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title: "Erinnerungen"
autoren: ["Ulrich Korn"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 6"
projekte: ["50"]
schiffe: ["1-62", "Friedrich Engels", "Karl Liebknecht", "Blyskawica"]
zeitraum: "1958–1962"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t06-erinnerungen"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Erinnerungen

> Ulrich Korn denkt zum 50. Jahrestag der NVA über den Sinn des Dienstes in der Volksmarine nach und erzählt zwei Episoden: die Dreharbeiten der DEFA für „Das Lied der Matrosen“ mit Kurt Maetzig auf KSS 1-62 im Sommer 1958 samt dem geborgenen Stockanker, sowie den improvisierten Einsatz der „Friedrich Engels“ zur Manöverabschlussparade in Szczecin 1962, bei dem das Schiff mangels Geschirr kein Bankett ausrichten konnte.

## Einige Gedanken

Ich schrieb die folgenden Erlebnisse im Februar 2006 nieder, unmittelbar vor dem 50. Jahrestag der NVA am 1. März. Im Dezember steht der 50. Jahrestag der Indienststellung der ersten zwei Küstenschutzschiffe an. Genug Anlass darüber nachzudenken, was unser Dienst in den Streitkräften für einen Sinn hatte. Warum hat für die meisten von uns diese Zeit einen so prägenden Charakter?

Wenn wir es anderen überlassen, sich dazu zu äußern, reduziert sich vieles auf das Vokabular aus der Zeit des kalten Krieges, waren wir nur eine der Stützen des „Parteiregimes“, ein „Unterdrückungsinstrument“ des „Unrechtsstaates“. Gerade aus Anlass der o.g. Ereignisse tönt aus den Medien aller Art diese Form der Bewertung. Auch das Bundesministerium für Verteidigung tutet mit der Weisung an alle Dienststellen der Bundeswehr, keine Räumlichkeiten für irgendwelche Veranstaltungen anlässlich des 1. März 2006 zur Verfügung zu stellen, und mit der dazu gehörenden Argumentation in das gleiche Horn. In der Zeitschrift „Marineforum“ wird in einem Kommentar die Volksmarine quasi mit der Kriegsmarine gleichgesetzt. Deshalb erscheint es mir so wichtig, dass wir unsere subjektiven Erlebnisse, unsere Motive für die Diensterfüllung in jenen Jahren aufschreiben und veröffentlichen.

Ich hatte das Glück, vor einigen Tagen an einer Veranstaltung anlässlich des 50. Jahrestages der Gründung der NVA teilnehmen zu können. Es waren dort frühere Angehörige aller Teilstreitkräfte anwesend. Der ehemalige Chef der Volksmarine und spätere Minister für Nationale Verteidigung Admiral a.D. Theodor Hoffman eröffnete die Veranstaltung und der ehemalige Minister, Heinz Keßler sprach die abschließenden Worte. Hauptthema war der Sinn „unseres“ Soldatseins. Übereinstimmend wurde festgestellt (auch in einem Film über die NVA, der diesmal von ehemaligen Mitarbeitern des Armeefilmstudios zusammengestellt war): Wir, die Angehörigen der NVA, haben mit unserem Dienst zum Kräftegleichgewicht der Weltsysteme beigetragen und damit geholfen, einen 3. Weltkrieg zu verhindern. Darauf sind wir zu Recht stolz.

Wir KSS-Fahrer hatten das Glück, auf zu ihrer Zeit modernen Schiffen zu dienen. Der Dienst an Bord war nicht immer leicht und er war entbehrungsreich. Aber wir waren stolz darauf, auf diesen schönen Schiffen zu fahren und sie zu beherrschen. Dass sie schön waren, ist heute noch auf jedem Foto zu erkennen. Als ich vor etwa zwei Jahren für meinen Freund Uli Mädel eine Kopie eines Fotos von zwei KSS an der Pier in Saßnitz anfertigen ließ, sagte der junge Mann, der mir die Kopien übergab, bewundernd: „Donnerwetter, das sind aber schöne Schiffe“ und das nach fast 50 Jahren! Der Dienst hat uns zu einer engen Gemeinschaft zusammengeschweißt, Gasten, Maate, Meister und Offiziere, anders hätten wir unsere Aufgaben gar nicht erfüllen können. Deshalb haben mich die Worte von Hartwig Niemann im Heft 5 der KSS-Reihe sehr berührt und erfreut. Ich möchte sie hier noch einmal wiederholen: „Geblieben ist die Erinnerung an eine Zeit, die für mich noch heute tief im Innern verwurzelt ist. Es war eine aufregende und schöne Zeit auf diesem Schiff als Kesselgast und späterer Fahrmaat Dienst für unsere Sache zu leisten.“ Ähnlich drückte sich Meister Bernd Lange, Hydroakustiker auf der „Friedrich Engels“, bei einem Treffen von KSS-Fahrern im Jahre 2002 in Saßnitz aus. Er sagte mir: „Die Zeit auf KSS war die schönste Zeit meiner Jugendjahre und ich bereue davon keine Minute.“

Für viele von uns Berufssoldaten, waren es nicht nur die Jugendjahre, die wir in der NVA dienten, es war unser Leben. Ein Leben, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen. Diese Gedanken und die Anstöße aus dem Heft 5, waren für mich der Anlass nun endlich, nach einigen Jahren, auch selbst erste Geschichten aufzuschreiben.

## Die DEFA an Bord

Film und Fernsehen waren gerne bei der Volksmarine. Entweder dienten die Schiffe und Boote als Kulisse für maritime Stoffe, oder die Filme spielten im maritimen Milieu. Im Januar dieses Jahres (2006) berichteten viele Medien über den 95. Geburtstag des bekannten DEFA- Filmregisseurs Kurt Maetzig. Das erinnerte mich an eine persönliche Begegnung mit ihm auf einem KSS.

Irgendwann im Sommer 1958, ich war damals Kommandeur GA-I auf KSS 1-62 unter Kommandant Manfred Kretzschmar, erhielten wir den Auftrag, nach Warnemünde zu laufen und uns dort für Filmaufnahmen bereit zu halten. Am Vorabend des Drehtermins ankerten wir auf Reede Warnemünde und am nächsten Morgen - es war ein wunderschöner, sonniger Tag - kam dann eine größere Hafenbarkasse längsseits und die ganze Filmcrew stieg an Bord. Außer „Manne“ Kretzschmar wusste wohl keiner, um welchen Film es sich handelte, von dem einzelne Szenen auf unserem Schiff gedreht werden sollten. Das klärte sich aber bald auf und der „Bordfunk“ vermittelte es allen: Es wird ein Film über die Novemberrevolution 1918 mit dem Titel „Das Lied der Matrosen“.

Auf dem Achterdeck wurde sehr schnell das Tonstudio entfaltet. Die Beleuchter und Kameramänner installierten ihre Technik an den vom Regisseur festgelegten Drehorten. Die Kommandanten-Kammer wurde von der Maskenbildnerin belegt und in der O-Messe hielten sich alle Schauspieler auf, die gerade nicht gebraucht wurden. Wir staunten nicht schlecht, welch prominente Leute da zu uns an Bord gekommen waren. Regisseur war also Kurt Maetzig, damals schon mehrfacher Nationalpreisträger. Er hatte seine Frau, die Schauspielerin Ivonne Merin mitgebracht. Die jungen, aber schon damals sehr bekannten Schauspieler Ekkehard Schall und Ulrich Thein waren dabei, der sehr beliebte Schauspieler Horst Kube und ältere, weniger bekannte wie Adolf Peter Hoffmann und Wolfgang Brunecker. Hinter der Kamera stand Joachim (Jo) Hasler, einer der erfolgreichsten Kameramänner der DEFA.

*Abbildung (Teil 6, S. 16): Horst Kube (Foto mit Autogramm)*

Von den Dreharbeiten bekam die Besatzung nur wenig mit, denn der Verkehr auf dem Oberdeck war eingeschränkt. Es hätte ja sein können, dass jemand ins Blickfeld der Kamera geriet. So hielt sich die Besatzung meist unter Deck oder auf dem Achterschiff auf, die Offiziere in der Messe. Da ich auf Grund meiner Funktion öfter im Kartenraum zu tun hatte, habe etwas mehr mitbekommen. Eine Szene ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Laut Drehbuch legte ein Beiboot als Prisenkommando vom Schiff ab. Wir ließen also ein Rettungsboot zu Wasser, die Besatzung wurde von uns gestellt. Unsere Matrosen waren von der Maske schnell zu kaiserlichen Matrosen gemacht worden. Im Boot hatte schon Ekkehard Schall Platz genommen. Herr Schall war übrigens an diesem Tage etwas müde und schlief, wenn er nicht benötigt wurde, irgendwo an Oberdeck in der Sonne. Maetzig rief dann hin und wieder durchs Megaphon. „Herr Schall, bitte zum Drehen“ und die Regieassistenten suchten und holten dann Herrn Schall. Man erzählte uns hinter vorgehaltener Hand, dass der Vorabend wohl recht feucht-fröhlich gewesen wäre. Nun saß Herr Schall aber schon im Boot. Der letzte, der ins Boot zu entern hatte war Ulrich Thein. Über Tampen oder Strickleiter -genau weiß ich es nicht mehr – hatte er das Boot zu erreichen. Kaum war er unten, kam es von der Regie: „Das war schon ganz gut Herr Thein, aber.....“ Es folgten einige Regieanweisungen und Thein kletterte wieder nach oben. Das wiederholte sich so einige Mal und es hat mir Respekt abgefordert, wie Ulrich Thein das auch aus sportlicher Sicht meisterte.

In der Messe kamen einige Offiziere, darunter auch ich, mit Horst Kube ins Gespräch. Er erzählte uns, dass er in seinen Jugendjahren auch einige Zeit zur See gefahren ist. Ich habe ihm dann, soweit das mit den oben genannten Einschränkungen möglich war, unser Schiff gezeigt.

Zur Mittagspause waren Offiziere und Filmemacher bei einem kräftigen Eintopf in der Messe vereint und wir erfuhren mehr über den Inhalt des in Produktion befindlichen Films, der zu einem der besten Filme Maetzigs wurde. Übrigens, im fertigen Film haben die bei uns gedrehten Szenen lediglich Sekunden gedauert und nur „Insider“ haben erkannt, wo sie aufgenommen wurden.

Inzwischen hatten wir auch die Aufmerksamkeit der vielen Sportboote erlangt, die damals noch auf die Reede durften. Nach dem 13. August 1961 war das ja nicht mehr möglich. Auch der Ausflugsdampfer „Undine“, voll besetzt mit Urlaubern, drehte seine Runden um unser Schiff. Dieses Interesse mag einerseits daran gelegen haben, dass die KSS 1958 ja noch nicht so bekannt waren und andererseits war es sicher dem Umstand geschuldet, dass am Heck eine große kaiserliche Reichskriegsflagge wehte. Unsere Dienstflagge hatten wir für die Dreharbeiten, entgegen allen Regeln, an der Gaffel gesetzt. Wer weiß, was sich die Betrachter dieses Kuriosums so gedacht haben.

Abends waren die Dreharbeiten beendet und die Filmleute verließen uns mit großem Dank und herzlicher Verabschiedung. Nachdem wir das Schiff wieder in seinen „Normalzustand“ versetzt hatten, wollten wir entweder noch am gleichen Tag oder am nächsten Morgen die Überfahrt nach Saßnitz antreten. Beim Ankerlichten gab es jedoch Probleme. Die Winsch ächzte und stöhnte, aber unser Anker kam nicht aus dem Grund. Nach etlichen Versuchen schafften wir es dann doch und der Anker kam aus dem Wasser. Nicht schlecht haben wir gestaunt, als mit unserem Anker noch ein uralter, ziemlich großer Stockanker die Wasseroberfläche durchbrach. Beide waren trotz aller möglichen Versuche nicht voneinander zu lösen. So wurden sie notdürftig festgezurrt und dann die Heimreise angetreten. Es war zum Glück ruhige See und wir erreichten ohne Zwischenfälle unseren Stützpunkt. Dort wurden mit Hilfe des Hafenpersonals die Anker voneinander getrennt und der alte Stockanker auf die Pier gehievt. Heute liegt im Saßnitzer Hafen, dort, wo einst die Küstenschutzschiffe ihre Liegeplätze hatten, auf einem Betonfundament ein großer, schön schwarz lackierter Stockanker. Ich könnte beinahe wetten, es ist der, den wir 1958 aus Warnemünde mitbrachten.

Zwei kleine Nachträge. Zum ersten: Ich hatte inzwischen geheiratet und wohnte in Berlin. Dort wurde am 1. Mai 1959 unser erstes Kind, eine Tochter, in der Universitäts-Frauenklinik geboren. Gegen Mittag marschierte der frischgebackene, stolze Vater, natürlich zu Ehren des Feiertages und seiner Tochter in „Erster Geige“, von der Endhaltestelle der Straßenbahn über eine kleine Fußgängerbrücke, die direkt zur Klinik führte. Viele Menschen, ganze Familien mit Kindern kehrten bereits von der Mai-Demonstration zurück. Auf der Brücke traf ich den Schauspieler Horst Kube. Wir begrüßten uns herzlich und ich konnte natürlich das große Ereignis nicht verschweigen. So kam es, dass nach der engeren Familie Horst Kube einer der ersten war, der mir zu unserer Tochter gratulierte. Zum zweiten: Kurt Maetzig ist der einzige der hier namentlich erwähnten Protagonisten des Films „Lied der Matrosen“, der heute (Februar 2006) mit 95 Jahren noch unter uns weilt.

## Peinliche Situation

Ende September /Anfang November 1962, die „Friedrich Engels“ und die „Karl Liebkecht“ bereiteten sich langsam auf die baldige Werftliegezeit in Kronstadt vor, fand im polnischen Küstengebiet sowie im nördlichen Teil der DDR eine große Übung der Vereinten Streitkräfte unter Teilnahme aller Teilstreitkräfte der UdSSR, der VRP und der DDR statt. KSS der Volksmarine waren nicht dabei. Ungeachtet dessen bekam die „Karl Liebknecht“ den Auftrag, am Morgen des 7. oder 8. Oktober zum Abschluss des Manövers nach Szczecin auszulaufen. Am Vorabend kamen eine kleine Gruppe von Offizieren des Kommandos der Volksmarine und mein Vorgänger, der ehemalige Kommandant der „Friedrich Engels“, Dieter Dembiany, an Bord. Vom Kommando war das mehr oder weniger die „zweite Garnitur“, denn die Admiralität verlegte auf dem Landweg nach Polen. Dieter Dembiany war wohl zu dieser Zeit ACH bei den Landungsschiffen oder –booten, die an der Übung teilgenommen hatten.

Die „Friedrich Engels“ lag seeseits im Päckchen mit der „Karl Liebknecht“ in Saßnitz an der KSS-Pier. Wir hielten uns bereit, gegen Morgen beim Ablegen der „Karl Liebknecht“ zu verholen. Während des Seeklarmachens unseres Nachbarschiffes ging jedoch dessen Maschinenanlage in die Knie. Beim damaligen Zustand der beiden Schiffe keine Seltenheit. Wir hatten öfter mit technischen Ausfällen zu tun – im Hafen und auch auf See. Kurzfristig erhielten wir den Befehl, die Aufgabe der „Karl Liebknecht“ zu übernehmen. Mit Gefechtsalarm wurde die Besatzung geweckt. Das beschleunigte Seeklarmachen begann, denn es gab Zeitverlust. In aller Eile wurden von den Offizieren des Nachbarschiffes die neuen Sommermäntel und die Ehrendolche übernommen, mit denen diese extra für diese Reise vorfristig ausgestattet wurden. Das hielt man im Kommando der VM wohl für besonders wichtig. Zum Glück hatten wir genügend Heizöl und Verpflegung an Bord, um die geplanten drei bis vier Tage zu überstehen.

Es dämmerte schon, als wir endlich in Saßnitz ablegten. Kurz vor der Ansteuerung Swinoujscie meldete der LI Probleme mit dem Kondensat – wir machten Salz! Da wir bald mit der Revierfahrt begannen, hofften wir bis Szczecin durchzuhalten. Das klappte dann ja auch, wenn auch immer mit einem flauen Gefühl im Bauch. In Swinoujscie stieg dann ein Verbindungsoffizier der PSKF zu uns an Bord. Er zeigte uns auf der Karte wo wir in Szczecin anlegen sollten – direkt an der Hakenterrasse mitten in der Stadt. Der polnische Zerstörer „Blyskawica“ und ein Zerstörer der Baltischen Flotte würden schon an der Pier liegen. Da wo Platz wäre, sollten wir festmachen. Alles andere würde uns ein weiterer Verbindungsoffizier vor Ort mitteilen. Im Verlaufe der Fahrt erzählte uns unser Freund von der PSKF, dass er in Szczecin eine „Bekannte“ hätte, die er dann dort besuchen wollte.

Am frühen Nachmittag hatten wir festgemacht – an der Spitze der drei Schiffe. Als erstes kümmerten sich LI und AI um unsere Maschinenanlage und alle Landanschlüsse. Der Verbindungsoffizier verabschiedete sich und verschwand. Auch die Offiziere des höchsten VM-Stabes gingen von Bord. Bald ließ sich der angekündigte, neue verantwortliche Offizier der PSKF bei uns sehen und nun erfuhren wir einige Details. Am 9. Oktober würde eine große Parade in der Stadt stattfinden. Deshalb sollten die Schiffe an diesem Tag „über die Toppen“ flaggen und in der darauffolgenden Nacht illuminieren. Wir hätten eine LKW-Besatzung Maate und Matrosen unter Führung eines Offiziers zu stellen, die an der Parade teilnehmen sollten. Damit schienen unsere Aufgaben klar zu sein. Nachdem alles organisiert war, machte ich mit Dieter Dembiany einen Stadtbummel, um die schöne Stadt an der Odermündung kennen zu lernen. Mit unseren Dolchen erregten wir einiges Aufsehen, besonders bei den Kindern.

An Bord zurückgekehrt, erwartete uns noch einmal der polnische Offizier und gab mir zur Kenntnis, dass außer den bereits bekannten Aufgaben noch etwas hinzugekommen sei. Auf allen drei Schiffen sollten am nächsten Mittag „Bankette“ stattfinden, an denen wechselseitig jeweils eine festgelegte Anzahl von Offizieren, Meistern, Maaten und Matrosen teilnehmen sollten. Ich muss wie vom Blitz getroffen diese Nachricht zur Kenntnis genommen haben. Wer den damaligen Bestand an Geschirr, Bestecken, Gläsern usw. noch in Erinnerung hat, wird mich verstehen. Es gab ein Sammelsurium an Tellern, Tassen, Messern, Gabeln und Löffeln in den Messen. Nichts passte zusammen. Deshalb nahmen wir zu offiziellen Anlässen (Flottenbesuchen u.ä.) auch immer eine große Kiste mit entsprechenden Utensilien an Bord. Da aber unser Schiff in Szczecin nur eine Nebenrolle spielte, hatte niemand an eine solche Situation auch nur im entferntesten gedacht. Außerdem, was gab unsere Kombüse überhaupt her? Nach kurzer Beratung mit dem VO stellten wir fest, dass wir keine Gäste in einem entsprechenden Rahmen empfangen könnten. Der Verbindungsoffizier zeigte Verständnis für unsere Lage und ging, die anderen Schiffe zu informieren. Einige Zeit später kam er zurück und brachte uns Einladungen zu den Banketten auf den anderen Schiffen. Ich persönlich wurde auf den traditionsreichen Zerstörer „Blyskawica“ gebeten, der schon am zweiten Weltkrieg teilgenommen hatte. Es war schon mehr als peinlich, als ich an der festlich gedeckten Tafel in meine Tischrede eine Entschuldigung für unsere „Unhöflichkeit“ einflechten musste. Dann gab es ein mehrgängiges Menue, serviert auf feinem Porzellan sowie Wein und andere Getränke, aus Kristallgläsern. Gegessen wurde mit Silberbesteck (oder einer gelungenen Imitation). Niveau mindestens vier Sterne. Wie hätten wir uns da blamiert! Anschließend nahm mich der Gehilfe des Kommandanten des sowjetischen Zerstörers mit an Bord und in seine Kammer. Dort haben wir noch ein wenig „Rees an Backbord“ gepflegt, mit einem kleinen Schluck, wie das so üblich war zu diesen Zeiten. Wieder an Bord der „Friedrich Engels“ erzählten unsere Paradeteilnehmer begeistert von ihren Erlebnissen. Leider soll es auch einen Unfall mit Personenschäden gegeben haben, verursacht von einem polnischen Panzer.

Am nächsten Morgen kam dann auch unser eigentlicher Verbindungsoffizier wieder von seiner Bekannten zurück – sichtlich gut gelaunt. Er lud mich und noch einen unserer Offiziere, ich kann mich nicht mehr erinnern wen, zu einem Frühstück in einem nahegelegenen Restaurant ein. Kurz vor dem Ablegetermin waren wir wieder an Bord. Unsere „Passagiere“ vom Kommando waren auch wieder da. Übrigens, dem Erzählen nach waren mehrere Admirale der Volksmarine bei der Parade anwesend, wohl sogar der Chef der VM. Nicht einer hatte sich bei uns, „seinem“ Schiff und der Besatzung sehen lassen!

Die Maschinenanlage war auch wieder klar und so legten wir als letztes der drei Schiffe gegen Mittag ab und dampften in Richtung Heimat. Am Stützpunkt der PSKF in Swinoujscie legten wir noch einmal an, um den Verbindungsoffizier abzusetzen. Außerdem mussten wir noch einige Zeit auf die Auslaufgenehmigung warten. Am Abend liefen wir dann nach Saßnitz ab. In der Messe berichtete ich den Offizieren des Kommandos über den Ablauf unseres Besuchs in Szczecin und hielt meinen Groll über die peinliche Situation, in die ich geraten war, nicht zurück. Ergebnis: Schulterzucken. Sie hätten damit nichts zu tun. Ich bat sie, in ihrem Bericht in Rostock die Angelegenheit zur Sprache zu bringen. Nie habe ich ein Echo gehört. Nach diesem Gespräch hatten die Herren Durst. „Kommandant, Du hast doch sicher ein Fläschchen in Deiner Kammer“. Natürlich hatte damals jeder Kommandant eine Reserve im Spind – meist zollfreie Ware von Werfterprobungsfahrten – die rückte ich dann raus. „Die bekommst Du wieder“ hieß es. Darauf warte ich heute noch. Tja, nicht alle Erlebnisse auf KSS waren freudiger Natur, aber immer lehrreich.

— Ulrich Korn
