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title: "Irrungen und Wirrungen um einen Schiffsnamen"
autoren: ["Bernd Kulbe", "Klaus Geruschke"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 6"
projekte: ["1159"]
schiffe: ["Berlin", "Rostock", "Wilhelm Pieck", "142"]
zeitraum: "1979–1981"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t06-irrungen-und-wirrungen-um-einen-schiffsnamen"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Irrungen und Wirrungen um einen Schiffsnamen

> Der erste Kommandant Bernd Kulbe und sein Politstellvertreter Klaus Geruschke gehen der Frage nach, wann und ob das am 10. Mai 1979 in Dienst gestellte KSS „Berlin“ offiziell in „Berlin – Hauptstadt der DDR“ umbenannt wurde. Anhand von Glückwunschschreiben, Presseberichten, dem Flottenbesuch in Tallinn 1979, dem Delegationsbesuch in Berlin und dem aus Münzlegierung gefertigten Namensschild zeichnen sie die widersprüchliche Namensverwendung nach.

## Ein Kommandant erinnert sich

*von Bernd Kulbe*

Am 10. Mai 1979 wurde unter dem Namen „Berlin“ das zweite KSS des Projektes 1159 in Dienst gestellt. Wochen (oder Monate?) später änderte sich der Name auf „Berlin – Hauptstadt der DDR“. Im KSS-internen Sprachgebrauch blieb unser Schiff allerdings immer nur die „Berlin“. Auf der Suche nach Ursachen und Verlauf der Umbenennung sprach die Redaktion unserer KSS-Reihe auch mich an. So habe ich mein kleines Privatarchiv gesichtet und mich entschlossen, für 1979 – das Jahr der Indienststellung - und für 1980 neben Aussagen zu der Frage, wann wurde aus Max denn Max und Moritz auch einige Dinge aus dem Schiffsleben aufzuschreiben. Eine Antwort nehme ich vorweg: ein Datum der Umbenennung ist mir nicht mehr erinnerlich und an einer offiziellen Umbenennungs-Zeremonie (falls es die überhaupt gegeben haben sollte), habe ich nicht teilgenommen. Ich weiß nur noch, dass das zweite Namensschild wirklich von der Patenstadt Berlin – Hauptstadt der DDR gestiftet wurde und aus der gleichen Legierung bestand wie die damaligen 5-Mark-Stücke der DDR-Währung.

Mit Datum vom 09.05.1979 (da waren alle Urkunden und Pressemitteilungen schon vorbereitet) existiert ein Schreiben des Oberbürgermeisters von Berlin – Hauptstadt der DDR an den Kommandanten des Küstenschutzschiffes „Berlin“ mit Glückwünschen an die Besatzung zur Indienststellung.

> **DER OBERBÜRGERMEISTER VON BERLIN**  
> **HAUPTSTADT der DDR**
>
> (Auszug).... „Zur Indienststellung des Küstenschutzschiffes "Berlin" der Volksmarine der Nationalen Volksarmee übermittle ich Ihnen sowie allen Matrosen, Maaten, Fähnrichen und Offizieren im Namen der Stadtverordnetenversammlung und des Magistrats von Berlin die herzlichsten Grüße und Glückwünsche. Die Berliner sind stolz darauf, dass ein Kampfschiff unserer Volksmarine den Namen der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik trägt und werten dies als einen Ausdruck der engen Verbundenheit zwischen den Werktätigen unseres Staates und seinen bewaffneten Organen. ..... Die Stadtverordnetenversammlung und der Magistrat von Berlin wünschen der Besatzung des Küstenschutzschiffes "Berlin" dabei viel Erfolg, allzeit gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.
>
> Mit sozialistischem Gruß
>
> Berlin, 9. Mai 1979  
> Kümmel  
> amt. Oberbürgermeister

Über die Indienststellung berichteten am 11.05.1979 u. a. die „Ostseezeitung“ und später die Wochenzeitung „Volksarmee“ in Wort und Bild – immer mit dem Schiffsnamen „Berlin“. Damit wäre die Namensfrage für den Tag der Indienststellung eindeutig geklärt.

Zum Ende der Fußballsaison 1978/79 besiegte der BFC Dynamo den Titelverteidiger Dynamo Dresden mit 3 :1 und wurde so Fußballmeister. Da musste man als Schiff „Berlin“ schon gratulieren. Nun hatte der Berliner Fußballclub Dynamo an Bord nicht so viele Fans wie die Dresdner. So war für mich Diplomatie im kleinen Stil angesagt. In der Wochenzeitschrift „Neue Berliner Illustrierte“ (NBI 24/79) auf Seite 26 war dies dann neben den Fotos Torschuß zum 3. Tor, Szene aus der Kabine und In-die-Luft-Werfen des Trainers so zu lesen: „ Eine wahre Flut von Glückwünschen überschüttete den neuen DDR-Fußballmeister BFC Dynamo. Einer, über den sich die Dynamo-Männer am meisten freuten, kam von Bord des Küstenschutzschiffes „Berlin“: „Unsere Besatzung stammt zwar aus allen Bezirken, aber die Gruppe der BFC-Fans ist eine der größten an Bord und wächst ständig“, schrieb darin der Kommandant. Und auf einem Ehrenplatz in der Schiffsmesse schmunzelt darüber vergnügt ein großer Berliner Bär im BFC-Dress.“ Den hatte übrigens mein knapp 2-jähriger Sohn bei einem Sonntags-Familienschwätzchen an Bord auch gleich ins Herz geschlossen. Fazit: Von Umbenennung damals immer noch keine Spur.

Die „Berlin“ wurde zur Teilnahme am offiziellen Flottenbesuch in Tallinn (Reval – Estland) aus Anlass des 61. Jahrestag der Seekriegsflotte der Sowjetunion befohlen, obwohl seit der Indienststellung am 10. Mai 1979 erst wenige Wochen vergangen waren und wir noch mitten in der Ausbildung steckten. Man unterscheidet ja offizielle Flottenbesuche von inoffiziellen und von dienstlichen Besuchen. Bei ersteren Besuchen wird auf diplomatischem Wege ein Besuchsprogramm mit Ehrenbezeigungen, Empfängen, Exkursionen u. a. vereinbart. Inoffizielle Flottenbesuche erfolgten nach Vereinbarung zur Lösung von Ausbildungsaufgaben, dienstliche Besuche nach Notwendigkeit. Nach der von der Politischen Verwaltung der Volksmarine herausgegebenen Handreichung (Ag 117/IV/3/79-067, DIN A5, Glanzpapier mit Fotos) zum Thema „Flottenbesuch Tallinn 27.7. – 31.7.1979“ stattet ein Schiffsverband der Volksmarine der Hauptstadt der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Tallinn, einen offiziellen Flottenbesuch ab. Der Verband, bestehend aus dem Küstenschutzschiff „Berlin“ und dem Schulschiff „Wilhelm Pieck“ steht unter der Leitung von Admiral Wilhelm Ehm“. Von einer Umbenennung des KSS mit der taktischen Nummer 142 auch hier noch keine heiße Spur.

Die Vorbereitungen zur Überfahrt nahmen ihren Lauf. Auf der 142 stiegen (zusätzlich zu den 110 Mann Besatzung) insgesamt 61 „Badegäste“ ein. Dies waren drei Admirale, 19 Stabsoffiziere, 3 Offiziere aus dem Leutnantsbereich, 36 Unteroffiziere und Mannschaften (u.a. Standortmusikkorps der 4. Flottille und 3 Mann vom Armeefilmstudio). Auf dem Schulschiff S-61 schifften sich u.a. auch 6 Journalisten vom Fernsehen der DDR, der Presseagentur ADN, der Zeitungen „Volksarmee“ und „Neues Deutschland“ ein. Es wurde sehr eng auf beiden Schiffen. Auf der „Berlin“ kamen die heutigen Vereinskameraden Prinz, Steike und Wilhelm in Kammern der Bordoffiziere unter. Kamerad Rusch musste mit Deck 5 Vorlieb nehmen. Am 25.07.1979 fand vor dem Auslaufen eine Flottillenmusterung statt. Der Chef der Volksmarine wurde vom Generalkonsul der UdSSR verabschiedet.

Am 27.Juli um 07.30 Uhr stand der Verband auf der Übernahmeposition für den Verbindungsoffizier (Kapitän 2. Ranges Komarow), die Lotsen (für die 142 Kapitänleutnant Atlekow) und den Militärattache der DDR. Eine Stunde später wurde vor Kap Palsaav der Salut der Nationen (21 Schuß – Salventakt 10 Sekunden) ausgetauscht. Da die 76-mm-Geschütze auf der 142 nicht zum Salutschießen geeignet waren, hatte man im Stützpunkt Warnemünde mit beträchtlichem Aufwand (Modellprojekt!) eine kleine alte U-Boot-Kanone als Salutkanone vor dem Deckshaus installiert. Das Salutschießen war unter Leitung von Vereinskamerad Lukoschat mehrmals geübt worden. Das klappte dann auch. Den Antwortsalut schoss übrigens eine Küstenbatterie. Das Einlaufen in den Stadthafen von Tallinn war für 09.00 Uhr angesagt. Das Anlegen mit dem Heck aus der Drehung heraus trieb mir die Haare zu Berge. Zum Glück merkt das bei aufgesetzter Mütze ja keiner. Mit Übergabe der Stelling wurden die die 3 Hymnen gespielt - außer der der UdSSR und der DDR auch die der estnischen Sowjetrepublik. Unser Flottillenorchester hatte so seinen ersten Auftritt.

Die Visiten und Veranstaltungen nahmen ihren Lauf. Die Besatzungsangehörigen bekamen für alle Fälle die Botschaftsvisitenkarte: Botschaft der DDR in der UdSSR, Schiffsverband der Volksmarine zur Zeit Tallinn, Liegeplatz, Telefon. Die estnische Presse berichtete, informiert auch von unserer offiziellen Seite, und überall stand der Name Schiff „Berlin“ aus der Saksa DV (DDR), so in „Rahva HÄÄL“, „Sowjetskaja Estonia“ und „Wetschernui Tallin“ vom 28.07.79. Bei dieser offiziellen Visite wäre kein falscher Schiffsname aufgetaucht. „Berlin“ war also immer noch aktuell.

Es war ein rundum gelungener Besuch Wir hatten u. a. auch Gelegenheit, die bereits errichteten Bauten für die Segelwettbewerbe Olympia 1980 zu besichtigen. Im Rückblick auf Tallin fällt mir noch ein betrübliches und ein nettes Erlebnis ein. Betrüblich war die schwere innere Verletzung, die sich ein Unteroffiziers an Bord zugezogen hatte. Die offizielle Kommandanten- und Flottillenarztversion lautete: Sturz auf einen Relingspfosten. Wahrer Grund : Rangelei unter leicht alkoholisierten Besatzungsangehörigen nach Landgang. Der Chefchirurg der Baltischen Flotte wurde zur Notoperation eingeflogen, kurz darauf die Eltern des Verletzten aus der Heimat. Ein halbes Jahr später besuchte uns der genesene aber nunmehr borduntaugliche Meister. Es war eine sehr herzliche Begegnung. Am Tag nach dem „Unfall“ hatte ich die Nase von den protokollarischen Treffen voll. Die beiden Kommandanten waren ja die letzten Mitglieder der offiziellen Delegation. Ich meldete mich zum persönlichen Stadtrundgang ab. Die Innenstadt von Tallinn war mir gut bekannt. Schließlich war ich während meines Studiums mehrmals übers Wochenende per Liegewagenzug Leningrad – Baltikum in diese schöne alte Stadt gereist. Eigentlich hatten die rigiden Ausländerbestimmungen der sowjetischen Seite solche Ausflüge gar nicht gestattet. Bei meinem Landgang betrat ich Im vollen Ornat, sogar mit Ehrendolch, die Heiliggeistkirche. Die Mütze unter den linken Arm begann ich den Rundgang, ließ den Altar von Notke aus dem 16. Jahrhundert auf mich wirken und vernahm deutsche Stimmen – offensichtlich etwas laute Touristen aus den nunmehr alten Bundesländern. Es war auch nicht alles für fremde Ohren bestimmt, was man da von sich gab. Diese anderen Deutschen hielten mich wohl für einen hiesigen Uniformierten. Der diensthabende Küster ging zu ihnen und legte den Zeigefinger an die Lippen. Ich überlegte mir inzwischen einen guten Abgang. Eintritt durfte in Kirchen damals nicht genommen, gleichfalls nicht um Spenden geworben werden. Diese Sitten kannte ich. Also Ausschau halten nach dem unauffällig platzierten, unbeschrifteten kleinen Holzkasten mit Schlitz und die Touristengruppe im Visier halten. Gut sichtbar zückte ich einen 10-Rubel-Schein (32 Mark Gegenwert) und flugs damit ins Kästchen. Der Kirchenmann ganz laut zu mir auf deutsch: „Vielen Dank, Herr Offizier!“ Hinter mir auffälliges Schweigen. Draußen wurde ich dann angesprochen und ich habe die Gruppe zum Besuch am Liegeplatz eingeladen. Ob sie wohl im Hafen waren? Aber zurück zum Hauptthema: Im Juli 1979 war die „Berlin“ immer noch nur die „Berlin“.

Nachdem wir das Ausbildungshalbjahr und die stehende Parade im Stadthafen Rostock zum 30. Jahrestag der DDR hinter uns hatten, konnte endlich richtig Patenschaftsarbeit in Angriff genommen werden. Materiell hatte die Besatzung davon ja schon profitiert, wie z. B. Farbfernseher für die Mannschaftsmesse und zusätzlicher Waschmaschinen für die ständig an Bord Lebenden. Also eine erste Delegation ab nach Berlin. Selbstverständlich waren alle Dienstgradgruppen vertreten. Quartier bezogen wurde im Gästehaus des Magistrats. Eingestuft war die erste Abordnung als offizielle Delegation mit straffem Programm. Die Begrüßungsgeschenke waren differenziert, unsere beiden Stabsmatrosen staunten noch über die damals seltenen Taschenrechner und das Handgeld. Die Abschiedsgeschenke waren dann für alle gleich, nach meiner Erinnerung kleine Kaffeeservices mit Berlinmotiven, die es im Handel nicht gab. Ich konnte leider die Hälfte des Besuchsprogramms vergessen und musste zu einer Lagebesprechung (Schikane des Abteilungschefs?) zurück nach Warnemünde. Die Berliner schüttelten den Kopf und flugs hatte ich ein großes Auto mit Fahrer. Während ich beim ACH saß, bewirtete meine Frau den Chauffeur auf der Hohen Düne und so war ich recht schnell wieder in Berlin. In der „Berliner Zeitung“ vom 15. Oktober 1979 steht auf Seite 1 zweispaltig die Überschrift: Matrosen weilten in der Hauptstadt – Delegationsbesuch des Küstenschutzschiffes „Berlin“. Trotzdem liefert dieser Besuch eine erste Spur der bevorstehenden Namensänderung. Es war während des Empfanges, den das Mitglied des Politbüros des ZK der SED und 1. Sekretär der Bezirksleitung Berlin, Konrad Naumann, für uns gab. Ich erinnere mich, dass der uns begleitende amtierende Oberbürgermeisters dort deutliche Hinweise zur notwendigen Erweiterung unseres Schiffsnamens um „ – Hauptstadt der DDR“ erhielt. So grenzte sich damals Ost- von Westberlin ab. Ich hätte durchaus auch ohne Namenserweiterung für mein Schiff leben können.

Im Heft „Ausbilder“ vom November 1979 wird mit Bezug auf die Namenstradition – es gab bereits vorher ein Minenleg- und Räumschiff (MLR) „Berlin“ - von der Auszeichnung des KSS „Berlin“ als Bestes Schiff berichtet und Oberbootsmann Kurt Kroh mit Erwähnung und Bild hervorgehoben. Also noch keine Namensänderung. Im Jahr der Indienststellung wurde es wohl nichts mehr mit Max und Moritz.

An Bord arbeitete sehr rührig auch ein Fotozirkel unter Leitung des damaligen Oberleutnant Ing. Teske. Damals war es ja üblich, sich etwas für die Ehefrauen, Mütter usw. zum Internationalen Frauentag einfallen zu lassen. So wurde zum 8. März 1980 eine Postkarte mit Bild der „142“ erstellt. Das Foto stammte von der Parade im Stadthafen Rostock aus Anlass des 7. Oktober 1979. Auf dem Schriftzug der Postkarte heißt es: „Zum Internationalen Frauentag wünschen wir Ihnen im Namen der Besatzung des Schiffes „Berlin“ alles Gute, Gesundheit und Schaffenskraft ..... Hätte es zu diesem Zeitpunkt schon eine offizielle Umbenennung gegeben, dann wäre dort auch ein anderer Schiffsname verzeichnet gewesen. Und hier bricht mein noch von Bord der „Berlin“ stammendes kleines Archiv ab.

Der Schiffsname „Berlin“ ohne Zusatz geisterte noch lange Zeit durch die Volksmarine. So ist im Bildband „Volksmarine auf Wacht“, Militärverlag der DDR, Berlin, 2. Auflage 1983, Redaktionsschluss 14.01.1983 auf Seite 29 ein Foto zu sehen. Bildunterschrift: „Admiral Ehm überreicht dem Kommandanten des Küstenschutzschiffes „Berlin“ bei der Indienststellung die rote Dienstflagge der Volksmarine.“ In meinem Fundus taucht erst in dem Buch „Die Volksmarine der DDR“ von Beyer und Lapp, Bernhard & Graefe Verlag, Koblenz 1985 unter der Rubrik Zahlenkennungen der DDR-Kriegsschiffe erstmalig auf: „142, Berlin Hauptstadt der DDR, FK-Fregatte (KONI-Klasse).“ Den Einband ziert übrigens ein Bild der „142“ mit der „Rostock“ im Kielwasser.

Im KSS-internen Sprachgebrauch war unser Schiff immer nur die „Berlin“. Aber, wer kennt denn nun wirklich ein konkretes Datum der Umbenennung?

— Bernd Kulbe

## … und sein damaliger Stellvertreter für Politische Arbeit ergänzt

*von Klaus Geruschke*

Die offizielle Indienststellung unseres Schiffes am 10.05.79 nahm der Chef der Volksmarine Admiral Ehm vor. Um den 25. April 1978 (an den genauen Tag kann ich mich auch nicht mehr erinnern) hatte bereits eine „Kleine Indienststellung“ durch den Chef der 4. Flottille, Konteradmiral Kahnt, stattgefunden. Diese stand in Zusammenhang mit der Verabschiedung der Besatzung der BRF, die das Schiff „Kretschet“ - unsere „Berlin“ – nach Warnemünde überführt hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren die einzelnen Übergaben und Übernahmen auf dem Schiff abgeschlossen und das Übergabe- / Übernahmeprotokoll unterzeichnet. Nur noch wenige Restpunkte waren offen.

Was die Forderung, den Schiffsnamen „Berlin“ um „Hauptstadt der DDR“ zu ergänzen, betrifft, weichen meine Erinnerungen ein wenig von denen Bernd Kulbes ab. Bernd schreibt, dass er erstmals beim Besuch der Hauptstadt im Oktober 1979 damit konfrontiert wurde. Meines Wissens hatte es aber schon im Vorfeld der offiziellen Indienststellung ein Schreiben der Bezirksleitung der SED von Berlin an das Kommando der Volksmarine bzw. an das Ministerium für Nationale Verteidigung gegeben. Es war ein Antwortschreiben auf die offizielle Information aus dem militärischen Bereich an den Magistrat und an die Bezirksleitung der Hauptstadt, dass geplant sei, ein Küstenschutzschiff unter dem Namen „Berlin“ in Dienst zu stellen. Die Bezirksleitung brachte deutlich zum Ausdruck, dass nur „Berlin“ als Name nicht geht. Es bestünde keinerlei Zweifel, dass nicht das ganze „Berlin“ sondern nur der Teil Berlins, der die Hauptstadt der DDR repräsentiert, mit diesem Schiffsnamen gemeint war. Somit könne der richtige Name des KSS nur „Berlin – Hauptstadt der DDR“ lauten. Wie Bernd in seinen Ausführungen richtig darlegte, waren aber alle offiziellen Formalitäten der Indienststellung unter dem Namen „Berlin“ in Vorbereitung.

Ein Umstand wurde aber trotzdem kurzfristig umorganisiert. Für alle Schiffe der Volksmarine gab es einheitlich gestaltete Namenschilder. Diese befanden sich entweder in der Gangmesse, wie bei MSR oder im Vorraum der Offiziersmesse, wie bei uns auf KSS. Diese Namensschilder waren aus einer Messing-Legierung hergestellt und der eingearbeitete (eingefräste) Name wurde mit schwarzer Farbe belegt. Ein solches Namensschild gab es bei der Indienststellung nicht, denn der Magistrat von Berlin hatte hier schnell gehandelt. In der damaligen Staatlichen Münze der DDR in Berlin wurde ein neues Namensschild hergestellt. Übrigens blieb diese Münze auch nach der Wende noch in Betrieb und hatte so wie früher alle DDR-Münzen auch die BRD-Münzen mit dem Prägezeichen „A“ versehen. Das Namensschild wurde aus der gleichen Legierung hergestellt, die auch für die Fünfmarkstücke der DDR verwendet wurde. Aus dieser Namensplatte hätte man 500 solcher Geldstücke herstellen können. Die Abmessungen des Namensschildes entsprachen den offiziellen Maßen. Die Farbe unseres Namensschildes allerdings war im Metall etwas „rötlich“ - ich denke, ihr erinnert euch noch alle an die Fünfmarkstücke - und nicht „messinggelb“, wie es sich gehört hätte. Der Name „ Berlin – Hauptstadt der DDR“ war in zwei Zeilen eingefräst. Der persönliche Referent des Stellvertreters des Oberbürgermeisters für Inneres, Helmut Atzrodt, hat dieses Namenschild kurz vor der Indienststellung persönlich an Bord gebracht. Dieses Provisorium wurde irgendwann durch das offizielle Messing-Namensschild mit dem Namen „Berlin – Hauptstadt der DDR“ ersetzt. Zu dieser Zeit war ich dann aber schon nicht mehr an Bord – es dürfte also nach dem Sommer 1980 geschehen sein.

Nun musste dieses aus Berlin angelieferte provisorische Namensschild ja auch an seinem Platz im Vorraum der Offiziersmesse an der Wand der I.WO–Kammer befestigt werden. Bernd beauftragte den LI, Joachim Sikorski, und mich – uns für die Anbringung und die feierliche Enthüllung etwas „einfallen zu lassen“. Also bohrten, schraubten und probierten wir aus. Schließlich war das Namenschild fest angebracht und ein Tuch mit Schnüren darüber so befestigt, dass damit eine reibungslose Enthüllung stattfinden konnte. Am Tag der Indienststellung nach dem offiziellen Akt auf der Pier und auf der Schanz wurde dann anschließend durch den Stellvertreter des Oberbürgermeisters für Inneres von Berlin, Günther Hoffmann, diese Namenstafel feierlich enthüllt. Somit stand vom ersten Tag an der Name „Berlin – Hauptstadt der DDR“ im Vorraum der Offiziersmesse geschrieben. Etwas anderes ist mir nicht bekannt.

Ich gebe Bernd Recht, auch ich habe von einer offiziellen Umbenennung nichts mitbekommen. Leider ist der Zeitzeuge, der als Kommandant nach Bernd Kulbe das Ruder übernommen hat, unser Dieter Dziuballe, viel zu früh verstorben.

Die Irrungen und Wirrungen in den Medien um den Schiffsnamen kann ich nur bestätigen. Bernd hat schon den Flottenbesuch in Tallinn geschildert. Hier wurde grundsätzlich nur vom Küstenschutzschiff „Berlin“ in deutschen, russischen und estnischen Medien berichtet. Eine Zusammenfassung zu diesem Flottenbesuch kann man auch im „Marinekalender der DDR 1981“ auf den Seiten 35 bis 43 nachlesen. Fregattenkapitän a. D. Dieter Flohr hat hier unter dem Titel „Ahoi, Tallinn! – Eindrücke von einer Freundschaftsreise“ einen Bericht zu dieser Reise geliefert. Im Mittelpunkt dieses Artikels standen dabei besonders solche Besatzungsmitglieder der „Berlin“, die Geburtsjahrgang 1956 - dem Gründungsjahr der NVA - waren. Im ganzen Artikel ist stets nur die Rede von der „Berlin“.

Aber auch die „Armeerundschau“, das Magazin der NVA, war in Person von Oberstleutnant a.D. Gebauer bei uns an Bord. Bei dieser Seefahrt wurde der berühmte „Feudelhockey“ erdacht, praktiziert und der „Weltöffentlichkeit“ vorgestellt. Darüber konnte man dann tatsächlich in der „Armeerundschau“ in Wort und Bild nachlesen. Ich sehe heute noch das finstere Gesicht vom Bootsmann über das fürchterlich zerkratzte Oberdeck zwischen den vorderen und achteren Aufbauten vor mir.

Im „Marinekalender der DDR 1982“ hat Oberstleutnant Gebauer dann einen sehr umfangreichen Artikel über die „Berlin“ und ihren Turbinentechniker Fähnrich Budde unter dem Titel „Der Mann an der Turbine“ veröffentlicht. Hier geht es richtig zur Sache. Auf der Seite 54 ein ganzseitiges Foto der 142 mit der Bildunterschrift Küstenschutzschiff „Berlin – Hauptstadt der DDR“. Auf der Seite 55 ein Foto der AK 230 beim Schießen mit der Bildunterschrift Seezielschießen auf dem Küstenschutzschiff „Berlin“. Und dann kommt es ganz dicke! Auf der Seite 57 kann man nachfolgenden Text lesen: Am 10. März (!!!) 1979 wurde das Küstenschutzschiff „Berlin – Hauptstadt der DDR“ – so der volle Namen des Schiffes – in Dienst gestellt. Es ging also alles etwas durcheinander.

Am 04. Dezember 1981 feierten die Angehörigen der 4. Flottille den 25. Jahrestag des Verbandes. Im „Material zur Unterstützung der massenpolitischen Arbeit“ lesen wir im Abschnitt „Aus der Chronik unseres Verbandes“ nach:

- Seite 8: 25.07.1978 – Das Küstenschutzschiff „Rostock“ wird durch den Minister für Nationale Verteidigung in Dienst. Ihm folgt das Schiff „Berlin – Hauptstadt der DDR“.
- Seite 9: Sept. 1981 – Das Schiff „Berlin – Hauptstadt der DDR“ führt einen offiziellen Flottenbesuch in Helsinki durch. Die Delegation stand unter der Leitung des Chefs unseres Verbandes, Genossen Kapitän zur See Rödel.
- Im gleichen Material auf Seite 15 in der Rubrik „Ehre unseren Besten!“: Verdienstmedaille der NVA in Gold – Küstenschutzschiff „Berlin – Hauptstadt der DDR“.
- Am Ende dann auf Seite 20: Für hervorragende Verdienste bei der Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft wurden mit Ehrenbannern des ZK der SED bzw. des Zentralrates der FDJ ausgezeichnet: u.a. das Schiff „Berlin – Hauptstadt der DDR“.

Fasse ich zusammen, dann komme ich zu der Überzeugung, dass man ganz „leise“ Stück für Stück den Namen „Berlin – Hauptstadt der DDR“ im Sprachgebrauch genutzt hat und dass es, wie Bernd Kulbe feststellt, eine offizielle Umbenennung niemals gegeben hat.

— Klaus Geruschke
