22 Jahre alt war ich, als ich erstmalig ein KSS betrat und mit 43 Jahren erfolgte die Abversetzung in den Stab der 4. Flottille. Diese Periode im Leben eines Menschen ist wohl die, die einen am meisten prägt. Die Unbekümmertheit der Jugend wird allmählich abgestreift und man reift zum Mann. Mit jeder neuen Dienststellung stellt man sich auch neuen Verpflichtungen und höherer Verantwortung, lernt dazu, muss Tiefpunkte überwinden, ehe man sich über Erfolge freuen kann. Mit den Ereignissen dieser Zeit ist es so wie mit den Menschen, mit denen man zusammen gearbeitet hat. Vor allem die vielen guten sind in Erinnerung geblieben und einige der weniger guten. Die Erinnerung an die Masse aber verblasst leider im Laufe der Zeit. So war es auch mit meiner Dienstzeit. Vieles fiel mir erst wieder nach einem Blick in zwei Fotoalben ein: das erste gibt Auskunft, was ich mit den KSS des Projektes 50 erlebte, das zweite berichtet über die 1159-Zeit. An andere Ereignisse wird man erinnert, wenn man gemeinsam mit Kameraden deren Alben durchblättert, wie wir das zum Beispiel mehrmals bei Manfred Kretzschmar taten.

Heute darf ich es ja sagen: Eigentlich wollte ich gar nicht zu KSS. Auf der Offiziersschule wies meine Perspektive klar in Richtung TS-Boot. Das letzte Bordpraktikum hatte ich bereits in der 2. TS-Abteilung absolviert, die im Sommer 1964 nach Barhöft verlegt hatte. Die theoretische Kommandanten-Prüfung war bereits bestanden und auch das Boot stand fest, das ich übernehmen sollte. Meine Leistungen zur Abschlussprüfung an der OHS konnten sich sehen lassen. Was sollte da noch schief gehen? Doch dann kam alles ganz anders. Am Tag der Ernennung zum Unterleutnant zur See hatte es sich der Chef Kader des Kommandos der Volksmarine nicht nehmen lassen, persönlich die Einsatzbefehle an der OHS zu verlesen. Er ging in der Reihenfolge 1., 4., 6. Flottille, sonstige Einrichtungen vor. Doch mein Name wurde als einziger nicht verlesen. Also meldete ich mich. „Name?“ „Unterleutnant Steike, Genosse Kapitän.“ Nun begann die nochmalige Durchsicht allen Papiers und schließlich wurde ein Einzelblatt gefunden, wohl eine kurzfristige Änderung. „Ja, hier, 6. Flottille.“ Ich innerlich schon himmelhoch jauchzend, doch dann der Schock : „Waffenleitoffizier auf KSS !“ Das war doch das letzte! Bei uns Offiziersschülern war KSS als schwimmende Kaserne verschrieen gewesen und für jeden gab es nur ein Motto, wenn es um die eigene Perspektive ging: „Lieber ein kleiner Gott als ein großer Knecht.“ Der Traum vom kleinen Gott als Kommandant eines TS-Bootes war ausgeträumt!

Anfang November 1964 meldete ich mich im Stützpunkt Saßnitz in der KSS-Abteilung. Die ersten drei Wochen verbrachte ich auf dem Schiff 101 („Ernst Thälmann“) als Double des WLO. Diese Funktion war durch Stabsobermeister Siegmar Steinkopf besetzt, ein Fuchs, was die Waffenleitanlage betraf. Er ließ es sich aber nicht nehmen, dem Unterleutnant erst einmal seine Grenzen zu zeigen. Auf meine Frage, wie ich am besten vorgehen sollte, um mich mit der Anlage vertraut zu machen, empfahl er mir mit leichtem Grinsen das Prinzipschaltbild des Artillerie-Rechengerätes REG-UM1. Es war ein VVS-Faltdokument, beim Empfang lediglich in DIN-A4-Größe aber ziemlich dick. Ich begab mich also in meine Kammer und das Auseinander-Falten begann. Der kleine Schreibtisch reichte bald nicht mehr aus. Auch die Koje war zu klein. Schließlich konnte man selbst auf dem Fußboden der Kammer nicht das ganze Schaltbild vollständig öffnen. Schon die Größe des Dokumentes erschlug einen, aber erst der Inhalt! Unzählige unbekannte Symbole, vermutlich Einzelgeräte, mit geraden, geschlängelten oder gestrichelten Linien verbunden. Pfeile stießen in die Geräte und traten woanders wieder aus. Und alles in russisch. Ich verstand rein gar nichts und faltete den Plan resigniert wieder zusammen. Der Stabsobermeister hatte seinen Spaß gehabt und zeigte sich jetzt als aufmerksamer und geduldiger Lehrer. Es war wohl geplant, dass er mir wenigstens einen ersten Überblick vermitteln sollte, bevor man mich in meine eigentliche Dienstsstellung einsetzte, denn ab 1. Dezember war ich Waffenleitoffizier auf der „Karl Marx“ und sollte es für die nächsten zwei Jahre auch bleiben. Hier erfuhr ich auch den Grund meiner plötzlichen Versetzung zu KSS. Mein Vorgänger, seit 1963 an Bord, hatte sich in diesem einen Jahr fachlich, militärisch und menschlich so disqualifiziert, dass er in die Wachkompanie der 6. Flottille nach Dranske abgeschoben werden musste. Schneller Ersatz musste her. Das also hat mich den Traum vom TS-Boots-Kommandanten gekostet!

*Abbildung (Teil 6, S. 20): Störungssuche am Rechengerät (Album Manfred Kretzschmar)*

Der Waffenleitzug war 15 Mann stark. Er teilte sich in die Oberrichtgruppe und die Waffenleit-Zentrale. Zur Oberrichtgruppe gehörten die Gefechtsstationen 1/II („Wackeltopp“) und 2/II (Zielgeber). Die Waffenleit-Zentrale als GS-4/II lag unter dem Offiziersdeck. Neben dem Reg-UM lag hier auch in einem Nebenraum der Artilleriekreisel „Komponent“. Zum Personal gehörten drei Unteroffiziere: der Leiter der Rechenstelle (LdR), Meister Genßler (†), wegen seiner Größe auch „Muck“ genannt, Maat Göhl als Waffenleitmaat und Obermaat Rauh als E-Mess-Maat. Mit Lernen hatte ich nie Schwierigkeiten. Das Prinzip-Schaltbild hatte schon Dank Stabsobermeister Steinkopf an Schrecken verloren. Da ich keine Berührungsängste hatte und auch meinen Unterstellten Löcher in den Bauch fragte, war ich ziemlich schnell in der Lage, meinen fachlichen Pflichten als Vorgesetzter nachzukommen und meine Gefechtsfunktion zu erfüllen. Auch für das Mitwirken bei der Suche von möglichen Störungsursachen reichte es. Die nachfolgende Schräubchenkunde und das Lesen in diversen E-Schalt-Plänen, um die Störung auch zu beseitigen, das war dann nicht mehr so ganz mein Ding. Dazu gab es schließlich einen LdR und genügend gelernte Elektriker im Personal.

Ich spürte, dass mich nach und nach nicht nur der Waffenleitzug sondern der ganze GA-II akzeptierte. Als Waffenleitoffizier war man gleichzeitig der erste Vertreter des GA-Kommandeurs und damit auch allgemeiner Vorgesetzter des Waffenpersonals. GA-Kommandeur war zuerst Oberleutnant Naumann. Fachlich konnte man von ihm viel lernen und seine akribische Nachweisführung war immer vorzeigewürdig. Ich empfand seinen Führungsstil etwas autoritär und unpersönlich, von zu viel Misstrauen geprägt. Auf kleinste Vergehen von Unteroffizieren und Matrosen wurde oft überreagiert und Lob war selten, selbst wenn es angebracht gewesen wäre. Bei ihm fühlte ich mich ziemlich eingeengt. Damals ahnte ich noch nicht im geringsten, wie viele Jahre wir beide eine Schicksalsgemeinschaft bilden sollten. 1965 wurde er von Kapitänleutnant Strübing abgelöst, der gleichzeitig ein externes Studium an der Seefahrtsschule in Wustrow begann und bei Konsultationen und Prüfungen öfter vertreten werden musste. Ganz automatisch wuchs ich so auch in die Funktion eines GA-Kommandeurs hinein. Ein tolles Gefühl, wenn man vom Wackeltopp aus die drei 100mm-Geschütze dirigierte und aus der geöffneten Luke das synchrone Richten beobachten konnte. Der Abwesenheit des GA-Kommandeurs verdanke ich auch das Rauchen einer Friedenspfeife mit dem LI „Siggi“ Prinz während eines Bordfestes. Ein Foto zeigt, wie wir beide mitten im Saal des Klubhauses der Neptunwerft hocken und nach dem Willen Neptuns mit dem Pfeifenrauch die ewigen, nicht ganz ernst gemeinten Querelen zwischen „Oberdecks-Affen“ (seemännisches Personal) und den „Masutochsen“ (Maschinisten) beenden sollten.

In See besetzte der Waffenleitoffizier unter Bereitschaftsstufe 1 die Zentrale und ging unter Bereitschaftsstufe 2 Brückendienst als Wachoffizier. War alles an Bord, dann standen als WO’s die Kommandeure GA-II, GA-III, GA-IV und eben der WLO zur Verfügung. Im Vergleich mit Kommandant und I.WO, die sich in der Schiffsführung wechselseitig ablösten, war so ein Vier-Wachsystem recht bequem, kam allerdings selten zur Anwendung, denn einer der WO’s war meist abwesend. Ursache konnten Kommandierungen, der jährliche Urlaubsplan oder gelegentlich auch Krankheit sein. Um als WO zugelassen zu werden, war eine spezielle Prüfung erforderlich. Vieles, was mir von der theoretischen Kommandantenprüfung bei TS noch intus war, konnte ich dabei anwenden, wie zum Beispiel die Kenntnisse zur Seestraßen- und Seewasserstraßen-Ordnung, die verschiedenen Navigationsverfahren, Signalbuch, Kräfte und Mittel des Gegners etc. Dazu kam dann KSS-spezifisches Wissen zur Gefechtsorganisation und zum Einsatz der Waffen und technischen Mittel des Schiffes. Als WO bekam man auf der Brücke auch viel davon mit, was in See passierte, wie gut (oder schlecht) die anderen KSS manövrierten, wie sich der Gegner aufführte, wie sich die See bei verschiedenen Wetterlagen veränderte und wie das Schiff darauf reagierte. Im Winter konnte es auf der offenen Brücke aber auch verdammt kalt werden.

Weniger interessant war der Dienst als Diensthabender des Schiffes (DdS). Das war ein 24-Stunden-Dienst im Stützpunkt. Man war Vorgesetzter der Schiffswache, hatte die Einhaltung des Tagesdienstes vom Frühsport bis zur Nachtruhe zu gewährleisten, kontrollierte Landgänger und deren Rückkehr und besetzte bei Gefechtsalarm den HBS, um den Beginn des Seeklarmachens zu leiten, bis man von einem Wachoffizier abgelöst wurde. Hier fallen mir zwei Episoden aus meiner Anfangszeit bei KSS in Saßnitz ein. Ausgerechnet bei meiner ersten Wache als DdS fuhr ein Dienst-PKW „Wartburg“ vor, ein kleiner gedrungener Korvettenkapitän stieg aus, blieb vor der Stelling stehen, betrachtete kurz das Schiff und schaute mich dann irgendwie erwartungsvoll an. Ich kannte ihn nicht. Schließlich herrschte er mich an: „Wollen Sie nicht endlich Meldung machen?“ „Warum, wer sind sie denn?“ „Ich bin der Stabschef der 6. Flottille!“ „Ich kenne Sie nicht. Können Sie sich ausweisen?“ Zum Glück kam der Kommandant durch den Seitengang, erfasste die Situation, ließ mich Front nach Backbord pfeifen, erstattete Meldung und begleitete den Stabschef in die Messe. Es war Gustav Hesse, der wohl mal in Saßnitz nach seinen KSS schauen wollte. Als er an mir vorbei ging, schaute er mich ironisch belustigt an. Ich erwartete ein Donnerwetter, aber nichts geschah. Als er dann wieder von Bord ging, raunte er mir zu: „Machen Sie sich keine Gedanken. Da Sie mich nicht kannten, haben Sie richtig gehandelt. Das nächste Mal wissen Sie aber, wie Sie sich zu verhalten haben!“

Ein andermal stellte ich während des Tagesdienstes – es war Wartung angesetzt – fest, dass viel zu wenig Leute an Oberdeck auf den Gefechtsstationen waren. Es war kurz vor der Frühjahrsentlassung. Und tatsächlich: Kein EK an Bord! Ich informierte die GA-Kommandeure. In diesem Moment kam der DdS des Nachbarschiffes zu uns an Bord. Er suchte seine EK’s ebenfalls. Nun wurde die Suche auf den Stützpunkt ausgedehnt. Im Bootsschuppen stand ich plötzlich einer Runde von etwa 50 EK’s beim Umtrunk gegenüber, einige berüchtigte Rabauken darunter. Diese reagierten dem kleinen Unterleutnant gegenüber ziemlich ruppig-aggressiv, während sich die Masse abwartend verhielt. Ganz wohl war mir so ganz alleine in meiner Haut nicht, kneifen wollte ich aber auch nicht. Also setzte ich mich dazu und sprach nur die Leute unseres Schiffes an, die ich ja alle persönlich kannte. Es sei doch Quatsch, so kurz vor der Entlassung noch eine Konfrontation mit Vorgesetzten zu suchen, oder wollten sie über den Entlassungstag gar im Knast sitzen? Die Vernunft setzte sich durch. Unsere Leute begannen abzuziehen. Danach auch die anderen. Als sie sich isoliert sahen, gaben maulend auch die Rabauken auf.

Im Offizierskollektiv fühlte ich mich von Anfang an wohl. Vielleicht erleichterte es meinen Start, dass mein Vorgänger einen so schlechten Ruf hinterlassen hatte. Kammer 6 teilte ich mir mit dem II. WI, Leutnant (Ing.) Günter Reichwald, und wir beide kamen gut miteinander aus. Interessant und lehrreich waren für mich jungen Spund die unterschiedlichen Führungsstile der einzelnen Offiziere. Von manchen konnte man sich abgucken, wie man es machen sollte, von anderen eher, wie nicht. Und allmählich bildeten sich meine eigenen Führungsgrundsätze heraus, die da lauteten:

- Behandle deine Unterstellten so, wie du selbst von deinen Vorgesetzten behandelt werden möchtest und benimm dich selbst so, wie du es von deinen Unterstellten verlangst!
- Gewinne das Vertrauen deiner Unterstellten! Glaube an das Gute im Menschen!
- Wenn es die Zeit zulässt, ist Überzeugen besser als der nackte Befehl.
- Behalte auch in kniffligen Situationen einen kühlen Kopf!

Diese Grundsätze sollten mich die gesamte Zeit bei KSS begleiten und eigentlich bin ich damit immer ganz gut gefahren.

*Abbildung (Teil 6, S. 22): Brücke Stb, Patz des Wachoffiziers (Album Manfred Kretzschmar)*

Aus meiner Waffenleit-Zeit auf der „Karl Marx“ sind mir einige Ereignisse besonders im Gedächtnis geblieben. So weilte im Oktober 1965 der sowjetische Kosmonaut Pawel Beljajew an Bord, berichtete kurz über seinen Flug und besichtigte das Schiff. Das Bild mit seinem in Rot geschriebenen Autogramm dürfte heute in vielen Fotoalben der damaligen Besatzung zu finden sein. Im November verlegte KSS von Saßnitz nach Warnemünde und wurde der 4. Flottille unterstellt. Positiver Effekt: eine Fahrt nach Hause in Urlaub verringerte sich um Stunden, da die Verbindungen in das Binnenland ab Rostock weit günstiger waren, als von Saßnitz aus. Im Januar 1966 kollidierte die „Karl Marx“ beim Auslaufen aus dem Pinnegraben mit einem kleinen Minol-Binnentanker und beschädigte sich dabei den Steven. Die Kollision erlebte ich als WO auf der Brücke. Aus diesem Seeunfall resultierte eine Empfehlung der Havariekommission, für die Ansteuerung Rostock ein Leitsystem zu schaffen, was in Form der Verkehrsleitstelle später dann auch tatsächlich passierte. Die Leitstelle koordinierte das Ein- und Auslaufen aller zivilen und militärischen Schiffe und arbeitete dazu auch eng mit dem OP-Dienst der 4. Flottille zusammen. Im Juni besuchte eine ungarische Partei- und Regierungsdelegation unser Schiff und ich kommandierte die am Torpedorohrsatz angetretene Ehrengruppe. Bloß gut, dass ich die Meldung an den 1. Sekretär der USAP (Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei), Janos Kadar, auf Deutsch machen durfte. Rein seemännisch betrachtet, war die Navigationsbelehrungsfahrt der „Karl Marx“ und der „Ernst Thälmann“ im August 1966 in die Nordsee das bleibendste Ereignis. Die Fahrt durch die Ostseeausgänge, die Versorgung vor Skagen, das Queren der Nordsee Richtung englische Küste und zurück, das war schon was. Da wir ja in „gegnerischen Gewässern“ handelten, wurde nur zurückhaltend Ausbildung betrieben. Um so mehr Arbeit hatten die Aufklärungsgruppen. Die Fahrt war, verglichen mit einem normalen Seeausbildungstörn, sehr gemütlich. Ich entsinne mich noch, dass wir bei der Rückfahrt zur dänischen Küste über mehrere Wachwechsel immer die gleichen Parameter von WO zu WO übergaben: Kurs 90 Grad, Geschwindigkeit 12 Knoten. Kleine Episode am Rande: Am 22.08. stoppten beide Schiffe mit Erreichen des Nullmeridians und Neptun persönlich erschien mit reichlich Gefolge an Bord. Nach der Meridiantaufe, bei der ich z. B. den Namen „Walross“ erhielt und nach gründlicher Wäsche vom Staub der östlichen Halbkugel gestattete er uns huldvoll das Beschiffen der westlichen. Bei der Reinigung zeigte sich Neptuns Gefolge nicht zimperlich, achtete aber auf die militärische Hierarchie. Einige Exkragenträger wurden mit einem Sicherheitsgurt an das Rohr der achteren 100mm gebunden und damit nach oben gehievt. Mit einem Feuerlöschschlauch wurde solange Seewasser in die Hosenbeine gedrückt, bis es am Hals wieder herauskam. Ich kam mit einem Schluck eines ziemlich ekligen Gebräus davon.

So ganz allmählich hatte sich bei mir ein Sinneswandel vollzogen. Mehr und mehr machte sich das Gefühl breit, dass KSS gar nicht so übel war und dass Besatzungsstärke, Technik und Bewaffnung und See-Eigenschaften des Schiffes ziemlich hohe Anforderungen an einen Seeoffizier stellten. Sicherlich höhere als die auf einem kleinen TS-Boot mit wenig Personal und begrenztem Aufgabenbereich. Sollte das jetzt ein TS-Boot-Fahrer lesen, möge er mir diese Wertung und meine Wandlung verzeihen.

Am 7. Oktober 1966 wurde ich zum Leutnant befördert. Und als Leutnant begann ich dann auch Etappe 2 auf KSS: Kommandeure GA-II auf dem Schiff „Friedrich Engels“. Die Voraussetzungen, Spaß an dieser Aufgabe zu finden, waren gegeben: Durch die vielen Strübing-Vertretungen war ich gut auf meine Funktion vorbereitet, brauchte nicht bei Null anzufangen. Das von meinem Vorgänger übergebene GA-II-Personal verfügte über einen hohen Ausbildungsstand und zeigte sich mir gegenüber aufgeschlossen und willig. Die Offiziere des Schiffes akzeptierten den „Neuen“ und halfen mit Ratschlägen, ohne sich aufzudrängen. Später, als ich richtig integriert war, saßen wir abends öfter auch einmal bei einem Schnäpschen in einer der Kammern zusammen, tauschten persönliche wie dienstliche Probleme aus oder feierten einfach irgend einen kleinen Anlass. Wir mussten nur aufpassen, dass es der „Alte“ nicht mitbekam. Nicht etwa weil Alkohol an Bord seit 1966 verboten war. Nein, wenn Peter Dölling (†) uns beim Sünden erwischte, klinkte er sich ein und dann konnte es tödlich werden. Hier ein kleiner Einwurf: So hart es persönlich war, keine Wohnung im Standort zu haben und Abend für Abend an Bord zu hocken, es schweißte nicht nur das Offizierskollektiv zusammen. Man hatte nach Dienst auch die Zeit, sich in den Wohndecks sehen zu lassen und das Gespräch mit den Unterstellten zu suchen. Dem Vertrauensverhältnis zwischen Offizieren und Mannschaften konnte das nur dienlich sein.

Bei meinem ersten Seezielschießen der 100mm-Geschütze erreichten wir die Note „gut“ und am Ende des Ausbildungsjahres konnte der GA-II als „Bester Gefechtsabschnitt“ ausgezeichnet werden. Persönlich hatte ich mir für das kommende Jahr vorgenommen, meine Kenntnisse und Fertigkeiten zum Einsatz der 100mm gegen Luftziele zu verbessern. Begleitendes Feuer war zwar theoretisch möglich, praktisch war es schwierig, ein schnelles Luftziel – von Raketen ganz zu schweigen - mit der Artillerie-Funkmeß-Station „Jakor“ zu halten und bei der Errechnung der sich schnell ändernden Richtwinkel stieß die Elektromechanik des REG-UM1 an ihre Grenzen. Der Ausweg: In Sekunden mussten mit Splittergranaten in der richtigen Richtung mehrere Sperren hintereinander aufgebaut werden, die das Durchbrechen angreifender Fliegerkräfte oder Stukas zum Schiff verhindern sollten. An den Geschützen wurde der Ladevorgang komplizierter, da – anders als beim Seezielschießen – jede Granatpatrone noch durch die Zünderstellmaschine wandern musste. Eine zweite Herausforderung, auf die ich noch nicht vorbereitet war, stellte das Schießen auf unsichtbare Küstenziele dar. In der Waffenleitzentrale lagerte dazu ein Gerät, mit dem die Basiswerte zum Ziel von einem sichtbaren Orientierungspunkt aus berechnet werden konnten. In das Rechengerät eingegeben, schoss man praktisch mit verlegtem Treffpunkt. Um Flächenfeuer zum Beispiel für die Feuervorbereitung einer Seelandung zu erreichen, waren vor jeder neuen Salve systematische Korrekturen der Seiten und der Entfernung notwendig. Es gab also noch genügend zu büffeln, um ein richtig guter GA-Kommandeur zu werden. So zwei, drei Jahre wollte ich es in dieser Funktion, die mir wirklich Spaß machte, aushalten. Doch es sollte ganz anders kommen. Dazu später mehr.

Denke ich an die Zeit auf der „Friedrich Engels“ zurück, dann fällt mir unwillkürlich die Orkanfahrt im Oktober 1967 ein: die tobende, mit Schaumkämmen überzogene See, darüber ein dichter Schleier aus Gischt. Gespenstische Wolkenfetzen, die vor einem fahlen Mond vorüber rasten. Der Vorsteven des Schiffes gerade noch in einem Wellental, um gleich darauf mit unheimlicher Kraft meterhoch nach oben gerissen zu werden. Schwere Brecher, die über Back und Bootsdeck schlugen und das Schiff sekundenlang nachzittern ließen. Die Dehnungsfuge auf dem Schornsteindeck, die fußbreit auseinander klaffte. Selbst auf der Brücke gab es kein trockenes Plätzchen und nach der Wache war man bis auf die Haut durchnässt. Komischerweise hatte ich keinerlei Angstgefühle sondern absolutes Vertrauen in das Schiff. Bewundernswert, wie es gegen die Gewalten der See ankämpfte und letzten Endes immer wieder Sieger blieb. Seekrankheit kannte ich zum Glück nicht. Wurde es mir in den ersten Wochen an Bord wirklich mal flau im Magen, gab es ein wirkungsvolles Privatrezept: eine Tasse heißen, gebrühten Kaffee und jede Menge Schmalzstullen. Das wurde später zur Gewohnheit, selbst wenn die See spiegelglatt war. In jener Orkannacht hätte es allerdings kein Pantry geschafft, eine Tasse Kaffee zum HBS zu balancieren. Alle Teilnehmer dieser unvergesslichen Fahrt erhielten eine Urkunde, auf die ich heute noch ziemlich stolz bin.

Ich erinnere mich auch an die auslaufende Parade am 29. Oktober 1967 anlässlich des 50. Jahrestages der Oktoberrevolution. An dieser Parade nahmen auch Schiffe der Baltischen Flotte (BF) teil, u. a. ein großes UAW-Schiff vom Slawny-Typ. Das Flaggschiff der Parade, die „Ernst Thälmann“ lag im Seekanal Höhe Passagierkai an Tonnen verankert. Immer mehr aufbrisender Westwind drückte das Schiff allmählich in das Fahrwasser hinein. Mit Leinen bis zur Pier und mit Schlepperhilfe konnte es gerade so gehalten werden. Die Einheiten kamen nach strengem Zeitplan aus dem Stadthafen, dem Überseehafen und aus dem Stützpunkt Warnemünde, um möglichst auf die Sekunde genau am Flaggschiff vorbei zu paradieren. Irgend etwas musste schief gelaufen sein, denn wir erhielten aus dem Stadthafen kommend und im Zeitplan liegend noch im Warnowfahrwasser den Befehl, die Fahrt auf 15 Knoten zu erhöhen. Das war fast das Doppelte der für diesen Abschnitt zugelassenen Geschwindigkeit. Aber wir haben es geschafft! Beeindruckend war es dann, in der aktuellen Kamera des DDR-Fernsehens am Abend zu sehen, wie der riesige „Slawny“ mit geringem Abstand an dem kleinen KSS vorbeirauschte.

Nun will ich aber darauf zurückkommen, warum meine persönliche Kaderplanung nicht aufging. Im Oktober wurde ich zum ACH befohlen. Das war damals Hermann Strecker. Kadergespräch: „Na, Genosse Leutnant, wie haben Sie sich auf der Vier (gemeint war die „Friedrich Engels“) eingelebt? Wie stellen Sie sich ihre weitere Entwicklung vor?“ Ich berichtete von meinen Vorstellungen. Darauf der ACH: „Wir haben mit Ihnen eigentlich andere Pläne. Wir brauchen ab Dezember einen I. WO.“ Was? Ich sollte meinen geliebten Job als GA-II-Kommandeur gegen den aufreibenden eines I. WO’s eintauschen? Der Leutnant zeigte sich störrisch. Erlaubt sich da der ACH doch eine astreine Erpressung: „Sie suchen doch schon lange eine Wohnung im Standort? Sie kennen ja die Situation, das kann noch dauern. Für einen I. WO hätte ich ab Frühjahr nächsten Jahres eine Zwei-Raum-Wohnung in Markgrafenheide frei.“ Damit hatte er mein Schicksal besiegelt. Ich kuschte und so begann für mich Etappe 3 auf KSS, jetzt in der Dienststellung I. Wachoffizier.

*Abbildung (Teil 6, S. 24): Schiffsgefechtsübung (Album Manfred Kretzschmar)*

Als I. WO war man der erste Vertreter des Kommandanten und Mädchen für alles. Man hatte die „Berechtigung zur selbständigen Schiffsführung“ abzulegen. Einige Elemente der WO-Prüfung wiederholten sich, aber viel Neues kam dazu: An- und Ablegemanöver im Stützpunkt und in See, Revierfahrten, die U-Boot-Jagd und, und, und ... In See wechselte sich der I. WO mit dem Kommandanten in der Schiffsführung ab und war verantwortlich für „zentrale“ Ausbildung wie Schiffsgefechtsübungen, Rollentrainings oder das methodische Durcharbeiten komplizierter Aufgaben wie es z. B. die Entaktivierung/ Entgiftung des Schiffes war. Vor Anker waren Kommandant und I.WO wachfrei. In die wachfreie Zeit fielen dann die schon genannte Ausbildung und diverse Kontrollen zur Einhaltung des Seeausbildungsplanes in den GA’s und der allgemeinen Organisation an Bord. Im Stützpunkt nahm der I. WO an der Monats- und Wochenplanung beim Stabschef teil und forderte dort Maßnahmen für verschiedene Sicherstellungen für den Planungszeitraum an. Er erarbeitete den Wochenplan des Schiffes und wies die GA-Kommandeure und Leiter der Dienste darin ein. Im Tagesbefehlsbuch hatte er die Maßnahmen des Tages festzulegen und der Besatzung bei der Abendmusterung des Vortages bekannt zu geben. In seiner Verantwortung lag die jährliche Urlaubsplanung für die Offiziere des Schiffes und ein Wust von Papier, das es zu führen galt. Genannt seien hier nur der „Gefechtsausbildungsnachweis“ (GAN) des Schiffes, Urlaubs- und BB-Karteien der GA-Kommandeure und Leiter der Dienste sowie diverse Kontrollbücher. Vor jedem Seetörn hatte er den Plan der Seeausbildung und die zugehörigen Schiffsgefechtsübungen zu erarbeiten und dem Kommandanten zur Bestätigung vorzulegen. Er genehmigte die Landgänger, unterschrieb die Urlaubsscheine, nahm die Meldungen des alten und neuen DdS beim Wachwechsel entgegen. Er raufte sich mit dem PV, wenn dessen Maßnahmen mal wieder den geplanten Tagesdienst durcheinander brachten. Er kroch in alle Ecken und Winkel des Schiffes, wertete mit den GA-Kommandeuren festgestellte Mängel aus und überwachte deren Abstellung. Er plante monatlich möglichst gerecht die Dienste der DdS vor, kontrollierte und bestätigte die wöchentlichen Anforderungen an BA und Verpflegung, bevor sie über den Stab den Fachdiensten der Flottille zugeleitete wurde und schaute dem Wachtmeister bei der Erarbeitung der täglichen Stärkemeldung auf die Finger. Eines hatte er nie: Langeweile.

Zunächst landete ich ab Dezember 1967 auf der „Karl Liebknecht“. Und wer war dort wohl Kommandant? Klar, Fritz Naumann. Hier möchte ich kurz vorgreifen. Wenn ich Dieter Sperling mal ausklammere, der nur wenige Wochen mein unmittelbarer Vorgesetzter war, hatte ich es als I.WO mit folgenden Kommandanten zu tun: schon genannt Fritz Naumann auf der „Drei“, 1969 war es Peter Dölling auf der „Vier“ und von 1969 bis 1971 Peter Kühn auf der „Eins“. Unterschiedlicher konnten meine Arbeitsbedingungen nicht sein. Bei Kapitänleutnant Naumann fühlte ich mich wieder gegängelt, kaum Freiheit für eigene Entscheidungen. Bei Korvettenkapitän Dölling hatte ich mehr Freiheiten, als mir lieb waren. Er kam seinen Pflichten als Schiffslenker in See vorbildlich nach, aber alles, was im Stützpunkt passierte, war seiner Meinung nach Sache des I.WO bzw. wenn es um politische Arbeit ging, des PV. Ideal wurde es dann für meine Begriffe bei Kapitänleutnant Kühn. Hier gab es ganz klare Kompetenzen und eine Arbeitsteilung so, wie es DaB und Innendienst-Vorschrift vorsahen. Mit PV und I.WO saß er regelmäßig zusammen und beriet die sinnvollsten Varianten zur Lösung gestellter Aufgaben. Waren die grundsätzlichen Befehle erteilt, gab es für mich genügend Freiraum, um eigene Vorstellungen zu verwirklichen. Der Kommandant gab durchdachte klare Terminstellungen vor und achtete dann nicht nur auf Pünktlichkeit sondern auch auf Qualität.

Von den vielen Ereignissen, die sich während meiner I. WO-Zeit von 1967 bis 1971 ereigneten, möchte ich nur einige nennen. Überraschend für mich: Am 1. Mai 1968 wurde ich vorzeitig zum Oberleutnant befördert. Waren es meine bisherigen Leistungen? War es meine Kapitulation vor dem ACH, als der einen I.WO brauchte? War ein Leutnant als I.WO nicht „standesgemäß“? Egal, ich habe mich darüber gefreut. Weiter geht es im Juli. Eine auf meinen Namen ausgestellte „Gramota“ (Urkunde), Unterschrift vom Chef der Landungskräfte der Baltischen Flotte, einem Konteradmiral Below, weist auf die Teilnahme des Schiffes „Karl Liebknecht“ als darstellende Kraft an der gemeinsamen Kommando-Stabsübung „Sewer-68“ hin. Ich erinnere mich an ein Manöver, bei dem wir zuerst an der Sicherung eines Landungsgeleites teilnahmen und anschließend mit Salutmunition die Feuerunterstützung während der Anlandung imitierten. Die zugewiesene Feuerposition vor Usedoms Nordzipfel lag im Flachwasser und erforderte besondere nautische Vorsicht. Könnte das „Sewer-68“ gewesen sein? Am 1. Oktober 1968 dann ein ganz trauriger Tag für das Schiff und die ganze KSS-Abteilung: Als erstes KSS des Projektes 50 wurde die „Karl Liebknecht“ außer Dienst gestellt. Heute schreibt sich das so einfach, damals ging es ganz schön an die Nieren und manch hartgesottener Seemann schluckte oder wischte sich verstohlen eine Träne ab, als unter den Klängen der Nationalhymne Flaggen und Kommandozeichen eingeholt wurden.

*Abbildung (Teil 6, S. 25): 10.10.1969: „Hol nieder Flagge!“*

Nach Auflösung der Besatzung begann ich bereits ab Ende Oktober meinen Dienst als I.WO auf der „Friedrich Engels“. Höhepunkte wurden rar. Im Juni 1969 überstanden wir erfolgreich eine Inspektion des Ministeriums für Nationale Verteidigung in der 4. Flottille. Im September fand die gemeinsame Übung „Oder-Neiße-69“ statt. In meinem Album fand ich eine wiederum auf meinen Namen ausgestellte Teilnahmeurkunde, diesmal unterschrieben vom polnischen Verteidigungsminister Waffengeneral Jaruzelski. Verschiedenen Quellen, auch die von unserer Kameradschaft erarbeitete Ereignistafel zur KSS-Geschichte, nannten bisher als Teilnehmer am Manöver aus der KSSA nur die „Ernst Thälmann“. Auf diesem Schiff diente ich aber erst ab Dezember. Folglich müsste auch die „Friedrich Engels“ noch an der Übung beteiligt gewesen sein. Über den 7. Oktober 1969, dem 20. Jahrestag der Gründung der DDR, fand im Stadthafen Rostock eine stehende Flottenparade statt, Flaggschiff KSS „Friedrich Engels“. Da bereits bekannt war, dass auch dieses Schiff danach außer Dienst gestellt werden sollte und mit Blick auf Verleihung von Namen an große Flottenübungen nannten wir die Paradeaktion etwas respektlos „Friedrich Engels’ letzte Nummer“. Die Außerdienststellung der „Friedrich Engels“ erfolgte dann am 10. Oktober. Nachdem die Abrüstungen abgeschlossen waren, wurden auf dem Schiff noch Szenen des DEFA-Films „Rottenknechte“ gedreht. Das Drehbuch lehnte sich an eine tatsächliche Begebenheit der letzten Kriegstage an. Die Besatzung eines Minensuchers der Kriegsmarine verweigerte, das Ende des Krieges bereits vor Augen, einen weiteren sinnlosen Einsatz. In den Stützpunkt zurückgekehrt, wurden die Organisatoren als Deserteure festgenommen und verurteilt. Auf unserem Schiff wurde ein „Knast“ eingerichtet, in dem die „Festgenommenen“ einsaßen. An Steuerbordseite wurde eine Gangway angeschweißt, die einem Kreuzer zur Ehre gereicht hätte und bis zum Bootsdeck reichte. An ihr legte später die Barkasse mit dem – laut Drehbuch – Gericht der Kriegsmarine an, die die Arrestanten zum Tode verurteilten, obwohl Deutschland bereits kapituliert hatte. Unsere Besatzung stellte Nebendarsteller und Statisten, die in verschiedene Uniformen der Nazizeit gekleidet waren. Verpflegt wurden unsere „Schauspieler“ auf Kosten der DEFA in der Großküche. Dabei gab es einen Affront mit Kapitän zur See „Waldi“ Richter, dem Flottillenchef. Oft war bei den Dreharbeiten die Zeit knapp und so schlenderten die „Nazis“ einzeln oder in Gruppen durch die Dienststelle und obwohl sie den FCH militärisch exakt grüßten, gingen ihm die hakenkreuzgeschmückten Uniformen in seiner Dienststelle gegen den Strich. Ab sofort war vor dem Essen in der Großküche Umziehen angesagt. Im Jahre 2005 lief im NDR eine Dokumentation, die die Ereignisse um den Minensucher M-612 noch einmal aufrollte. Dabei stellte sich auch heraus, dass der Richter, der damals die Todesurteile verhängt hatte, in der Bundesrepublik dafür nie belangt wurde. Mit DDR-Richtern sprang man nach der Wende weniger rücksichtsvoll um. Da waren auch geringfügige Urteile plötzlich „Rechtsbeugung“. So viel zum Thema Rechtsstaat.

Ab Dezember 1969 bis Juli 1971 war ich dann zwei Jahre I. WO auf der „Ernst Thälmann“. Vor sieben Jahren hatte mein Fuß auf diesem Schiff erstmals ein KSS betreten. Der Kreis hatte sich geschlossen. Erwähnenswerte Ereignisse während meiner Zeit auf der 121 waren der Flottenbesuch in Gdynia im Juni 1970 und die Teilnahme am Manöver „Waffenbrüderschaft“ im Oktober des gleichen Jahres. 1971 ging das Schiff zur turnusmäßigen Wartung in die Neptunwerft. Naturgemäß ist es während einer mehrmonatigen Werftliegezeit schwer, militärische Disziplin und Ordnung auf höchstem Niveau zu halten. Im Gedächtnis geblieben sind mir deshalb besonders die unkonventionellen Einfälle des Kommandanten, mit denen er Aufweichungserscheinungen gegensteuern wollte. Da wurde ein Zirkel für den Erwerb der Motorrad-Fahrerlaubnis gebildet. Die GST-Gruppe der Werft stellte die Ausbilder. Das Motorrad wurde selbst beschafft. Bei Verstößen gegen die Disziplin endete die Zirkel-Teilnahme. Immerhin hatte man so fast 50 Leute fest an der Leine. Der Kutter K-6 war laut Werftliste abzurüsten. Der Kommandant ließ ihn mit wenig Aufwand und vorrangig in Eigeninitiative der Besatzung zu einem schnuckligen, kleinen Boot umbauen, auf der die besten Matrosen und Unteroffiziere der Woche unter Aufsicht eines Offiziers als Bootsführer ein Wochenende auf der Unter-Warnow verleben durften. Über Motorrad-Zirkel und den umgebauten, „Ostseeland III“ getauften Kutter wurde in den KSS-Broschüren bereits ausführlich berichtet. Das war aber noch nicht alles. Ausbildung war in der Werft kaum möglich. Auch dafür war Peter Kühn ein Äquivalent eingefallen. Teile der Besatzung lagerten aus, kampierten in einem Zeltlager auf dem Gelände der Paten-LPG, wurden mit Feldküche verpflegt und hatten allerlei militärische und sportliche Übungen zu absolvieren, Nachtausbildung eingeschlossen.

Schon Ende 1970 hatte es mit mir wieder ein Kadergespräch gegeben. Mir wurde vorgeschlagen, ab August 1971 ein Studium an der Militärakademie in Dresden zu beginnen. Mein Interesse war da. Das Problem: Man musste sich damit abfinden, nach Abschluss der Akademie an einem beliebigen Dienstort eingesetzt zu werden Eine garantierte Rückkehr nach Warnemünde oder gar zu KSS gab es nicht. Nach Rücksprache im „Familienrat" sagte ich zu. Nun war es so weit. Im Juli 1971 wurde ich zusammen mit dem Politstellvertreter Horst Klein vom Schiff „Ernst Thälmann“ verabschiedet. Unseren feucht-fröhlichen Ausstand geben wir im Klubhaus der Neptunwerft. Später – schon in Dresden – wurde bekannt, dass die gut gemeinten und – aus meiner Sicht – auch gelungenen Eigeninitiativen von Peter Kühn während der Werftliegezeit seines Schiffes nicht den Gefallen von Vorgesetzten in der Flottille gefunden hatten. Die Abteilungsleitung unter Hermann Strecker, die bisher alles gedeckt hatte, knickte ein und ließ ihren Kommandanten in Stich. Unter fadenscheinigen Gründen wurde alles verboten, was nicht dem alten Trott entsprach. Peter musste es allein ausbaden. PV und I.WO, die seine Maßnahmen gut geheißen, unterstützt und mit organisiert hatten, waren ja nicht mehr da.

Über die Akademiezeit Dresden will ich mich nicht groß auslassen. Nur eine Episoden aus der Anfangszeit sei genannt und auch nur deshalb, weil sie indirekt mit KSS zu tun hat. Nach dem ersten Studienjahr reiste unsere Klasse in einer Art Praktikum durch die Volksmarine und wurde mit den wichtigsten Dienststellen vertraut gemacht. Dabei konnte ich KSS einen guten Dienst erweisen. Aus meiner Bordzeit wusste ich noch, dass es im seemännisch-technischen Lager der 4. Flottille schon ewig keine sogenannten Schwertfeger mehr gab. Das war ein spezieller, kleiner, aus der SU importierter Drahtbesen, der für die größte Schweine-Arbeit an Bord - das Kesselfegen - benötigt wurde. Man behalf sich schon Jahre lang mit Drahtbürsten und anderen Provisorien. Unter den Dienststellen, die wir jetzt besuchten, war auch das VAL-4 in Waren, zentrales Lager der Volksmarine. In dessen seemännisch-technischem Bereich lagerten in russisch beschrifteten Kisten Unmengen von Schwertfegern. In Waren war unbekannt, wie die Dinger hießen und wozu sie eigentlich benötigt wurden. Mit dem Wort „Schwertfeger“ konnte niemand etwas anfangen und so stießen die Forderungen der 4. Flottille offensichtlich immer wieder ins Leere. Noch von Waren aus rief ich den Stellvertreter RD der KSSA, Korvettenkapitän Liebmann, an und berichtete ihm von meiner Entdeckung. Tatsächlich sind Schwertfeger dann wirklich bei KSS angekommen.

*Abbildung (Teil 6, S. 27): Im KSS-Stab (der Autor 4. v. l.)*

1974 war die Akademiezeit zu Ende und zu meiner Erleichterung landete ich wieder in der KSS-Abteilung, jetzt als ihr Stabschef. Mein Vorgänger, Kurt Urmoneit, hatte die Übergabe gut vorbereitet und wohl auch wenig Zeit. Alles ging holterdiepolter über die Bühne. Wie werde ich in dieser Funktion klarkommen? Mein direkter Vorgesetzter war mal wieder Fritz Naumann als ACH. Wird er genügend Geduld aufbringen? Ich hatte ja keinerlei praktische Erfahrung in der Stabsarbeit. An der Akademie hatte man uns zwar beigebracht, wie man eine U-Boot-Wand im Atlantik aufbaut, aber nicht, wie man zum Beispiel ein Ausbildungs-Halbjahr im Truppenteil organisiert. Werden mich die altgedienten Stellvertreter des ACH akzeptieren? Wie werden solche alte „Stabshasen“ wie Eberhard Geisler, Ernst Veit oder Gerhard Wehrend auf den jungen Spund reagieren, den man ihnen vor die Nase gesetzt hat? Und wie die Kommandanten? Bei Peter Kühn, immer noch auf der „Ernst Thälmann“, machte ich mir wenig Sorgen. Ihm hatte ich schon als I.WO beweisen können, dass ich weder dumm noch faul war. Eher schon bei Lothar Winter, Kommandant der „Karl Marx“. An Lebensjahren und Erfahrung war er mir weit voraus. Er war bereits mein Kommandant, als ich noch als kleiner Leutnant GA-II-Kommandeur auf der „Friedrich Engels“ wurde. Komischer Gedanke, dass ich plötzlich sein Vorgesetzter sein sollte.

War man als I.WO das Mädchen für alles an Bord eines Schiffes, dann war man es als SC für die gesamte Abteilung. Jedenfalls für fast alles: Halbjahres-, Monats- und Wochenplanung, Gefechtsbereitschaft, Gefechtsausbildung der Schiffe, Stabsdienstausbildung, Zustand der Technik und Bewaffnung, militärische Disziplin und Ordnung, Nachrichten-, Chiffrier- und VS-Wesen, Auffüllung der Schiffe mit Unteroffizieren und Matrosen. Kader und Finanzen war Sache des ACH persönlich, politische Arbeit und rückwärtige Sicherstellung waren eigene Stellvertreterbereiche. Es gab da so einen treffenden Spruch: Wenn alles klappt, dann hat die Einheit einen guten Chef. Wenn etwas schief geht, dann einen schlechten Stabschef. Da ich letzteres nicht sein wollte, hieß es wieder einmal büffeln: eigene Dienstpflichten und die der unterstellten Stabsoffiziere, Vorschriften und Ordnungen en masse, von denen man als Bordoffizier noch verschont geblieben war, den Wust der umfangreichen Nachweisführung im SC-Bereich, Alarmdokumentation der Abteilung, System der Dienstbesprechungen, Kontrollschwerpunkte, Bewertungskriterien usw. Die ersten Wochen und Monate brannte im Zimmer 6 der Stabsbaracke abends ziemlich lange das Licht. Dass ich die Schiffe kannte und persönlich auch noch einen Großteil der Schiffs- und Stabsoffiziere, das sollte sich als unschätzbarer Vorteil erweisen, denn vieles, was man an Organisation wissen sollte, fand man nirgends niedergeschrieben. Ich holte mir von überall Rat. Und ich fragte auch meine Unterstellten, was am Arbeitsstil meiner Vorgänger weniger gefallen hatte und was ich vielleicht besser machen könnte. Viele solcher Hinweise ließen sich einfach verwerten. Mein Bemühen vor Augen, versuchte sich der ACH zwar um Zurückhaltung, kam aber nie ganz aus seiner Haut heraus. Mich störte besonders, wenn er in meine Dienstorganisation eingriff und den Stabsoffizieren Befehle erteilte, von denen ich nichts wusste und die sie hinderten, meine eigenen zu erfüllen. Schwamm darüber. Allmählich fühlte ich mich in der SC-Funktion heimisch. Natürlich gab es auch kleinere Pannen, denn man braucht schon zwei, drei Jahre um als SC so fit zu werden, dass keine noch so unerwartete Situation einen umhauen kann.

Neu war für mich die Organisation der Stabsdienstausbildung besonders der Stabstrainings. Im Mittelpunkt stand dabei die Entschlusserarbeitung. In Form eines Entschlusses meldete der ACH, gestützt auf aussagekräftige Darstellungen in der Karte und ein feststehendes Meldeschema, dem FCH (manchmal auch höheren Vorgesetzten), wie er eine, seiner Abteilung gestellte, größere Aufgabe zu lösen gedenkt. Ginge es nur um die zwei noch laufenden KSS, wäre das gar kein Problem gewesen. Doch meist erhielten wir mit der Aufgabenstellung auch noch andere Kräfte der Volksmarine zugeteilt. Lag zu Beginn meiner Tätigkeit als SC die Normzeit für die Erstellung eines Entschlusses noch bei 4 Stunden, hatte ich zuletzt als Brigadechef nur noch zwei Stunden Zeit dafür. Ich merkte schnell, dass es nicht ausreicht, den Ablauf einer Entschlusserarbeitung selbst zu beherrschen. Das hatte man uns an der Akademie zu Genüge beigebracht. Wichtiger war es, im Führungspunkt eine solche Organisation zu schaffen, dass die Zuarbeiten der einzelnen Spezialisten inhaltlich und zeitlich zueinander passten und dem Chef und mir noch genügend Zeit für eigene Entscheidungen blieben. Also wurde erst einmal ein Zyklogramm erstellt, wer was, in welcher Form, wann, wem vorzulegen hatte. Daran wurde ständig gefeilt. Nach jedem Training saß ich mit meinen Spezialisten zusammen und wir diskutierten aus, was noch besser gemacht werden könnte. Schließlich verfügten wir über vorbereitete Musterentschlüsse für die wichtigsten Aufgaben, die uns treffen konnten: Suche und Vernichtung von U-Booten in bestimmten Seegebieten, Überführung von Transportgeleiten, Sicherung von Landungsgeleiten und Feuerunterstützung für Landungstruppen. Immer wiederkehrende Lage- und Entschlusselemente waren in Karten bereits leicht vorgezeichnet und in einer kleinen GVS-Kladde hielt ich verschiedene Textteile für typische Entschlüsse als Anhalt in deutsch und auf russisch fest. Details zu ändern, die in den verschiedenen Aufgabenstellungen steckten, war dann nicht mehr das Problem. So gewappnet, überstanden Chef und sein Führungsorgan problemlos alle Entschlussmeldungen, die bei Manövern, Kommandostabsübungen oder Überprüfungen der Gefechtsbereitschaft gefordert waren. Ähnlich methodisch lösten wir auch andere, größere Aufgaben der täglichen Organisation. Ich glaube, in der SC-Tätigkeit hatte ich meine eigentliche Berufung gefunden. Es lag mir, über Problemen zu brüten, Varianten ihrer Lösung zu entwickeln, zu prüfen, zu verwerfen oder zu favorisieren, um dann beispielsweise in einem „Plan der Maßnahmen“ den schrittweisen Lösungsweg mit konkreten Terminen und Verantwortlichkeiten meinem Chef zur Bestätigung vorzulegen. Und dann natürlich auch die strikte Erfüllung zu überwachen und den Plan zu präzisieren, wenn es sich als notwendig erwies. Auf jeden Fall machte mir das mehr Spaß, als das Repräsentieren, wie man das später als Chef von mir erwartete.

Mit einer Tatsache muss man sich allerdings abfinden: der SC-Job ist sehr zeitaufwendig. Ein pünktlicher Feierabend im Stützpunkt war selten. Gingen die Schiffe in See, war der Führungspunkt und damit auch der SC an Bord. Machten die Schiffe wieder fest, war erst Feierabend, wenn die Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft abgeschlossen war. Als Chefdienst hatte man nach Dienstschluss oder am Wochenende zu Hause in Telefonnähe auszuharren, während andere mit ihren Familie spazieren gehen konnten. Meiner Frau gefiel diese Entwicklung gar nicht. Täglich unsere uniformierten Nachbarn vor Augen, die jeden Abend schon kurz nach Dienstschluss vor ihren Haustüren standen und die jedes Wochenende in den kleinen Gärtchen werkelten, die zu den Häuschen auf der Hohen Düne gehörten, versteifte sich immer mehr in der Meinung, der Dienst sei mir wichtiger als die Familie. Mir war beides wichtig und ich brauchte beides. Eine Tätigkeit, die mich ausfüllte und die Familie als sicheren Hafen, in dem ich mir die Kraft für neue Aufgaben holte. Leider brachte meine Gattin zunehmend weniger Verständnis für diesen Zusammenhang auf.

*Abbildung (Teil 6, S. 28): KSS „Ernst Thälmann“ im Stützpunkt W’mde*

In meiner SC-Zeit von 1974 bis 1980 fiel auch das Ende der Ära der KSS Pr. 50 mit der Außerdienststellung der „Ernst Thälmann“ am 29. August 1977. Mein Chef war in Urlaub und ich hatte die traurige Aufgabe, den Außerdienststellungs-Befehl zu verlesen und das Niederholen der Flaggen und Kommandozeichen zu befehlen. Für die Flottille war das Ereignis wohl nebensächlich, denn man hatte lediglich den Leiter der UA Ausbildung abgesandt, um auf der Schanz von mir die Dienstflagge des Schiffes in Empfang zu nehmen. Was hatten diese Schiffe über viele Jahre in den Seestreitkräften und in der Volksmarine nicht alles geleistet! Selbst in den drei Jahren, die ich bisher SC war, gab es für die mittlerweile betagten KSS kaum Ruhe: Teilnahme an Manövern und Kommandostabsübungen „Wal-74“ und „Meridian-75“, Flottenbesuche in Gdynia und Leningrad, Überprüfungen der Gefechtsbereitschaft durch die Flottille und das jährliche Pensum an Gefechtsausbildung im Stützpunkt und in See bei regelmäßiger Teilnahme an den UAW-Lehrabschnitten der Volksmarine. Andererseits war der Verschleiß der Technik nicht zu übersehen. Peinlich, dass während der Rückkehr vom einem Flottenbesuch ein Schiff mit unklarer Kesselanlage zum Stützpunkt zurück geschleppt werden musste. Der Chef der Volksmarine hatte sich auf das Schulschiff „Wilhelm Pieck“ gerettet.

Aber wie so oft im Leben: ein Ende ist zugleich ein Neuanfang. Mit der Zusammenstellung des Berufssoldaten-Personals begann 1975 die Zeit der unmittelbaren Vorbereitung auf die Einführung neuer Schiffe in die Volksmarine: KSS des Projektes 1159. Noch wusste niemand von uns, wie diese Schiffe aussehen würden, welche Bewaffnung und Technik uns erwartete. Erster richtiger Paukenschlag waren die Lehrgänge in Baku und Leningrad von März 1976 bis März 1977. Für die Lehrgangszeit übergab ich meine Funktion in Warnemünde an Korvettenkapitän Helmut Halke, um als SC der „Ekipash“, wie wir dort genannt wurden, an der Ausbildung in Baku teilzunehmen. Vorangegangen waren an mehreren Abenden heftige Dispute mit meiner Gattin, die absolut gegen meine Teilnahme am Lehrgang war. Wieder kam das Argument, der Dienst sei mir wichtiger als die Familie. Schließlich lenkte sie ein: „Entscheide du. Ich werde deine Entscheidung respektieren, egal wie sie ausfällt.“ Ich entschied mich für Baku. Die Abreise fiel genau auf meinen 34. Geburtstag. Über den Ablauf dieser einjährigen Ausbildung ist im Teil 4 der KSS-Reihe ausführlich berichtet worden. Ich kann nur zustimmen: Es war keine leichte, aber doch eine schöne und vor allem unvergessliche Zeit.

*Abbildung (Teil 6, S. 29): Endlich! Die zukünftige Rostock läuft ein.*

Ende März 1977 kehrten wir wieder in die Heimat zurück. Hier erwartete mich die schwerste Enttäuschung, die das Leben mir bisher bereitet hat. Meine Frau hatte nach einem ruhigeren Fahrwasser gesucht und es auch gefunden. Sie lag an einem neuen Liegeplatz bereits so fest, dass alle Versuche, die Ehe zu retten, erfolglos blieben. Ich hatte ihre Kraft als „Soldatenfrau“ über- und ihre Sehnsucht nach mehr Geborgenheit wohl unterschätzt. Die Wunde saß viel tiefer, als ich nach außen zeigte. Arbeit war das beste Mittel, um sich abzulenken und zu vergessen. Und an Arbeit gab es keinen Mangel. Während die „Ernst Thälmann“ noch bis zum Ende August im aktiven Dienst verblieb, hatte bereits die Auffüllungen für die beiden ersten neuen Schiffe begonnen. Im Herbst stand die erste Besatzung und verlegte im November unter Führung des ACH nach Poti zu einem dreimonatigen Bordpraktikum auf dem 1159-Typschiff „Delphin“. Die Zuführungen für die zweite Besatzung und deren Ausbildung liefen weiter. In der Lehrbasis der 4. Flottille war ein Teil der 1159-Technik installiert worden. Artillerie-, Raketen- und Funkmeß-Personal profitierte davon. Das von den Baku-Teilnehmern vermittelte theoretische Wissen konnte in erste Fertigkeiten umgewandelt werden. Ende Februar 1978 kehrte die Besatzung der zukünftigen „Rostock“ zurück. Jeder schwärmte vom „Delphin“. Die ersten Fotos machten die Runde – so also sah ein KSS vom Typ 1159 aus. Man lobte die komfortable Unterbringung auf einem Wohnschiff, die gut organisierte Ausbildung und überhaupt sei das ganze Praktikum eine prima Sache gewesen. Das stand mir mit der zweiten Besatzung ja noch bevor. Am 16. Juni war die zukünftige „Rostock“ mit eigener Kraft in Warnemünde eingelaufen, nach dem es 31 Tage im Schlepp von Sewastopol bis auf Reede Rostock hinter sich hatte. Von allen Piers und den Schiffen der 4. Flottille aus wurden Einlaufen und Anlegemanöver neugierig beobachtet. Der KSS-Stab war im Vorfeld dieses Tages nicht faul gewesen. Unter Mitwirkung von Spezialisten des Kommandos und der Flottille stand der Ablaufplan der Übernahme, der auch mehrtägige Erprobungen in See einschloss. Am 25. Juli 1978 war es dann so weit: Ein neues Kapitel in der Geschichte der KSS-Abteilung begann. Das erste KSS vom Projekt 1159 wurde unter dem Namen „Rostock“ in der Volksmarine in Dienst gestellt. Dazu war „großer Bahnhof“ angesagt, denn der Minister für Nationale Verteidigung, Armeegeneral Hoffmann persönlich, nahm an diesem Akt teil. Nach dem alle Feierlichkeiten abgeklungen waren, begann der Ernst des Lebens mit Hafen- und Seeausbildung. So weit es die „Rostock“ verkraften konnte, nahmen Gruppen der zweiten Besatzung an den Ausbildungsmaßnahmen teil.

Auch ich fand endlich Gelegenheit, mich mit dem Schiff vertraut zu machen. Wo lagen die Vorteile gegenüber den „alten“ KSS? Mit dem Raketenkomplex OSA-M, höherer Feuergeschwindigkeit der waffenleitgesteuerten Geschütze und besserer Ortungstechnik war eine stärkere Luftabwehr gewährleistet. Die UAW-Komponente hatte gewaltig zugelegt: Panoramastation statt Schrittsuche, etwa doppelte Auffassentfernung gegen U-Boote, mehr als vierfache Reichweite der reaktiven Wasserbomben, automatisches Nachladen der Werfer, eine moderne UAW-Waffenleitanlage. Im GA-I hatten automatische Koppeltische und verbesserte Navigationsgeräte Einzug gehalten. Mit der Funkausrüstung im UKW- und KW-Bereich und Sprachschlüsselgeräten war das Schiff auch anspruchsvolleren Führungsaufgaben in See gewachsen. Der Aktionsradius des Schiffes verdoppelte sich. Treibstoffvorräte, Kühlkapazität und Trinkwasseraufbereitung erhöhten die Autonomität auf 30 Tage. Eine Schlingerdämpfungsanlage verbesserte die See-Eigenschaften des Schiffes. Nicht zu vergessen: Im Vergleich zum Projekt 50 und selbst zu neueren sowjetischen Schiffen war die Unterbringung der Matrosen und Maate fast komfortabel zu nennen. Trotz aller Vorzüge, wäre ich Zauberer gewesen, hätte ich einiges verändert. Die Sowjet-Flotte fuhr längst die nächste Generation der Artilleriegeschütze mit noch höherer Feuerkraft. An Stelle eines 76mm-Turmes hätte ich mir Seezielraketen gewünscht. Ich vermisste UAW-Torpedos und eine geschleppte, absenkbare Hydrostation. Gefechtsinformationsstand (GIS) – dahinter hatte ich ein elektronisches System zur Darstellung der Luft-, Überwasser- und Unterwasserlage und zur Zielverteilung erwartet. Was fand ich vor? Eine Art vergrößerte Manöverspinne in Form eines runden Tisches auf dem HBS. Einziges technisches Element: eine eingebaute Kreiseltochter. Meine heimlichen Wünsche mögen etwas nach der berüchtigten eierlegenden Wollmilchsau klingen, aber schon kurze Zeit später sollte ich Gelegenheit bekommen, all meine Vorstellungen auf modernen sowjetischen Schiffen in der Realität zu sehen. Warum nicht bei uns? Waren die Forderungen an die sowjetische Seite zu niedrig gewesen? Hatte man in der langen Planungs- und Bauzeit die stürmische Entwicklung der Elektronik verpasst? Hat es am Geld gelegen? Dass die Mittel, die die Volkswirtschaft der DDR für das sich schnell weiter entwickelnde Militärwesen zur Verfügung stellen konnte, immer knapper wurden, das hatte man schon zur Projekt-50-Zeit an immer geringeren Freigaben an Betriebsstunden, Treibstoff und Munition gespürt.

*Abbildung (Teil 6, S. 30): Dienststellenausweis Poti*

Trotz meiner Mäkelei, ich war ich stolz auf diese neue KSS-Generation und darauf, dass sie uns als Stab unterstellt waren. Heute kann ich sagen, dass die schönsten Jahre in meiner insgesamt 30-jährigen Dienstzeit in der Volksmarine untrennbar mit diesem Schiffstyp verbunden sind. Dabei spielte weniger die Übernahme der Funktion des Chefs der KSS-Abteilung ab 1981 eine Rolle sondern die Vielzahl interessanter Aufgaben und Erlebnisse, die ich den KSS Pr. 1159 verdanke. Dazu gehörte auch das Bordpraktikum in Poti für die Besatzung der zukünftigen „Berlin“ von Januar bis April 1979. Es lief für uns leider nicht so glatt ab, wie nach den euphorischen Schilderungen der ersten Besatzung erhofft. Episode beim Bustransfer im Konvoi vom Flugplatz Suchumi nach Poti: Ein Bus schert plötzlich aus unserer Kolonne aus. Kein Benzin mehr! Die anderen Busse haben keine Reserven und fahren weiter. Mit einem leeren Eimer winkend, stellt sich der Fahrer an den Straßenrand. Ein LKW hält und zapft sich etwas Treibstoff ab. Nach vielleicht 100 km das gleiche Spiel mit dem leeren Eimer. Stöhnt einer unserer Matrosen: „Wie viel Eimer sind denn das noch bis Poti?“ Doch das war nur eine Kleinigkeit im Vergleich mit der Unterbringung. Die erste Besatzung hatte ein ganzes Wohnschiff für sich allein gehabt. Jetzt wurde es bereits von Indern und Algeriern bevölkert und wir kamen noch dazu. Als SC hatte ich Glück mit einer Einzelkammer. Je niedriger die Dienststellung, desto schlechter die Unterbringung. So landeten unsere Matrosen in dunklen, muffigen Decks ganz im „Keller“ des Wohnschiffes. Das ging ja gut los! Wenigstens die Ausbildung lief ordentlich an. Die sowjetische Stammbesatzung des „Delphin“ und unsere hatten sich schnell zusammen gerauft. Mit dem Kommandanten, Kapitänleutnant Petrosjan, und dem Verantwortlichen für Ausbildung, Kapitän 3. Ranges „Ali“ Alijew, kamen wir gut klar. Die beiden waren dicke Freunde, frozzelten sich aber ständig, da der eine Armenier und der andere Dagestaner war. Das muss man sich so vorstellen wie bei uns das Verhältnis zwischen Mecklenburgern und Sachsen. Wir legten so eine Art B-1 ab und eine tageweise Seeausbildung begann. Bis eines Morgens der Liegeplatz der „Delphin“ leer war. Für alle Fragen des täglichen Dienstes gab es als Verbindungsoffizier einen Korvettenkapitän namens Galkin. Der eierte herum: „Plötzliche Sonderaufgabe ...das Schiff ist bald wieder da“. Unser Ausbilder war ehrlicher. Der „Delphin“ war zur Beseitigung einer Störung an der Antriebsanlage in der Werft und es wäre gut, wenn wir uns auf Reservevarianten der Ausbildung einrichten. Was blieb uns anderes übrig? Etwas praktische Ausbildung war in Kabinetten möglich. Theorie fand auf dem Wohnschiff statt. So vergingen Tage, eine erste Woche, eine zweite, dann eine dritte und plötzlich war das Schiff wieder da. Es gäbe noch viel zu berichten, von organisierten Exkursionen, von einem ungenehmigten Ausflug der Führung unter meiner Mitwirkung nach Sugdidi (so eine Art Bezirkshauptstadt), der natürlich dem Chef der Dienststelle hinterbracht wurde oder vom (leider nur ein einziges Mal) gelungenen Versuch, sich unter dem Namen eines angeblichen „Handelsschiffes Berlin“ gutes tschechisches Bier bei der Schiffsversorgung des Zivilhafens Poti zu besorgen. Man könnte erzählen von einem ominösen Raketenschießen, einigen Landgangseskapaden, die dem trockenen grusinischen Wein und dem guten armenischen Kognak geschuldet waren und von Hausschwein-Herden oder Gruppen halb verwilderter Hunde, die recht zahlreich die Dienststelle bevölkerten. Das alles waren Randerscheinungen. Im Mittelpunkt stand immer die Ausbildung und das Ziel, eine möglichst hohe Geschlossenheit der Besatzung zu erreichen. Mit Ende des Praktikums hatte ich das gute Gefühl, dass der Personalbestand trotz aller Widrigkeiten gut auf die Übernahme des nächsten KSS vorbereitet war.

Auf dieses Ereignis mussten wir aber noch bis zum 10. Mai 1979 warten. Das Schiff wurde vom Chef der Volksmarine unter dem Namen „Berlin“ in Dienst gestellt. Schon kurze Zeit später gab es deshalb Querelen. Die Bezirksleitung der SED Berlin bestand darauf, den Namen auf „Berlin – Hauptstadt der DDR“ zu ändern. Diese mittlerweile offiziell gebrauchte Beifügung sollte der Abgrenzung zu Westberlin dienen. Der PV des Schiffes reiste in die Hauptstadt der DDR und nahm dort eine neue Namenstafel in Empfang, die aus der gleichen Legierung hergestellt war, wie die 5-Mark-Stücke der Notenbank der DDR. Stillschweigend wurden die aus unserer Sicht völlig unsinnige Namensänderung vollzogen und neue Zertifikate für das Schiff ausgestellt. Wir trösteten uns damit, dass es bei der Deutschen Seerederei noch längere Namen gab, zum Beispiel „Siegmund Jähn – Fliegerkosmonaut der DDR“.

*Abbildung (Teil 6, S. 31): KSS „Berlin“ in Tallinn*

Der Besatzung wurde gleich ein Hammer vor die Nase gesetzt. Im Juli sollte das Schiff bereits an einem Flottenbesuch in Tallinn teilnehmen. Unter erheblichem Zeitdruck musste bis dahin wenigstens die Aufgabe B-1 abgelegt sein. Das wurde geschafft! Bloß gut, dass das Schiff in vernünftigem Zustand übergeben worden war. So hielten sich wenigstens die Verschönerungsarbeiten in Grenzen. Ich erinnere mich, dass die „Endkontrolle“ vor dem Auslaufen am 22. Juli stattfand. Am Tag zuvor hatte ich nämlich mein Single-Dasein beendet und wieder geheiratet. Wir feierten ziemlich lange in der Sky-Bar in Warnemünde. Da der Chef wohl im Urlaub war, durfte ich am nächsten Tag bereits um 09.00 Uhr und deshalb etwas müde dem FCH Meldung machen, der mit zahlreichen Kontrolloffizieren des Kommandos und der Flottille über das Schiff herfiel. Die Mängel hielten sich in Grenzen. Wenige Tage später stieg der Chef der Volksmarine mit seinem Gefolge ein. Zusammen mit dem Schulschiff „Wilhelm Pieck“ lief die „Berlin“ aus. Auf der Überfahrt nach Tallinn wurde unter dem strengen Blick des FCH weiter fleißig Ausbildung durchgeführt. Das komplette Besuchsprogramm für Tallinn befindet sich in meinem Fotoalbum. Daraus geht hervor, dass am 27.07. von 08.25 – 08.29 auf Reede der Salut der Nationen ausgetauscht wurde und um 09.00 Uhr das Anlegemanöver erfolgte. Der Besuch war um 17.00 Uhr am 31.07. beendet. Was auch nicht alle Tage vorkommt: Ich machte Admiral Ehm in Tallinn eine Meldung, wobei er vor mir in einem kurzen Schlafanzug stand. In der ersten Nacht nach dem Festmachen hatte sich der Wind zum Sturm entwickelt. Beide Schiffe lagen mit wenig Abstand zueinander über Heck an der Pier. Der Anker der „Berlin“ trug nicht, die Zusatzleine war dem Druck nicht gewachsen und der Bug des Schiffes trieb langsam in Richtung der „Wilhelm Pieck“. Man hatte mich ziemlich spät geweckt. Es musste schnell gehandelt werden und ich ließ Gefechtsalarm auslösen, bevor ich mich in Richtung Kommandantenkammer bewegte, um den Admiral zu informieren. Der stand aber schon im Schlafanzug davor. Das schrille Klingeln hatte ihn aus der Koje getrieben. Ich meldete ihm kurz die Situation und die vorgesehenen Maßnahmen. Beruhigt legte sich der Chef wieder hin. Es war übrigens eine seiner vielen guten Eigenschaften, dass er sich nie in seemännische Belange einmischte. War ihm etwas unklar, fragte er nach, ließ sich informieren, wie die Lage bereinigt werden soll und das wars.

Wir hatten nun zwei KSS 1159 laufen. Zwischen Stab und Schiffen herrschte eine gute Atmosphäre. Die Lehrgänge in Baku bzw. in Leningrad und die Bordpraktika in Poti hatten dazu geführt, dass man sich persönlich gut kannte. Ausgehend von den Bordpraktika war der ACH mehr mit der „Rostock“, ich eher mit der „Berlin“ verbandelt. Es gab keine Kumpelei aber ein sehr offenes, kameradschaftliches Verhältnis zwischen Abteilungsleitung und Schiffsführung ebenso wie zwischen Spezialist und GA-Personal. Gelegentlich brach Fritz’ ewiges Misstrauen mal wieder durch und löste unnötige Aktionen aus, bis seine Stellvertreter die Lage wieder geglättet hatten. Anfang der 80iger Jahre gab es eine Zeit, in der im KSS-Stab geflunkert wurde: „Unsere Chefs heißen alle Hans, nur einer nicht. Der heißt Fritz.“ Ursache der Flunkerei war, dass Fritz Naumann als ACH von vier Stellvertretern umgeben war, die alle Hans hießen: Hans Benthin als LPA, Hans Buchholz als Stellvertreter für Schiffsmaschinen-Einsatz (diese Dienststellung gab es seit 1976 anstelle des früheren Abteilungs-Ingenieurs), Hans-Jürgen Müller als Stellvertreter RD und ein gewisser Hans Steike als SC.

1979/80 gab es eine neue Aufgabe für KSS und damit für den Führungspunkt des ACH. Die Volksmarine hatte das System der UAW neu organisiert. Es gab jetzt eine UAW-Zone Nr. 1 im Bereich der Mecklenburger Bucht einschließlich der Kadetrinne und die UAW-Zone Nr. 2 für das Seegebiet nördlich und östlich Rügen. Für den Einsatz der Kräfte waren mehrere Präzisierungen notwendig, da sich mittlerweile ja auch UAW-Schiffsabteilungen im Bestand von neuen U-Jagd-Schiffen des Projektes 133.1 im Aufbau befanden. Zuletzt sah die Konzeption etwa so aus: Nach Auslösung der Stufe Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr handelte in der UAW-Zone Nr. 1 nur die USSG-643 (vier U-Jagd-Schiffe Pr. 133.1), die dem Chef der 4. Flottille unterstellt blieb. Schwerpunkt bildete ein Vorpostensystem, das unter Ausnutzung der hydrologischen Bedingungen – geringe Wassertiefen zwangen U-Boote in die Überwasserlage oder behinderten stark die Unterwasserfahrt - sowohl die Kadetrinne als auch den Grönsund unter Kontrolle halten und ausgemachte U-Boote bis zur UAW-Zone Nr. 2 begleiten sollte. Die UAW-Zone Nr. 2 bestand aus einem System von Kontrollsuchgebieten und Vorposten-Linien, die nördlich Rügen bis an die Grenze der schwedischen Territorialgewässer reichten und östlich Rügen die Dezentralisierungsräume der Volksmarine schützten. Hier kamen alle anderen UAW-Kräfte der Volksmarine zum Einsatz: die USSG-641 (das waren wir), die USSG’n-631 und 632 der 1. Flottille, die USSG-642, die UAW-Hubschrauber und Hilfsschiffe für die rückwärtige Sicherstellung. Die Zuteilung sowjetischer oder polnischer UAW-Kräfte war möglich. Die Handlungen dieser Kräfte koordinierte in See ein Chef der Suche, der direkt durch das Kommando der Volksmarine geführt wurde. Diese Aufgabe wurde dem Chef der KSSA übertragen und dafür hielt der Führungspunkt bald ebenfalls einen Musterentschluss in deutsch und russisch und mit mehreren Lösungsvarianten bereit.

Wenn ich schon erwähnt hatte, dass die 1159-Zeit die interessante und schönste meiner ganzen Dienstzeit war, dann hatte ein Ereignis besonderen Anteil daran – die Gemeinsamen Geschwader der Verbündeten Ostseeflotten. 1980 wurde das erste Geschwader unter Führung der BF organisiert. Hier wurden bereits einige organisatorische Aspekte festgeschrieben, die sich im Laufe der Zeit nur geringfügig änderten und die zum besseren Verständnis eines solchen Geschwaders im folgenden beschrieben werden sollen.

Die Führung wechselte jährlich in der Reihenfolge Baltische Flotte (BF), Volksmarine (VM) und Polnische Seekriegsflotte (PSKF). Zum Schiffsbestrand gehörten vier Kampf- und vier bis sieben Hilfsschiffe. Die BF stellte immer zwei Kampfschiffe. Zum Einsatz kamen dabei modernisierte Zerstörer vom Typ 56, Große UAW-Schiffe Typ „Slawny“ und KSS Pr. 1235. Die PSKF delegierte jeweils ihr Flaggschiff „Warszawa“ (bis 1985 ein Zerstörer, ab 1988 ein übernommenes Großes UAW-Schiff). Von der Volksmarine nahm ständig ein KSS des Projektes 1159 teil. Gelegentlich wurden auch andere Schiffe zeitweilig in die Gruppe der Kampfschiffe integriert, so 1985 und 1986 von der VM KSS des Pr. 133.1 oder 1986 und 1987 von der PSKF zwei kleine Raketenschiffe. Letztere hießen offiziell „Gornik“ (Bergmann) und „Hutnik“ (Hüttenarbeiter), wurden im Geschwader aber nur „Lolek“ und „Bolek“ genannt. Zu den Hilfsschiffen gehörten in der Regel Tanker, Versorger, Aufklärer und Bergungsschiffe. Mit 9 von 11 möglichen Einsätzen führte der Tanker „Usedom“ unangefochten das Teilnehmerfeld an.

Den Geschwaderstab stellte die jeweils führende Flotte. Dem SC des Geschwaders standen ein Stellvertreter der BF, PSKF und der VM zur Seite. Zu meiner Zeit, also von 1980 bis 1985 delegierte die BF meist Alexander Kornuschko, Gaidis Seibots oder „Wassja“ Podjenjeschny in diese Funktionen. Bei der PSKF waren das „Frantek“ Kotula, Jan Sulek oder Eugeniusz Mleczak. In der Besetzung des SC und der Stellvertreter kam es zu einem ständigen Bäumchen-wechsle-dich-Spiel. War ich 1981 SC des Geschwaders und Gaidis mein Stellvertreter, waren 1983 die Rollen genau umgekehrt. Jan Sulek fuhr 1984 auf der „Berlin“ als mein Stellvertreter mit, 1985 auf der „Warszawa“ war ich ihm unterstellt. Das brachte es mit sich, dass sich sehr schnell freundschaftliche Bindungen entwickelten. Besonders gut verstand ich mich mit Gaidis. Er war Lette. Wir hatten gleiche Anschauungen über Familie, Dienst, Politik und die Welt. Wir hatten etwa den gleichen Charakter.

*Abbildung (Teil 6, S. 33): Gaidis, Hans Benthin, Eugeniusz*

Gaidis war auch lieber der stille Arbeiter als der polternde, auf Dienstgrad und Befehl pochende Vorgesetzte. Immer wenn wir in Baltijsk lagen, bekam ich eine Einladung zu seiner Familie und lernte so auch seine Frau Dsindra und seine kleine Tochter Diana kennen. Kamen wir etwas in Stimmung, dann sang uns Dsindra mit schöner Stimme lustige oder schwermütige lettische Volksweisen vor. Gaidis hat es später weit gebracht. Als die Sowjetunion zerfiel, wurde er zum Chef der lettischen Flotte berufen. Das bekam ich rein zufällig mit, als lange nach der Wende in den Nachrichten von NDR-1, Radio MV von einer Rettungsübung aller Ostseeanrainer berichtet und dabei ein Interview mit Admiral Gaidis Seibots gesendet wurde. Zu den Bekannten, an die ich mich gerne erinnere, gehörte auch der langjährige Kommandant der „Warszawa“ Jurek Woiczik und der Kommandant des „Obraszowy“, Sascha Tatarinow. Seemann durch und durch führte letzterer lange Zeit ein von den Vorgesetzten argwöhnisch beobachtetes, recht lockeres Junggesellenleben. Ausgerechnet der attraktiven und sehr temperamentvollen Tochter des Chefs der Flottenbasis Baltijsk gelang dann des Widerspenstigen Zähmung. Sascha hat später in der Schwarzmeerflotte Karriere gemacht und soll – wenn die Gerüchte stimmen – u.a. einen der Flugzeugträger der Sowjetflotte kommandiert haben. Doch zurück zur Geschwaderorganisation.

Die Planung oblag der führenden Flotte und etwa ein Vierteljahr vor Geschwaderbeginn wurde es richtig ernst. Mit Unterstützung operativer Gruppen aus den anderen Flotten entstand zuerst ein grober Ablaufplan. Mit den Führungen der Flotten wurde die Sicherstellung der geplanten Handlungen mit Schiffs- und Fliegerkräften in deren Verantwortungszone abgestimmt. Waren die bestätigt, ging es an die Feinplanung. Am Ende der Arbeit standen ein Entschluss des Chefs des Geschwaders, Pläne für jede einzelne Episode, jede Menge Instruktionen zu den einzelnen Arten der Sicherstellung und zu Nachrichtenverbindungen sowie einen Plan für die Hafenausbildung. Diese umfasste etwa eine Woche. Es folgte eine Abnahmeübung in See, während der die Geschlossenheit des Geschwaders trainiert und geprüft wurde. Kernstück der Handlungen des Geschwaders bildete ein etwa 14tägiger Seeaufenthalt, später etwas großspurig „Gefechtsmarsch“ genannt und gelegentlich auch in – zumindest für die Volksmarine - entfernte Seegebiete führend. Alles endete mit einer Abschlussübung in der Ostsee, die es in sich hatte und den Teilnehmern noch einmal das letzte abverlangte. Die Leistungen der Schiffe in der Hafenausbildung, im allgemeinen Seebetrieb und bei den einzelnen Episoden wurden in Verantwortung des SC und seiner Stellvertreter bewertet und am Ende des Geschwaders mit verschiedenen Pokalen belohnt. Soweit ganz grob zu einigen organisatorischen Grundsätzen.

1980 war uns das alles noch neu. Anfang Mai verlegten wir mit dem KSS „Rostock“ und dem Tanker „Poel“ nach Baltijsk. Fritz Naumann als ACH wurde Stellvertreter des SC und meine Funktion nannte sich Kommandeur der nationalen Gruppe. Die hatte eigentlich nur für den täglichen Dienst und die Hafenausbildung eine gewisse Bedeutung. Während der Hafenausbildung waren vor allem Kommandant und GA-Kommandeure der „Rostock“ gefordert. Die in Baku erworbenen Sprachkenntnisse zahlten sich aus. Wissen und Können unserer Leute beeindruckte die Offiziere der BF, die die Ausbildung leiteten. Die guten Leistungen setzten sich in See fort. Unter ihrem Kommandanten Günter Senf holte die „Rostock“ die Auszeichnung als „Bestes Kampfschiff“ des Geschwaders. Einen kleinen Anteil hatte der Stab auch, der in Form eines verkürzten Führungspunktes auf dem Schiff eingestiegen war. Wir führten die Lage, erarbeiteten die Gefechtsskizzen, die Günter abliefern musste und die Stabsspezialisten standen der Besatzung mit Rat und Tat zur Seite. Voller Stolz hefteten wir uns das „Abzeichen für Große Fahrt“ der Sowjetflotte an die Brust, das allen Geschwader-Teilnehmern verliehen wurde. Von allen Episoden ist mir besonders der Rückmarsch durch den Großen Belt in Erinnerung geblieben. Noch im Kattegat und dann auch im Belt selbst wurden wir fast über eine ganze Stunde pausenlos von NATO-Flugzeugen demonstrativ in niedriger Höhe überflogen. Die Absicht war nicht zu verkennen. Ich zählte allein über 20 solcher Scheinangriffe nur auf die „Rostock“. Per Funkmeß konnte man gut beobachten, wie die Flugzeuge in einem Warteraum kreisten und dann einzeln oder im Paar auf uns losgelassen wurden. Es gibt gewisse Gepflogenheiten in See und dazu gehört auch, dass Flugzeuge gegenüber Kampfschiffen so manövrieren, dass die friedliche Absicht erkennbar ist. Hier war nur eines deutlich: unverhüllte Drohung. Fritz erzählte mir später, dass Konteradmiral Dymow als Chef des Geschwaders über die ständigen Provokationen so aufgebracht war, dass er nahe daran war, auf allen Schiffen als Gegenmaßnahme ausgefahrene und geladene Luftabwehr-Raketenkomplexe zu präsentieren. Das hätte allerdings gegen die von der dänischen Regierung festgelegten Regeln für das Passieren der Ostsee-Meerengen verstoßen. Hatte man das vielleicht sogar gewünscht? Hätte sich ja in den Medien nicht schlecht gemacht als Beweis für die „Aggressivität“ der Roten. NATO-Flugzeuge wären auf Fotos und im Fernsehen vermutlich keine zu sehen gewesen. Wenn doch, dann bestimmt als „Verteidiger“.

*Abbildung (Teil 6, S. 34): Raketenkomplex OSA-M*

Kaum in den Heimatstützpunkt zurückgekehrt, hieß es für die „Rostock“ erneut: Auslaufen nach Baltijsk. Zusammen mit der „Berlin“ fand das erste eigene Schießen mit dem Raketenkomplex OSA-M statt. Sowjetische Spezialisten sahen beide Anlagen noch einmal gründlich durch. Mit den Kommandanten und dem Personal der GS-7/II wurde der Ablauf theoretisch und praktisch durchgearbeitet. Und doch ging es schief. Die erste Rakete der „Berlin“ auf Sturzflug-Scheibe flog auf ballistischer Bahn und zeigte keinerlei Lenkmanöver. Das Schießen wurde für beide Schiffe abgebrochen. Blamable Ursache auf der „Berlin“ war ein Fehler in der Dokumentation, der bei Übergabe des Schiffes von keiner Seite bemerkt wurde. Empfänger in der Rakete und Sender für die Leitfrequenz waren nicht auf die gleiche Frequenz eingestellt. Die „Rostock“ war sauber. Nach dem der Fehler behoben war, wurde das Schießen freigegeben und beide Schiffe legten ein Bilderbuch-Schießen hin. Ende Juni/Anfang Juli wurde die „Rostock“ noch zu einem Flottenbesuch nach Gdynia gejagt, ehe die letzten Höhepunkt des Jahres für beide Schiffe anstanden: das Manöver „Waffenbrüderschaft“ im September und dann „nur“ noch der nationale UAW-Lehrabschnitt im Oktober. Letzteren führte ich bereits als Chef der KSS-Abteilung, denn schon im September hatte ich diese Funktion von Fritz Naumann übernommen. Blick in das Fotoalbum: Eine lustige Urkunde vom polnischen U-Boot, das beim Lehrabschnitt für uns Zieldarstellung lief, bescheinigt mir, dass ich als Leiter der Ausbildung ein „Unterwasserleiter strenger“ gewesen sei.

Nicht weniger ereignisreich als 1980 sollte das Jahr 1981 werden. Im April lief das Manöver „Sojus-81“. Darin wurden auch Elemente der UAW-Zone Nr. 2 trainiert. Während einer Kontrollsuche ortete die „Rostock“ ein unbekanntes U-Boot. Die herangeführte „Berlin“ bestätigte den Kontakt. Laut Manöverstab handelten im Gebiet keine eigenen U-Boote und wir erhielten den Befehl „dran zu bleiben“. In den folgenden 24 Stunden machte das U-Boot allerhand Sperenzchen, versuchte uns abzuschütteln, setzte Täuschungsmittel ein und führte uns weit von den Manöverhandlungen fort. Zuletzt lag es stundenlang in Schwebelage vielleicht auch auf dem Grund auf Stopp. Das machte den Chef der 4. Flottille unruhig und er ließ mich mehrmals an das UKW-Gerät holen, nur um sich persönlich bestätigen zu lassen, dass wir wirklich keine Zweifel an einem sicheren Kontakt haben. Als eine ewige Zeit nichts passierte, der Kontakt nicht besonders stark war und kurzzeitig für eines der Schiffe auch einmal ganz verschwand, kamen uns selbst langsam Zweifel. Mit Günter Senf klebte ich am Tochtersichtgerät der Hydrostation auf dem HBS und wir beobachteten misstrauisch jede Kontaktveränderung. Dann verließen den U-Boot-Kommandant wohl die Nerven und er machte einen Fehler. Feine Striche überdeckten plötzlich den Kontakt. Störungen dieser Art kann die Natur nicht produzieren. Endlich ein Beweis, dass wir immer noch am richtigen Ziel klebten. Nach einer weiteren Stunde meldeten die Hydroakustiker beider Schiffe Peilungsveränderungen. Kurz danach tauchte ein BRD-U-Boot auf und nahm in Überwasserlage Westkurs auf. Ein MSR wurde herangeführt, übernahm die weitere Begleitung und wir klinkten uns wieder in die Übungshandlungen ein. Eigentlich war es keine außergewöhnliche Leistung, sondern das, was man von UAW-Schiffen eben verlangen konnte. Es war aber im Manöver passiert und die Politabteilungen waren scharf auf besonders zu würdigende Taten. Jedenfalls waren wir die Spitzenmeldung in den Manövernachrichten des folgenden Tages. Und da man nach großen Manövern ja auch etwas großzügiger mit der Verteilung von Orden, Medaillen und Auszeichnungen war, erhielt die KSSA die Verdienstmedaille der NVA in Gold. Na gut, ich ging auch nicht ganz leer aus.

Nächster Paukenschlag war das Gemeinsame Geschwader im Juni/Juli unter Führung der Volksmarine. Zum Geschwaderchef war der Chef Ausbildung, Konteradmiral Heinecke (†), ernannt, zum Stabschef ich. Meine Stellvertreter waren Gaidis, Eugeniusz Mleczak und Gerd Kleinschmidt, der 1980 von mir die Funktion des Stabschefs der KSSA übernommen hatte. Wir waren nicht böse, dass wir mit der langfristigen Vorbereitung wenig zu tun hatten. Diese Aufgabe hatte sich das Kommando der Volksmarine selbst gestellt. Zum Grobablauf durfte ich einige Einwände und Änderungsvorschläge vorbringen. Feinplanung, Entschluss und die einzelnen Episodenpläne übernahm dann wieder das Kommando. Umso eifriger machte ich mich mit meinen Stellvertretern über den Ausbildungsplan und die Geschwader-Dokumente her, die das reibungslose Zusammenwirken der beteiligten Einheiten sichern sollten. Das waren von der BF der mit Seezielraketen nachgerüstete Zerstörer „Prosorliwy“ Typ 56 bis, das Große UAW-Schiff „Obraszowy“ und der Tanker „Lena“, von der PSKF der Zerstörer „Warszawa“ und das Bergungsschiff „Piast“ und von der VM das KSS „Berlin“, der Tanker „Usedom“ und der Gefechtsversorger „Südperd“.

*Abbildung (Teil 6, S. 35): Zerstörer „Prosorlliwy“*

In der Planung der Ausbildung machte weniger der Inhalt als viel mehr die Organisation Sorgen. Die Kampfschiffe lagen im Rostocker Fischkombinat, die „Lena“ wegen Tiefgang und Länge im Überseehafen und die anderen Hilfsschiffe in der 4. Flottille. Räume für gemeinsame größere Ausbildungsgruppen von Kampf- und Hilfsschiffen hatte nur die 4. Flottille anzubieten. Die U-Jagd-Kommandos waren ebenfalls auf das Flottillen-Kabinett angewiesen. Neben Ausbildung fanden auch Treffen der Besatzungen und politische Maßnahmen statt. Um den Transport- und damit auch Zeitaufwand so klein wie möglich zu halten, mussten das alles zeitlich sinnvoll kombiniert werden. Ein täglich vom Stab gestellter Diensthabender des Geschwaders überwachte dann u. a. auch die peinlich genaue Einhaltung des Transportplanes durch Schlepper, Verkehrsboote und KfZ.

Obwohl das erste Geschwader 1980 für jede einzelne Art der Gefechtssicherstellung (Aufklärung, Abwehr, Tarnung und Täuschung, FEK, Schutz vor MVM) eine Extra-Instruktion erarbeitet hatte, zeigte sich später in See, dass etliche Details nicht bis zu Ende bedacht waren. Rückfragen und zusätzliche Anweisungen über UKW waren die Folge. Das wollten wir besser machen. Anstelle vieler, gab es deshalb in „unserem“ Geschwader nur eine einzige Instruktion, in der unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Gefechtsmöglichkeiten der vier Kampfschiffe die Schwerpunkte für alle Arten der Gefechtssicherstellung fixiert waren. Beispiel Wachschiff: Ein Schaltplan wurde erarbeitet, welche taktische Nummer im Verband, von wann bis wann diese Aufgabe zu erfüllen hatte. Geregelt war, welche Beobachtungsmittel zu schalten, welche Waffensysteme zu Abwehr in Bereitschaft zu halten und was auf welchem Netz wie zu melden war. Außer den Befehlen und der Abmeldung der Schiffe mit einem Kurzsignal „Wachschiff übergeben/übernommen, Uhrzeit ...“ war dazu keinerlei UKW-Verkehr notwendig. Es gab klare Festlegungen für den zentralisierten und dezentralisierten Waffeneinsatz bei der Abwehr von Luftzielen. Für die zentralisiere Feuerleitung bei der Bekämpfung von Seezielen wurde eine spezielle Kommando-Tabelle erarbeitet. Hier war zu berücksichtigen, dass den einzelnen Schiffen in kürzester Zeit Einschießsalven und Korrekturen ermöglicht wurden, bevor der Verband gleichzeitig das konzentrierte Wirkungsfeuer eröffnen konnte. Für die typischen Marsch- und Suchformationen waren den taktischen Nummern sich überlappende Abwehrsektoren fest zugewiesen. Ähnliche Regelungen gab es für alle anderen Arten der Gefechtssicherstellung soweit das eben notwendig war. Auf gedeckten Netzen wurde der UKW-Verkehr vereinfacht. In See zahlten sich unsere Bemühungen aus. Der UKW-Verkehr war auf das Notwendigste beschränkt. Es gab nicht viel Zusätzliches zu befehlen. Alles klappte wie am Schnürchen. Als Erfahrung aus dem Geschwader gab es dann später auch in der KSS-Abteilung eine spezielle „Instruktion zur Organisation aller Arten der Gefechtssicherstellung“. Sie regelte alles das eindeutig, was über die prinzipiellen Festlegungen der „Gefechtsvorschrift für den Einsatz von UAW-Schiffen“ hinausging, bzw. dort gar nicht berücksichtigt war.

Insgesamt verlief das Geschwader erfolgreich. Von der ersten bis zur letzten wurden alle geplanten Episoden ohne größere zeitliche Verschiebungen abgearbeitet. Ob es in der Nordsee Raketenfernflieger der Nordflotte der UdSSR oder in der Ostsee Kräfte der VM bzw. der PSKF waren, jeder erfüllte zuverlässig seine Aufgaben zur Sicherstellung der Geschwader-Handlungen. Die Nachrichtennetze funktionierten. Selbst Petrus war uns gnädig gestimmt und bescherte meist annehmbares Wetter. Etwas merkwürdig muss es wohl ausgesehen haben, dass das kleine KSS der Volksmarine in der Kiellinie als Führerschiff voran lief und dahinter die „dicken Pötte“ folgten. War um die Mittagszeit der Seegang doch mal etwas stärker und machte das Backen und Banken schwierig, dann baten die „Großen“ auch einmal den „Kleinen“ um einen für die Esseneinnahme günstigeren Kurs. Sie hatten nämlich keine Schlingerdämpfungs-Anlagen. Aber wir!

*Abbildung (Teil 6, S. 36): 2. GGF, Abschlussmusterung in W’mde*

Nur einmal hatte mich in See mein Chef in Unruhe versetzt. Konteradmiral Heinecke hatte am Vorabend des Auslaufens bei sich zu Hause einen Empfang für die Führung, die Kommandanten und die Kapitäne gegeben. In einer ruhigen Minute nahm Frau Heinecke Hans Benthin (er war Leiter der Politabteilung der KSSA) und mich beiseite. Wir sollten doch bitte etwas darauf achten, dass ihr Gatte in See nicht übermäßig dem Alkohol frönt. Dass der Admiral einen guten Tropfen nicht verschmähte, war bekannt. Aber wie sollten wir als Unterstellte ihn daran hindern? Offiziell war ja einiges an scharfen Sachen für Empfänge etc. an Bord. Ein sicheres Versteck müsste gefunden werden. Hans deponierte alle Vorräte an Wein und Feuerwasser in der vom Admiral bezogenen Kommandantenkammer und zwar direkt in der Backskiste unter seiner Koje. Da kommt der nie drauf! Dem Versorgungsmeister und den Pantrys hatten wir vorsorglich das Versteck verschwiegen. Zum Glück, denn der Admiral hatte sich mehrmals bei ihnen erkundigt, ob es denn nichts Vernünftiges zu trinken gäbe. Uns fragen, mochte er wohl nicht, denn schließlich war Alkohol an Bord verboten. Das ging so lange gut, bis der Admiral Hans Benthin dabei erwischte, wie er der Backskiste zwei Flaschen Wein entnahm. Ein Fischkutter hatte uns noch in Rostock fangfrischen Heilbutt geschenkt und der Smutje wollte mit dem Wein der Sauce eine besondere Note geben. Eigentlich hätte der Admiral gar nicht in der Kammer auftauchen dürfen, denn er ging gerade Wache auf der Brücke als Verbands-Chef. Jedenfalls leuchteten seine Augen auf, als er all die feinen Sachen erblickte. Unglücklicherweise hatten wir auch noch kurze Zeit später die geplante Ankerposition erreicht. Bis zum Morgen gingen nur meine drei Stellvertreter Brückendienst. Der Admiral hatte Zeit. Er befahl Kapitän zur See M. von der Politischen Verwaltung der VM, der im Geschwader als sein Stellvertreter für politische Arbeit fungierte, in seine Kammer. M. wurde gegen Mitternacht in ziemlich angeschlagen Zustand gesichtet. In aller Frühe – noch war meine Wache dran – ließ ich Anker auf gehen. Das erste Artillerie-Schießen stand bevor. Die Zeit meiner Ablösung kam, aber kein Admiral. Nacheinander schickte ich einen Läufer, den Wachoffizier und schließlich den gerade Wache gehenden Gaidis in die Kommandantenkammer. Jeder hatte auf seinen Weckversuch zwar hörbare Quittung erhalten, aber trotzdem ließ sich kein Admiral blicken. Die Artillerieposition war erreicht, die Schiffe vorbereitet. Es half nichts, jetzt musste ich selbst versuchen, den Chef auf die Brücke zu holen. Der schnarchte seelenruhig in seiner Koje. Auf meinen dringlichen Hinweis bezüglich des Schießens erhielt ich nur ein „Das wirst du doch auch alleine hinkriegen, Stabschef! Oder?“ Kein Problem. Aber ganz ohne Nachfrage hätte ich es mir wohl nicht getraut.

Als besondere Überraschung kreierte das Kommando der Volksmarine bei unserem Einlaufen ein brandneues und gelungenes „Abzeichen für Große Fahrt“. Harry Bauer, langjährig die unauffällige rechte Hand von Admiral Ehm und künstlerisch hoch begabt, soll es entworfen haben. Wie schon ein Jahr zuvor die sowjetische Seite, übergab diesmal die Volksmarine das Abzeichen an alle Geschwader-Teilnehmer.

Das Jahr 1981 hielt mit Flottenbesuchen in Leningrad durch die „Rostock“ und in Helsinki durch die „Berlin“ weitere Höhepunkte für KSS bereit. Der Besuch in Helsinki unter Leitung des Chefs der 4. Flottille, Kapitän zur See Rödel, erforderte eine ganz andere Vorbereitung als der in Leningrad. Die Militärabwehr hängte sich voll rein. Es wäre aber auch blamabel gewesen, wenn es in Helsinki eine Republikflucht gegeben hätte. Wenn ich mich recht erinnere, ließen wir zwei, drei unsichere Kandidaten auf Empfehlung der Abwehr ganz zu Hause. Der für unseren Truppenteil beauftragte Mitarbeiter des MfS nahm persönlich Einfluss auf die Zusammenstellung von Landgangs-Gruppen, die - so verrückt ging es damals eben zu - „Gruppen des ideologischen Widerstandes“ genannt wurden. Tatsächlich wurde dann in Helsinki in zwei Fällen dem Stellingsposten nachts von deutsch sprechenden Passanten zugeredet, die gute Gelegenheit zum Verlassen der DDR zu nutzen. Erfolglos. Beim Einlaufen in Helsinki machte uns der aufgestiegene finnische Verbindungsoffizier auf eine zivile Person aufmerksam, die aus einer versteckten Position das ganze Manöver filmte. „Der Militärattache der BRD“, bemerkte er lakonisch. Dessen Stellvertreter im vollen Bundeswehr-Ornat lernten wir dann auf dem Empfang kennen, den der Befehlshaber der finnischen Seestreitkräfte für uns gab. Erstmalig hatte ich Gelegenheit zu einem Schwatz mit einem „Gegner“, auch wenn es nur um Belanglosigkeiten ging. Helsinki hielt ein interessantes Programm für alle Dienstgradgruppen bereit. Wir erhielten auch Gelegenheit, so wie im Vorfeld des Besuches an die finnische Seite herangetragen, 30 Heimkindern unser Schiff zu zeigen und sie anschließend an Bord zu bewirten. Kurz und gut – uns hatte der Besuch viel Spaß gemacht und beim Abschied erhielten wir vom Befehlshaber der finnischen Seestreitkräfte ein hohes Lob für die gute Organisation bei der Erfüllung des Besuchs-Programmes und für die ausgezeichnete Disziplin der Besatzung. Der finnische Verbindungsoffizier unterstrich, dass das nicht nur eine höfliche Floskel des Befehlshabers war. Sie hätten schon ganz andere Flottenbesuche erlebt.

Was bei all den geschilderten Ereignissen des Jahres 1981 nicht vergessen werden darf: So „ganz nebenbei“ hatten wir unsere eigenen Kalenderpläne für das 1. und 2. Ausbildungs-Halbjahr zu erfüllen. Also Teilnahme an allen UAW-Lehrabschnitten der Volksmarine, Wiederholung von Elementen der B- und V-Aufgaben, Schiffs- und Abteilungs-Gefechtsübungen mit und ohne faktischer Waffeneinsatz, Erfüllung der Aufgaben der allgemeinen Ausbildung, und, und, und ...

Das sollte in den kommenden Jahren nicht viel anders werden. 1982 im Mai die Übung „Meilenstein-82“. Die KSS als schwimmende Tribünen in der Tromper Wieck bei Vorführungen der Volksmarine vor Mitgliedern des Politbüros. Natürlich war viel Arbeit notwendig, um beide Schiffe in vorbildlichen Zustand zu versetzen. Im Juli dann die „Rostock“ als Teilnehmer der 3. Geschwaderfahrt, organisiert durch die PSKF. Keinerlei Erinnerung mehr, was ich dabei für eine Rolle gespielt habe. Auch das Fotoalbum liefert mir keinen Hinweis. Im Juli außerdem Raketenschieß-Abschnitt in Baltijsk. Im September nehmen beide Schiffe am Manöver „Herbstwind-82“ teil und im gleichen Monat besichtigt eine schwedische Militärdelegation die „Rostock“. Das Fotoalbum zeigt den schwedischen Flottenchef und Günter Senf als „Bärenführer“ mit seinem unentbehrlichen Teleskop-Zeigestock.

Da es auch die folgenden Jahre lustig so weitergehen wird, möchte ich nur einige Ereignisse herausgreifen. Das 4. Gemeinsame Geschwader im August 1983 sieht mich als Gaidis’ Stellvertreter an Bord des Zerstörers „Prosorliwy“. Als Gast fährt auch Kapitän zur See Rödel mit. Er wird 1884 Chef sein und soll erst einmal Geschwaderluft schnuppern. Da ist er bei Konteradmiral Kalabin genau an der richtigen Stelle. Der macht seinem Stab und den Schiffen ganz schön Dampf. Ich bewohne mit Gaidis eine Kammer und er versucht wieder einmal, mir den berüchtigten Trockenfisch schmackhaft zu machen. Als er aus seiner großen blechernen Fischbüchse zuerst allerdings eine tote Kakerlake herauskramt, ist Trockenfisch für mich endgültig gestorben. Das Leben an Bord des alten Kampfbleches ist hart. Ich beginne zu verstehen, warum sowjetische Offiziere, die die Wohnverhältnisse auf Projekt 1159 genossen haben, unsere Schiffe „Kajutonosjez“ (Kajütenträger) nennen. Ich weiß nur nicht, ob sie es anerkennend oder spöttisch meinen. Ich vermute eher das letztere. Wenigstens gibt es auf dem Zerstörer eine provisorische Sauna, die sich die Besatzung selbst gebaut hat. Die bisherigen Geschwader hatten in der Ost- und Nordsee gehandelt und sich höchstens bis zu den Orkney-, Shetland- oder Färöer-Inseln vorgewagt. Dieses Jahr führte die Route weiter durch die Passage zwischen Orkneys und Shetlands, dann mit Südkurs die Westküste Englands entlang und durch den Kanal zurück in die Nordsee. Nach Verlassen des Kanals kam ein Spruch vom OP-Dienst der Baltischen Flotte, ob alle Besatzungen vollzählig seien. Kopfschüttelnd leitete der Geschwaderchef die Anfrage weiter durch die Linie. Alle Schiffe meldeten, dass sich ihre Besatzungen komplett an Bord befänden. Das Ergebnis war gerade als Funkspruch an den OP-Dienst raus, als der Kommandant des polnischen Bergungsschiffes „Piast“ kleinlaut seine Meldung korrigierte. Es fehlte ein Matrose Bogusch. Folgendes war passiert: Bogusch war als Kampftaucher ausgebildet und ein vorzüglicher Schwimmer. Im Morgengrauen hatte er unbemerkt die „Piast“ mit Ziel französische Küste verlassen. Ein Frachter hatte den schon erschöpften Schwimmer ausgemacht und aus dem Wasser gezogen. Zu Bogusch’s Pech war es ein sowjetisches Schiff, was den Vorfall sofort an die Reederei in Kaliningrad funkte. Von dort bis zur Baltischen Flotte war es nur ein kurzer Weg und so wusste der OP-Dienst über die beabsichtigte Fahnenflucht eher Bescheid als der Kommandant der „Piast“. Das war der einzige Makel, der auf das Geschwader von 1983 fiel. Kalabin war besonders von den Leistungen der „Rostock“ und ihres Kommandanten beeindruckt. Am Ende des Geschwaders wurde unser KSS „Bestes Kampfschiff“ und holte außerdem den UAW-Pokal.

*Abbildung (Teil 6, S. 38): Urkunde „Geschwader 84“ der Verbündeten Ostseeflotten für Kapitän zur See Hans Steike (04.05.84 bis 05.06.84, 5000 sm, Überquerung des nördlichen Polarkreises am 20.05.84)*

Am 1. März 1984 wurde ich zum Kapitän zur See befördert. Im Mai gibt es einige Umstrukturierungen in der Volksmarine. Aus der 4. KSS-Abteilung wird die 4. KSS-Brigade. Unsere Truppenfahne erhält eine Brigadeschleife angeheftet. Aus dem Abteilungschef Hans Steike wird so ein Brigadechef. Doch würde man mich heute nach dem persönlichen Ereignis des Jahres fragen, dann gäbe es nur eine Antwort: Das 5. Gemeinsame Geschwader. Die Volksmarine hatte turnusmäßig die Führung. Geschwaderchef wurde Rolf Rödel, inzwischen zum Konteradmiral ernannt. War das 2. Gemeinsame Geschwader noch Sache des Kommandos der Volksmarine gewesen, war das 5. in voller Verantwortung der 4. Flottille zu organisieren. Der Stab setzte sich aus Spezialisten der Flottille und unseres Brigadestabes zusammen. Da der Leser aus den vorangegangenen Schilderungen den Umfang der Vorbereitung einer solchen Maßnahme ja schon etwa abschätzen kann, erspare ich mir Details. Als SC hat man es nicht einfach, wenn ein Chef die Angewohnheit hat, seinen Stab mit immer neuen Ideen zu überraschen. Kaum hatte man eine zu Ende bearbeitet oder der Nachweis war erbracht, dass sie sich nicht verwirklichen ließ, lag die nächste schon auf dem Tisch. Doch es gab ein Motiv, dass uns half, alle Schwierigkeiten zu überstehen. Das Ziel dieses Geschwaders hieß Murmansk. Unvergesslich die Fahrt in gehöriger Entfernung von der norwegischen Küste. Wir passierten den nördlichen Polarkreis. Je weiter wir nach Norden kamen, desto kürzer wurden die Nächte. Zuletzt verschwand die Sonne nur noch für zwei Stunden. Auf dieser Überfahrt hatten wir auch ein „Seegefecht“ mit einer Schiffsgruppe der Nordmeer-Flotte zu bestehen. Vor Murmansk wurde bebunkert und dann erhielten die Besatzungen ausreichend Zeit, ihre Schiffe für das Einlaufen schmuck zu machen. Beim Einlaufen selbst passierten wir die Atom-Eisbrecher-Flotte der Sowjetunion, einige Atom-U-Boote und modernste Raketen-Kreuzer und –Zerstörer. Doch schon damals fiel auf, dass in vielen Buchten die Wracks ausgemusterter Kampfschiffe lagen oder verrostet vor sich hin dümpelten.

Zwei Tage blieben wir in Murmansk. Erste Episode nach dem Auslaufen war U-Jagd mit einem Atom-U-Boot. Die hydroakustischen Bedingungen waren miserabel. Der „Warszawa“ mit seiner Schrittsuch-Station warf das Handtuch. Als die beiden sowjetischen Schiffe mit den kielgebundenen Panorama-Stationen keinen Kontakt bekamen, setzten sie ihre geschleppten, absenkbaren Stationen ein, konnten aber auch so den Kontakt nicht halten. Nur die „Berlin“ hatte sich so richtig am U-Boot festgebissen. Mein Stellvertreter, Alexander Kornuschko, flitzte immer wieder zum Tochtersichtgerät der Hydrostation auf dem HBS, um sich von den klaren Aufzeichnungen zu überzeugen. Dann versuchte er seine Einheiten an den Kontakt heran zu führen. Als auch das nicht gelang, flogen wüste Flüche über UKW in Richtung seiner arg gebeutelten Kommandanten. Bei U-Boot-Geschwindigkeiten von 10-12 Knoten hielt die „Berlin“ den Kontakt sicher. Doch dann zeigte uns das U-Boot, was eine Harke ist und lief mit 18-20 Knoten ab. Das war auch für die „Berlin“ zu viel. Die Eigengeräusche des Schiffes bei 18 Knoten Dieselfahrt überlagerten als Störungen die Echosignale. Kontakt verloren! Da sich die „Berlin“ auch schon während der Abnahmeübung in der Ostsee bei der U-Jagd gut geschlagen hatte, nahm ihr Kommandant, Dieter Dziuballe (†), am Ende des Geschwaders stolz den Pokal für das „Beste UAW-Schiff“ in Empfang. Wenn wir uns später auf der „Berlin“ an dieses Geschwader erinnerten, kam immer auch Jan Suleks unwahrscheinlicher Appetit ins Gespräch. Die PSKF hatte ihn als Stellvertreter des SC delegiert. Jan brauchte bei jeder Mahlzeit doppelte Portion. Das Meisterstück aber lieferte er ab, als es eines Tages Makkaroni gab – sein Leibgericht. Die Wachablösung hatte sich verzögert und Jan kam erst in die O-Messe, als wir schon alle fertig mit Essen waren. Auf der Back stand noch eine große Terrine mit dampfenden Makkaroni, flankiert von zwei Schüsseln noch halb mit Tomatensauce gefüllt. „Kommt noch jemand?“ Jan schaute erwartungsvoll in die Runde. „Nein, du bist der Letzte.“ Auf diese Botschaft hatte er wohl gewartet. Genüsslich grinsend zog er die Terrine zu sich heran, kippte den Inhalt beider Schüsseln über die Makkaroni und rührte das alles kräftig durch. Dann verspeiste er zu unser aller Verblüffung die ganze Makkaroniladung gleich aus der Terrine. Kein Wunder, dass nach kurzer Zeit aus Kammer 7, in der Jan untergekommen war, laute Schnarchgeräusche ertönten.

Im Juli 1984 und 1985 fand noch einmal die Übung „Meilenstein“ statt. 1982 hatte diese Maßnahme als Vorführung vor dem Politbüro ja noch eine gewisse Berechtigung. Die Mitglieder des höchsten Parteiorgans waren sehr zahlreich vertreten gewesen. In den Folgejahren musste man den Eindruck gewinnen, dass für Erich Honecker eine private Urlaubs-Show abgezogen wurde. 1984 wurde er nur von Günter Mittag und dem Verteidigungsminister (im leichten Sommer-Zivil!) begleitet. 1985 erschien Familie Honecker einschließlich Enkelchen Roberto in Begleitung des wiederum zivil gekleideten Ministers. Die Ressourcen, die uns jedes Jahr für die Ausbildung zur Verfügung standen wurden immer knapper und hier wurden Maschinenstunden, Treibstoff und Munition sinnlos vergeudet. Wussten die da „oben“ schon damals gar nicht mehr, was „unten“ tatsächlich los war?

Bereits im Zeitraum Mai/Juni 1985 war das 6. Gemeinsame Geschwader unter Führung der PSKF gelaufen. Mein Platz war auf dem Führerschiff, dem Zerstörer „Warszawa“ und Jan Sulek war als Stabschef mein Vorgesetzter. Dieses Geschwader habe ich im Teil 2 der KSS-Reihe recht ausführlich beschrieben. Was ich zum Zeitpunkt des Geschwaders noch nicht wusste – es sollte für den „Warszawa“ das letzte sein. Der mittlerweile betagte Zerstörer wurde danach außer Dienst gestellt.

Im Herbst 1985 schlug dann meine Abschiedsstunde bei KSS. Schon im Sommer hatte mir der FCH bei einer Aussprache mitgeteilt, dass ich die Funktion des Leiters der UA Operativ besetzen sollte. Für die organisatorischen Grundlagen der Gefechtsbereitschaft einer ganzen Flottille verantwortlich zu sein, ist ja auch nicht so ganz ohne. Gern ging ich nicht. Aber mit einem guten Gefühl übergab ich meinem Nachfolger, Ulrich Zumkeller, einsatzklare Schiffe mit gut ausgebildeten Besatzungen, ein funktionierendes Führungsorgan und einen von der Gefechtsbereitschaft bis zur Dienstorganisation intakten Truppenteil, der nicht nur in der 4. Flottille Ansehen genoss. Auch persönlich konnte ich eine erfolgreiche Bilanz ziehen. In den Schoß gefallen waren mir die Erfolge nicht. Es steckte Arbeit dahinter, viel Arbeit. Schön war es immer dann, wenn man die Mole auslaufend passiert hatte und mehr oder weniger sein eigener Herr war. Leider konnte man diese Abwechselung immer kurz genießen. Der tägliche Dienst im Stützpunkt aber bestand aus Inspektionen, Kontrollen, Analysen, Konzeptionen, Plänen, Berichten, Referaten und schriftlich zu verfassenden Befehlen und Anordnungen. Er umfasste Dienstbesprechungen, Beratungen, und individuelle Aussprachen. Er erforderte Studium, Plankonspekte, Vorbereitung und Durchführung von Unterrichten, Ausbildung mit dem Stab, mit den Kommandanten und mit den U-Jagdkommandos der Schiffe. Er zwang zu Entscheidungen, manchmal auch zu unpopulären. Oft brannte im Zimmer des Stabschefs oder des Chefs das Licht schon lange vor Dienstbeginn und wurde erst spät nach Dienstschluss gelöscht. Und immer wieder brachte der Arbeitsumfang auch Härten für die Familie mit sich.

Heute – mit dem Abstand von 20 Jahren - fragt man sich, was einen immer wieder motiviert hat, solche Mühen auf sich zu nehmen. Da war wohl einmal das in Elternhaus und Schule vermittelte Gefühl, Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen. Da wirkte ein Quentchen Ehrgeiz, eine übertragenen Aufgabe mit bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen. Da gab es Freunde an meiner Seite, die meine Ansichten teilten, mich unterstützten und mir auch einmal den Kopf wuschen, wenn es nötig war. Und es gab Motive, die aus den gesellschaftlichen Gegebenheiten dieser Zeit resultierten. Das heute vermittelte DDR-Bild besteht einseitig nur noch aus SED-Regime, Unrechtsstaat, Stasi, Mauertoten und Misswirtschaft. Wenn ich auch viele meiner damaligen Überzeugungen mit der Wende schmerzlich korrigieren musste, für mich war die DDR mehr. Sie war der Versuch, eine Gesellschaft zu schaffen, in der der Reiche zwar viel weniger reich, dafür der Arme aber auch viel weniger arm war, als im heutigen Deutschland. Und vieles würde auch dem System, in dem wir heute leben, gut zu Gesicht stehen. Es gab keine sozialen Ängste als Massenerscheinung. Das Recht auf Arbeit und Wohnen war in der Verfassung verankert und der Staat hatte sich dieser Verpflichtung zu stellen. Bettelei und Obdachlosigkeit? Unbekannt! Es gab ein durchdachtes und von allen bezahlbares Erziehungs- und Bildungssystem. Kriminalität, Rodwytum und Gewalt waren keine gravierenden gesellschaftlichen Probleme. Die medizinische Versorgung hing nicht vom Geldbeutel des Patienten ab. Arbeits- und Familienrecht waren so reformiert, dass man keinen Rechtsverdreher brauchte, um sie zu verstehen. Die Verwaltung funktionierte auch ohne kostspieligen, trägen und mit sich selbst beschäftigten Beamtenapparat. Nicht alle Unzulänglichkeiten, die man damals schon erkannte, waren hausgemacht. Oft waren sie der Auseinandersetzung beider Systeme geschuldet. Auch wenn ich heute weiß, dass es „oben“ zu viel Borniertheit, Willkür und Lügnerei gab, um die Herzen und Hirne der Masse der Bevölkerung für den „realen Sozialismus“ zu gewinnen – aus meiner damaligen Sicht verfocht ich eine gerechte Sache.

Und die militärpolitische Situation? Einseitig wie die heutige Sicht auf die DDR wird Aggressivität nur der damaligen UdSSR und ihren Verbündeten angelastet. Dabei haben Scharfmacher auf beiden Seiten kräftig an der Schraube des Kalten Krieges und der Hochrüstung gedreht. Was sollte man von einem militärischen Gegner halten, der alle Vorschläge des Warschauer Vertrages zum Abschluss eines Nichtangriffspaktes und zum Verzicht auf den Ersteinsatz von Kernwaffen ablehnte, in seiner Militärdoktrin das Recht auf Präventivschläge ausdrücklich sanktionierte und der Ostsee als „offene Flanke des Warschauer Paktes“ in seinem Konzept der „Vorneverteidigung“ eine wichtige Rolle einräumte? Und die Praxis? Ich kenne kein Manöver des Warschauer Vertrages, das vor den Küsten der BRD ablief. Aber oft genug saßen wir unter erhöhter Führungsbereitschaft oder gar in EG, wenn NATO-Manöver unmittelbar vor den Küsten der DDR oder Polens abgehalten wurden. Nicht zuletzt zeigt der Irak-Krieg, wie man mit einem politisch unliebsamen Gegner verfährt, wenn er nur schwach genug ist. Unter dem Deckmantel, den Irakern Freiheit und Demokratie zu bringen, setzten die USA ihre eigenen handfesten politischen, wirtschaftlichen und militärischen Ziele in Nahost um. Was wäre wohl geschehen, wenn man sich gegen uns eine militärische Chance ausgerechnet hätte? Für mich wurde damals das System, das ich für das gerechtere hielt und vertrat, real von außen bedroht. Ein zusätzliches Motiv für meinen Beruf als Offizier.

*Abbildung (Teil 6, S. 40): KSS Projekt 1159 in See (ohne Bildunterschrift)*

Meine Zeit bei KSS-Zeit war nun beendet. Bis zur Auflösung der Volksmarine verblieben mir noch fünf Jahre: 1985 bis 1987 Leiter der UA Operativ der 4. Flottille, mein unmittelbarer Vorgesetzter mal wieder Fritz Naumann als Stabschef des Verbandes. 1987 kurze „Reaktivierung“ als Stabschef des 8. Gemeinsamen Geschwaders, das vom Chef der 4. Flottille, Kapitän zur See Müller, geführt wurde. 1987 bis 1988 Leiter der UA Ausbildung. Fritz hatte seinen aktiven Dienst beendet und war als Zivilbeschäftigter im Planungsbereich der Flottille tätig. Und in wessen Verantwortungsbereich fiel wohl die Planung? In die der UA Ausbildung. Urplötzlich war ich Fritzens Vorgesetzter. Aber jegliche Rachegelüste lagen mir fern. 1988 wurde die Funktion des Leiters der UA Ausbildung umgewandelt in die eines Stellvertreters des FCH für Ausbildung. Das war ich bis zum Dezember 1990, bevor mich der neue Dienstherr, der ab 3. Oktober 1990 das Sagen hatte, „aus strukturellen Gründen“ in die Arbeitslosigkeit entließ. Es folgten zwei Jahre Umschulung zum staatlich geprüften Betriebswirt, ein weiteres Jahr Arbeitslosigkeit und zwei Jahre Selbständigkeit. 1996 bekam ich einen Job in Hamburg als Prokurist einer Firma. Eine Forderung an den Bewerber lautete, er müsse Offizier der NVA gewesen sein. Als ich später mit meinem Chef ein fast herzliches Verhältnis hatte, fragte ich ihn nach dem Warum. Seine Antwort: „Ganz einfach. Für uns war ein Offizier der NVA gut ausgebildet, zum logischen Denken befähigt, entscheidungsfreudig, zuverlässig, im vernünftigen Umgang mit Menschen geübt und loyal gegenüber den Dienstherren auch in schwierigen Zeiten.“ Dem ist wohl nichts hinzu zu fügen.

— Hans Steike
