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title: "Kuba si!"
autoren: ["Dieter Liebenau"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 7"
projekte: ["50"]
schiffe: ["Friedrich Engels", "Karl Liebknecht"]
zeitraum: "1962"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t07-kuba-si"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Kuba si!

> Dieter Liebenau erinnert an die Zeit der Erhöhten Gefechtsbereitschaft während der Kubakrise im Herbst 1962 an Bord der „Friedrich Engels“ in Saßnitz. Als erstes Zeichen der Entspannung wird ein Fußballspiel gegen die „Karl Liebknecht“ genehmigt; die Offiziere und Meister landen danach mit „Kuba si, Yankee no“-Rufen beim Bier im Konsum von Dwasieden, was ein Donnerwetter des Kommandanten und eine Befragung in der Offiziersmesse nach sich zieht.

Nach längerem Seeaufenthalt lag die „ Friedrich Engels“ Mitte November 1962 mit Backbordseite an ihrem angestammten Liegeplatz im Saßnitzer Hafen. Seit Auslösung der Erhöhten Gefechtsbereitschaft im Zusammenhang mit der Kubakrise am 23. Oktober waren mehr als drei Wochen vergangen. Jeder Mann an Bord war sich bewusst, dass die Lage wesentlich ernster war als im August 1961, als die DDR ihre Grenzen zur BRD sicherte. Aufmerksam verfolgte die Besatzung die politische und militärische Entwicklung in und um Kuba. Obwohl die Informationen oftmals mehr als dürftig waren, wussten wir: Dort in der Karibik fiel die Entscheidung über Krieg oder Frieden. Spätestens nach dem Sieg der Kubaner über die vom CIA unterstützten Contras in der Schweinebucht standen wir mit Herz und Verstand auf der Seite der kubanischen Revolution und deren charismatischem Repräsentanten Fidel Castro.

Das Leben an Bord verlief von außen betrachtet weiter in den gewohnten Bahnen. Die Ausbildung wurde verstärkt fortgesetzt, Waffen und Geräte sorgfältig gewartet. An Urlaubs- und Landgangssperre hatten wir uns gewöhnt. Niemand diskutierte über deren Notwendigkeit. Aber die äußere Ruhe täuschte. Alle Beteiligten wissen, wie erheblich die psychischen und physischen Belastungen während dieser Zeit für jeden Einzelnen von uns waren. Heute, mit dem Abstand von 45 Jahren, kann man sich kaum noch vorstellen, dass damals jedes Telefongespräch, jeder Morsespruch, jedes Flaggensignal von der Signalstelle, aber auch jeder Funkspruch die Nachricht vom Beginn der Kampfhandlungen beinhalten konnte. Wir waren verdammt nah an einem Krieg. Trotzdem waren wir ruhig und gefasst. Wir wussten, wir hatten eine gut ausgebildete, hoch motivierte Besatzung und ein zuverlässiges, gefechtsbereites Schiff. Ihr militärisches Können hatte die Crew im Laufe des Ausbildungsjahres mehrfach unter Beweis gestellt.

Als dann so um den 20. November herum die ersten Informationen über eine Lösung des Konfliktes durchsickerten, ging ein allgemeines Aufatmen um die Welt. Unsere Erde war unter großen Mühen haarscharf einer unvorstellbaren Katastrophe entgangen. Auch an Bord der „Friedrich Engels“ wurden diese Informationen mit großer Erleichterung aufgenommen. Erstes spürbares Zeichen der Entspannung war für uns die Genehmigung eines Fußballspieles zwischen den Besatzungen der „Friedrich Engels“ und der „Karl Liebknecht“. Die Teilnahme von Zuschauern wurde gestattet. Das erscheint auf dem ersten Blick belanglos, aber der nächste Sportplatz befand sich weit außerhalb des Hafens in Dwasieden. Also mussten erhebliche Abstriche an der Gefechtsbereitschaft der Schiffe zu gelassen werden. Damit war uns klar, der Höhepunkt der Krise lag hinter uns.

Irgendwann im August oder September 1962 hatte ich von der AWG des Fischkombinates, in der auch viele Marineangehörige Mitglied waren, eine sogenannte Zwischenwohnung in der Sassnitzer Bergstraße zugewiesen bekommen. Am 18. Oktober waren wir dort mit unserem Sohn eingezogen. Trotz aller Krisen interessierte mich brennend, wie meine Familie sich in der für sie fremden Stadt eingelebt und meine Frau die restlichen Umzugsprobleme gelöst hatte. Da mein Interesse am Fußball in etwa so groß war und ist, wie an dem berühmten Sack Reis in China, bat ich unseren Kommandanten Uli K. um Landgang während der Zeit des Fußballspieles. Mit großer Freude nahm ich seine Zustimmung trotz bestehender Landgangssperre zur Kenntnis und machte mich, während die anderen zum Sportplatz gingen, auf den langen Weg, einmal quer durch Saßnitz, zur Bergstraße. Endlich zu Hause! Hier verging die Zeit sehr schnell, und ich musste mich sputen, um wieder pünktlich mit den Spielern und Zuschauern an Bord zu sein.

Als ich mit flotten Schritten von der Stralsunder Straße links in Richtung Hafen abbog, traf ich dort vollkommen unerwartet einen Meister unserer Besatzung, der mir berichtete, dass alle Meister und Offiziere, die zum Spiel waren, sich in den Konsumladen in Dwasieden begeben hatten, um dort ein Bier zu trinken. Theoretisch gehörte ich ja zu den Zuschauern. Was lag also näher, als erneut den Kurs zu ändern und in Richtung Konsum zu gehen? Bereits nach wenigen Schritten hörte ich aus rauen Männerkehlen die zu dieser Zeit recht populäre Losung – „Kuba si, Yankee no“! In dem winzigen Vorraum des Ladens standen dicht gedrängt meine Mitstreiter mit der damals üblichen gedrungenen 0,3 Literflasche Bier in der Hand. Glücklich, dass die härteste Krise ihrer militärischen Laufbahn überstanden war und froh wieder mal ein Bier in der Hand zu haben. Immer wieder ertönte, auch zur Freude der Kunden und Passanten, vielstimmig – „Kuba si, Yankee no“!

Inzwischen war an Bord die Zeit des abendlichen Backen und Bankens herangerückt. Da die lange Back in der Offiziersmesse leer blieb und auch der ausgesandte Backschafter niemanden fand, ahnte man an der kleinen Back, die dem Kommandanten, PV, 1.WO und LI vorbehalten war, dass mit der Truppe irgendetwas nicht stimmte. Da auch der 1.WO (damals hieß es noch Gehilfe des Kommandanten) Kurt U. fehlte, bekam unser PV den Auftrag zur Klärung des Problems.

Noch bevor ich mir in dem Laden ein Bier besorgen konnte, blies Kurt U. zum Aufbruch. Letztmalig erschallte das – „Kuba si, Yankee no“, dann machte sich die Truppe auf den Weg zum Hafen. Wenige Schritte waren wir gegangen, als plötzlich und unerwartet unser PV mit zornrotem Kopf vor uns stand. Wie ein Gewitterregen prasselten seine, nicht besonders wohlwollenden Worte auf uns herab. Die gerade noch optimistische Stimmung kippte und so zogen wir wortlos in Richtung Schiff. W. umkreiste den kleinen Trupp wie ein Schäferhund die Herde und brachte immer wieder sein absolutes Unverständnis für unsere Eskapaden lautstark zum Ausdruck. Dieser Monolog endete abrupt, als unserem Obersteuermann plötzlich einfiel, dass er auch seinen Teil zur Unterhaltung beitragen könnte. Der dann folgende Dialog war nicht das, was man allgemein als klassische Konversation bezeichnet. An Bord angekommen, genügte ein Blick in das Gesicht unseres Kommandanten, um die Gewissheit zu erhalten, dass er stinksauer war. Der Traum von einen brauchbaren Abend in der Messe war offensichtlich ausgeträumt und auch der ansonsten so wortgewaltige 1.WO, mit seinem unverwechselbaren ostpreußischen Dialekt, war nicht mehr zu hören. Unsere Hoffnung, dass sich die Gewitterwolken über Nacht auflösen würden, zerplatzte wie die oft zitierte Seifenblase.

Ich glaube, es war noch vor dem Frühstück, als sich mehrere Stabsoffiziere, Kommandant, PV und der verantwortliche Offizier des MfS in der Offiziersmesse trafen, um unseren „Ausflug“ zu bewerten. Es ist mir bis heute rätselhaft, warum ausgerechnet ich als Erster zur Befragung in die Messe befohlen wurde. Im Prinzip hatte ich ja nur Bruchstücke dieses Trauerspieles miterlebt und ehrlich gesagt, wusste ich nicht einmal, wie das Fußballspiel ausgegangen war. Aber das wollte mit Sicherheit auch niemand von mir wissen! Sei es, wie es sei, auf keinen Fall durfte ich erwähnen, dass ich trotz strenger Landgangssperre mit Genehmigung des Kommandanten zu Hause war. Das hätte ihm mit großer Sicherheit zusätzlichen Ärger eingebracht und so hieß es für mich diese Klippe geschickt zu umschiffen und es galt – Augen zu und durch. Die Frage nach dem Ideengeber für diesen kleinen Schwenk in Richtung Konsum konnte ich, auch wenn ich es gewollt hätte, nicht beantworten. Und so beschrieb ich dann das allgemeine Durstgefühl nach diesem spannenden, von uns lautstark unterstützten Spiel und den Wunsch aller Beteiligten, dieses Gefühl zu bekämpfen. Selbstverständlich erwähnte ich auch unsere Verbundenheit mit dem kubanischen Volk, die durch lautstarkes Skandieren von „Kuba si, Yankee no“ zum Ausdruck gebracht und mit freundlichem und anerkennendem Schulterklopfen durch die Saßnitzer Einwohner belohnt wurde. Wie lange ich in der Messe Rede und Antwort stehen musste, habe ich vergessen, aber es waren mit Sicherheit die unangenehmsten Minuten, die ich dort in den fünf Jahren meines Dienstes auf KSS verbrachte. Aber ich bilde mir heute noch ein, dass meine Aussage mir ein winziges, nicht unfreundliches Lächeln meines Kommandanten einbrachte.

Während ich, am Niedergang vor Kammer 2 stehend, meine Erkenntnisse aus der Befragung interessierten Zuhörern erläuterte, öffnete sich die Tür zur Messe. Heraus kamen die Stabsoffiziere und der Genosse vom MfS. Sie gingen zur Stelling und verließen das Schiff. Wir hatten mit einer Fortsetzung der Befragung gerechnet, nicht mit diesem abrupten Abbruch und waren nun etwas ratlos. Augenblicklich keimte die Hoffnung auf, dass sich die bereits zitierten Gewitterwolken doch noch verziehen würden. Mit dieser Annahme kamen wir der Wahrheit sehr nahe. Wir mussten zwar noch ein fürchterliches Donnerwetter unseres Kommandanten über uns ergehen lassen, aber dann schien die Herbstsonne über dem Saßnitzer Hafen auch wieder für uns. Wenige Stunden später wurde die Erhöhte Gefechtsbereitschaft aufgehoben. Beide Ereignisse, die Krise um Kuba und unser Ausflug in den Konsum, waren uns eine Lehre fürs Leben. Zeigten sie doch, dass mit Verstand und Verständnis nicht nur die ganz großen, sondern auch die kleinen Krisen lösbar sind.

Jahre später, als ich mit Kurtchen U., unserem damaligen 1.WO und späterem Kommandanten der „Friedrich Engels“, in Leningrad an der Akademie wieder zusammentraf, haben wir so manches Mal - nun aber mit der „Weisheit des Alters“ - beim Wodka dieser und auch anderer Dummheiten mit kritischem Blick aber nicht ohne Vergnügen gedacht.

— Dieter Liebenau
