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title: "Die Mär von der Krankheit"
autoren: ["Karsten Peters"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 6"
projekte: ["50"]
zeitraum: "1970er Jahre"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t06-die-maer-von-der-krankheit"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Die Mär von der Krankheit

> Märchenhaft erzählte Geschichte zweier junger Turbinenmaschinisten, die sich nach einem feuchten Landgang in Warnemünde beim Feldscher krankmelden, um dem Politunterricht zu entgehen – und wegen eines Ruhrverdachts drei Wochen in Quarantäne landen, ehe ihnen die gelbe Flagge über dem eigenen Schiff unverhofft Urlaub beschert.

Diese Geschichte ist sehr, sehr alt. Sie spielte schon im vorigen Jahrtausend. Genauer gesagt anfangs der 70iger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Welt war damals eine etwas andere, nicht unbedingt besser, nicht unbedingt schlechter als heute, eine andere Welt eben. Und wie in jeder Welt lebten auch in dieser ganz verschiedene Menschen. Da gab es solche, die ihre Zeit hinter sich hatten, dabei auch junge, die von ihrer Zeit nichts mehr wissen wollten, abgeschlossen hatten, vielleicht einer anderen Zeit, als der damals gerade stattfindenden, nachhingen. Es gab Menschen, die sich in ihrer Zeit eingerichtet hatten, damit mehr oder weniger zufrieden waren, es nicht anders wollten oder konnten. Und es lebten auch Menschen darin, die gerade beim Einrichten waren, also ganz am Anfang des Lebens standen, ihren Platz suchten, Vorstellungen hatten, ihren eigenen Weg beschreiten wollten. Es waren also Zustände und Personen, wie sie auch heute und morgen jedem von uns begegnen können, denn die Welt ist zwar immer neu aber auch immer wieder irgendwie alt.

In unserer Geschichte geht es um die zwei Freunde H. und K. Ersterer stammte aus dem Fischland und war natürlich blond und blauäugig. K. kam aus Graubrücken, einem kleinen Ort am Mittellauf der Elbe. Beide gehörten eindeutig zu der letztgenannten Menschengruppe, die sich also noch einrichten mussten und wollten, am Anfang ihres Weges standen. In einer großen Welt, von deren wahrer Größe sie erst später erfahren sollten, waren sie in ein kleines, zerstückeltes Land, welches in sehr verschiedenen Richtungen Großes vollbracht hatte, hineingeboren worden. Dadurch waren sie etwas festgelegt und eingeengt, was den beiden aber gar nicht so vorkam. Denn beide waren Optimisten, jung, gesund und voller Elan.

Nun gibt es im Weltenlauf, wie in fast jeder Nachbarschaft, auch einmal Streit, der mal mehr, mal weniger heftig ausgetragen wird, der aber immer für alle, die daran teilhaben, eigentlich nur Nachteile bringt. So war es auch hier. Den Zwist, den die beiden großen Königreiche der damaligen Welt führten, in den die beiden Freunde hineinversetzt waren, der schon vor ihrer Geburt begonnen hatte und sich noch lange hinziehen sollte, nahmen sie nicht wirklich wahr. Es war auch kein Krieg in der Art wie die Alten ihn kannten, oft erzählten, teilweise er- und überlebt hatten. Nein, es war so eine Art drolliger Krieg, der aber nicht minder ernst war. Jeder der beiden Könige wollte seinem Gegner nur Gutes bringen, ihn von seiner Lebensart überzeugen und jeder betonte seine ehrlichen Absichten. Keiner wollte diesen Krieg, keiner verstand ihn so richtig, aber alle waren in irgend einer Weise damit verknotet.

H. und K. waren beide im Jungmannesalter, waren von Abenteuerlust, Fernweh und auch noch mit etwas Unwissenheit geschlagen, so dass sie eigentlich zwangsläufig dort landen mussten, wo schon viele ihrer Art angekommen waren und auch nach ihnen noch viele hinzukamen. Sie trafen sich auf einem Schiff. Ein Schiff, selbst wenn es so grau war, wie dieses, versprach in irgend einer Weise die Erfüllung ihrer Vorstellungen und Sehnsüchte. Generationen von jungen Leuten ist es auf der Welt ähnlich ergangen, haben ähnlich gehandelt, und werden es wohl auch in Zukunft tun. Warum sollten wir unseren beiden Freunden ihr Tun verdenken?

Die Tage auf einem Schiff, noch dazu auf solch einem Orlogschiff, sind nicht immer leicht und schon gar nicht so abenteuerlich und abwechslungsreich, wie manch Uneingeweihter es sich vorstellen kann. Da gibt es hunderte von Ecken, die zu reinigen sind, hundertfach lachen Roststellen, die gepönt werden müssen. Überall muss gewartet, gepflegt, geputzt und repariert werden. In alle diese seemännischen Arbeiten wurden unsere zwei Helden eingewiesen, taten sich mit einigen Sachen mehr oder weniger schwer, bis alles richtig lief. Doch der Mensch ist nun einmal die Krone der Schöpfung und kann alles erlernen und fast alles ertragen.

Fern von den Problemen der großen Welt, mit seinen eigenen Dingen und Tagesarbeiten beschäftigt, drängt es auch den größten Seehelden mal zu einem kleinen Landgang, der für unsere Beiden meist in dem schon zur damaligen Zeit sehr beliebten Badeort W., in dessen unmittelbarer Nähe die Flottenbasis lag, endete. Es gab dort so ziemlich alles, was in den Vorstellungen junger Leute häufig vorkommt. Es gab etwas fürs Auge, für den Magen und nicht zuletzt auch etwas für die Kehle. So verlief auch ein herrlicher Sommersonntag, der in bester Marinemanier zelebriert wurde: um 10.00 Uhr Landgangsmusterung an Bord, danach mit der Fähre in die Zivilisation zum Frühschoppen, anschließend einige Stunden an den Strand und dann zum Tanz in ein entsprechendes Lokal am Platze. Dabei wurde nicht ganz so intensiv auf einen strengen Flüssigkeitsverbrauch geachtet, wie sonst auf einem Dampfschiff üblich, denn auf einem solchen fuhren H. und K. Es wurde also eine gewisse Übermenge gebunkert. Da, wie es oft vorkommt, der Schaden erst später bemerkt wurde, war der dann aber umso größer.

An dem darauf folgenden Montagmorgen waren es nun zwei Ereignisse die den Ablauf der nächsten Zeit umfassend beeinflussen sollten. Zum Ersten war der auf der Tagesordnung des östlichen Königreiches stehende ideologische Aufbauunterricht zu absolvieren. Leider gehörte er zu den Dingen, die der Mensch, noch dazu der praktisch denkende Seemann, gar nicht so ganz leicht ertragen konnte. Zum Zweiten hatten unsere beiden Seelords in Kopf und Leib allerlei Beschwerden der unangenehmen Art als Folgen ihrer Bunkermenge vom Vortag. Da nun aber ein wesentliches Ausbildungsziel bei der Marine im Gegensatz zu manch anderen Lebensbereichen des östlichen Königreiches, jenes zum selbstständiges Handeln war, wussten H. und K. eine vermeintliche Lösung für beide aktuellen Probleme. Sie meldeten sich beim Feldscher des Schiffes, der sie erwartungsgemäß zum Flottillen-Lazarett überwies. Dort hofften sie auf Linderung der Qualen und möglichst viele andere Patienten, um eine lange Wartezeit aushalten zu dürfen. Das Ganze geschah unseren beiden Seelords, ohne dass sie so auch nur ahnen konnten, welche Geschichte sie damit auslösten.

Beim entsprechenden „Marinesanitätsrat“ angekommen wurde die vermeintliche Krankheit geschildert, Fragen beantwortet, kurz die Untersuchung abgewettert. Der Donnerschlag traf zum Ende der Untersuchung ein. Den beiden tapferen Patienten wurde eröffnet, dass für sie die gelbe Flagge gesetzt sei - Quarantäne im Lazarett. Für drei Wochen verschwanden also zwei an Bord so dringend benötigte Turbinenmaschinisten im Quarantänelager der Flottille. Und das nur, weil sie nicht wussten, dass von dem Zeltplatz nebenan einige Urlauber mit Ruhrverdacht im Krankenhaus lagen. Unsere beiden Lords hatten nämlich auf die Frage des Sanitätsrates, ob man denn beim letzten Landgang auch auf dem nahe gelegenen Zeltplatz war und Kontakt zu den Urlaubern oder besser den Urlauberinnen hatte, ahnungslos mit „ja“ geantwortet. Einige Zeit weg vom Dampfer ist ja ganz schön, zumal bei nicht ganz so genehmen Märchenstunden auf dem Dienstplan, aber drei Wochen waren schon starker Tobak, zumal ein herrliches Sommerwetter über einen längeren Zeitraum anhielt. Dazu kamen tägliche Abstriche und die entsprechende Langeweile im spartanisch eingerichteten Lazarett sowie eine der vermuteten Krankheit entsprechende Verpflegung. So bewahrheitete sich auch hier wieder einmal der Spruch von der Medaille mit den zwei Seiten.

Doch auch diese langen Tage gingen vorbei und die Entlassung aus dem Lazarett näherte sich dem Ende. In der Zwischenzeit hatten die Bakterien aber ganze Arbeit geleistet. Es schien auch andere Landgänger, diesmal aber tatsächlich, erwischt zu haben, so dass nun über dem ganzen Dampfer unserer Helden die gelbe Flagge wehte und die Stelling eingeholt war. Für über 150 Mann bedeutete dies, dass kein Landgang, kein Urlaub usw. möglich war. Vom Dampfer durfte keiner herunter, es konnte aber natürlich auch keiner hinüber auf das Schiff, schon gar nicht zwei gerade frisch aus dem Quarantänelazarett als gesund entlassene Besatzungsmitglieder. Das wiederum bedeutete für H. und K. unverhofftes Glück. Sie „konnten“ - und zwar in Urlaub fahren.

So endete ein eigentlich schöner Sommersonntagslandgang nach etlichen Tagen und Wochen, nach Lazarettaufenthalt und Urlaub und auch neu gewonnenen Erfahrungen wieder auf ihrem Schiff, auf dem die Quarantäneflagge längst eingeholt war und wo wieder normaler Dienstbetrieb herrschte. Ob jemand wirklich erkrankt war und ob unsere beiden Maschinengasten an den nächsten Polit-Unterrichten brav teilgenommen haben, ist dem Erzähler dieser Geschichte leider nicht bekannt. Zu viele Jahre sind seitdem vergangen. Es war eben eine andere Welt und es war eine andere Zeit, nicht unbedingt besser, nicht unbedingt schlechter als heute, eine andere Welt eben.

— Karsten Peters
