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title: "Der Hund, der „Schweinchen“ hieß"
autoren: ["Hans Steike"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 6"
projekte: ["1159"]
schiffe: ["Berlin"]
zeitraum: "1979"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t06-der-hund-der-schweinchen-hiess"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Der Hund, der „Schweinchen“ hieß

> Während des Bordpraktikums der zukünftigen „Berlin“-Besatzung in Poti 1979 wird ein kleiner, verwahrloster Rüde mit dem Namen „Schweinchen“ zum Maskottchen der Besatzung. Als die Dienststelle die streunenden Hunde abschießen lässt, retten ihn Angehörige einer Ausbildungsgruppe, indem sie ihn auf dem Wohnschiff verstecken.

Von Januar bis April 1979 fand für die Besatzung des zukünftigen KSS „Berlin“ ein Bordpraktikum in Poti statt. Die unscheinbare Stadt liegt an der grusinischen Schwarzmeer-Küste etwa 80 km nördlich der türkischen Grenze. Neben dem Stützpunkt der Schwarzmeer-Flotte verfügte Poti auch über einen kleinen Handelshafen. Die Dienststelle selbst machte für unsere Verhältnisse einen etwas verwahrlosten Eindruck. Man bemühte sich zwar, die Wege sauber zu halten, die teilweise sogar durch weiße Bordsteinkanten eingefasst waren. Büsche und Bäume an den Wegen – darunter auch einige Palmen - wurden regelmäßig gegossen. Das war es aber schon. Das restliche Gelände sah ungepflegt und trostlos aus.

Viele Objekte der Sowjetarmee und –flotte verpflegten sich zum Teil selbst. So wurden auch im Stützpunkt Poti Schweine gehalten. Es gab einen provisorischen Stall, meist aber trieben sich die Borstentiere in kleinen Gruppen im gesamten Objekt herum und suchten sich ihr Futter selbst. Außerdem konnten wir beobachten, dass tagsüber durch Breschen in der Objektmauer auch „zivile“ Schweine in die Dienststelle getrieben wurden. Vermutlich handelte es sich um Privatviecher höherer Vorgesetzter, die sich auf diese Art und Weise das Füttern sparen wollten. Eine zweite, große Gruppe tierischer Bewohner bildeten die Hunde. Es gab mehrere Meuten in denen alle Größen, Rassen und Mischungen vertreten waren. Halb verwildert streiften sie durch die Dienststelle immer auf der Suche nach Fressbarem. Sie waren wohl Kummer gewöhnt, denn gegenüber Menschen blieben sie meist auf Abstand. Nur einzelne trauten sich näher heran, darunter auch eine ziemlich kleine, undefinierbare Promenadenmischung. Nicht viel größer als ein Dackel, saß auf dem gedrungenen aber abgemagerten Körper des Rüden ein unverhältnismäßig großer Kopf mit einem Hänge- und einem aufgestellten Ohr. Die hatten eine braune Färbung, während das kurzhaarige Fell sonst schmutzig weiß war. Das Schwänzchen krümmte sich keck nach oben. Das Ganze wurde von kurzen, krummen Beinen getragen. Irgendwie sah der Hund aus wie .... Also, wir nannten ihn „Schweinchen“.

Schweinchen wurde bald zum Maskottchen und Liebling der Besatzung. Schnell hatte er sich an den Ablauf des Tagesdienstes gewöhnt. Pünktlich zu jeder Musterung fand er sich ein, suchte sich ein Plätzchen neben der Antreteordnung und beäugte interessiert das Geschehen. Marschierte die Besatzung zu den Mahlzeiten Richtung Großküche ab, hoppelte er auf seinen kurzen Beinchen neben dem Diensthabenden her und begleitete die Truppe bis zur Kombüse. Dort ließ er sich nieder und wartete geduldig. Natürlich hatten immer einige von ihrem Essen etwas abgezwackt, einen Kanten Brot, ein Stückchen Fleisch, ein Zipfelchen Wurst (die sowieso nicht besonders schmeckte), einen Knochen. Und so wurde Schweinchen für seine Treue belohnt. Er wurde zusehends runder, bekam ein richtig glänzendes Fell und ließ sich gern streicheln oder kraulen.

Nun muss man ehrlich zugeben, dass Schweinchen wirklich eine Ausnahme war. Eigentlich waren die vielen verwahrlosten Hunde eine Plage und es kam auch einmal vor, dass sie nach einem Menschen schnappten, ob berechtigt oder unberechtigt, sei erst einmal dahin gestellt. Es hatte wohl wieder einige Vorkommnisse in dieser Richtung gegeben und die Leitung der Dienststelle entschloss sich zu einer rigorosen Maßnahme. Eines Tages fuhr ein LKW langsam die gesamte Dienststelle ab, auf der offenen Ladefläche mehrere mit Jagdflinten bewaffnete Männer. Die knallten auf alles, was irgendwie wie Hund aussah. Bald lagen die ersten Opfer auf der Pritsche. Was unser zutrauliches Schweinchen betraf, ahnten wir das Schlimmste. Und richtig, er erschien nicht zur Mittagsmusterung. Als er auch abends fehlte, stand für uns fest: Schweinchen hat das Massaker nicht überlebt. Umso größer die Freude, als er am nächsten Tag wieder pünktlich und unbeschädigt zur Morgenmusterung erschien. Bald sprach es sich herum, dass seine Rettung kein Zufall war. Eine unserer Ausbildungs-Gruppen wechselte während der Jagd gerade von der Lehrbasis zum Wohnschiff, als sie Schweinchen sahen. Von den Schützen unbemerkt, brachten sie ihn auf das Wohnschiff und versteckten ihn dort. Erst als es finster war, wurde Schweinchen wieder in die Freiheit entlassen. Ich bin mir sicher, dass es ihm während seiner kurzen Verbannung an nichts gefehlt hat. So konnte uns das Maskottchen treu weiter bis zum Praktikumsende begleiten. Wahrscheinlich war Schweinchen derjenige auf sowjetischer Seite, der unsere Abreise am meisten bedauert hat.

— Hans Steike
