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title: "Das große Abenteuer „Ernte 1977“"
autoren: ["Klaus Martin"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 8"
projekte: ["1159"]
schiffe: ["Rostock", "Karl Marx"]
zeitraum: "1977"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t08-das-grosse-abenteuer-ernte-1977"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Das große Abenteuer „Ernte 1977“

> Klaus Martin, damals Oberleutnant der künftigen Besatzung des KSS „Rostock“, berichtet ausführlich vom Ernteeinsatz im Herbst 1977 bei der LPG Pflanzenproduktion Broderstorf. Etwa 20 Matrosen waren im ehemaligen Gasthaus von Fienstorf untergebracht, halfen bei Stroh-, Mais- und Kartoffelernte, transportierten Einkellerungskartoffeln nach Rostock und erlebten Discoabende, eine selbst organisierte Feier zum 7. Oktober und allerlei Disziplinprobleme, bis der Einsatz Mitte Oktober endete.

> Anmerkung der Redaktion: Als dieser Beitrag eintraf, war guter Rat teuer. Wo ist er richtig eingeordnet? Einen so ausführlichen Bericht über einen Ernteeinsatz hatten wir bisher noch nicht veröffentlicht. Gehört er also zu „Episoden und Gedanken“? Aber wenn man den Stil der Berichterstattung, den Klaus gewählt hat, berücksichtigt und all die lustigen Begebenheiten am Rande, dann ist er wohl doch unter „Amüsantes“ besser aufgehoben. Trotzdem, bei allem Schmunzeln sollte man nicht vergessen, dass hier tatsächlich Großartiges geleistet wurde und dass die nach der Wende oft als Propaganda heruntergespielte „Einheit von Volk und Armee“ in vielen kleinen Begebenheiten tatsächlich lebte.

Als Vorwort: Während meiner Zeit auf KSS habe ich einiges erleben können – als Offiziersschüler das letzte 100-mm-Seezielschießen von zwei KSS-Schiffen Projekt 50, 1976 als junger Offizier mit Säbel im Fahnenkommando die Außerdienststellung der „Karl Marx“, die Formierung der ersten Besatzungen für 1159 in Baku und Poti, die Überführung der künftigen „Rostock“ von Sewastopol nach Warnemünde und deren Indienststellung am 25.07.1978. Danach erfüllte ich als GA-IV-Kommandeur und dann als 1.Offizier auf der „Rostock“ bis 1982 viele Aufgaben – sei es während der normalen Ausbildung, bei den Geschwaderfahrten, der Flottenparade 1979, einigen Flottenbesuchen, den Raketenschießabschnitten in Baltijsk oder den Werftliegezeiten. Auch bei anderen Ereignissen war ich dabei – z.B. beim Einsatz unserer Besatzung im Schneechaos 1978/79. All das ist ja schon in unserer KSS-Ereignistafel erwähnt. Ich erinnere mich aber an zwei Episoden, die darin noch nicht erwähnt wurden, an denen ein Teil der Besatzung der „Rostock“ teilgenommen hat – dem Ernteeinsatz 1977 und dem Arbeitseinsatz im Überseehafen 1980. Ich will mal chronologisch vorgehen und für diese Broschüre zuerst meine Erinnerungen an den Ernteeinsatz 1977 hervorkramen. Vielleicht ist das auch Ansporn für andere, die grauen Zellen ein bisschen zu aktivieren und uns an ihren eigenen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

Hier nun mein Beitrag zur Aufarbeitung der Ereignisse von 1977: Rückblickend muss ich einschätzen, dass beim Bekanntwerden einiger Episoden der „Aktion Ernte 77“ meine BB-Kartei eigentlich einige Schwärzungen mehr aufweisen müsste! Zum Glück ist damals nie etwas Ernsthaftes passiert und alles andere meinen Vorgesetzten nicht zu Ohren gekommen. Es gibt vielleicht auch ein paar Vermerke in anderen „geheimen“ Akten, aber von den dafür zuständigen Stellen wurde ich nicht damit konfrontiert.

Nach der Rückkehr des Offiziers- und Technikerbestandes der „Rostock“ im Frühjahr 1977 aus Baku und Leningrad formierte sich langsam auf der inzwischen zum Wohnschiff umfunktionierten ehemaligen „Karl Marx“ die komplette Besatzung. Die Zeit bis zur geplanten, aber noch nicht terminlich bestimmten Bordausbildung in Poti wurde intensiv zu deren Vorbereitung genutzt, teils an der bereits in der Lehrbasis vorhandenen Technik, teils mit Hilfe der Aufzeichnungen der „Bakuaner und Leningrader“, aber auch zur künftigen Organisation der Gefechtsabschnitte und – stationen. Und alle warteten ungeduldig auf ihren „scharfen“ Einsatz. Es gab leider auch Maate und Matrosen, die durch den mehrmals verschobenen Termin nicht mehr zu ihrem Bordeinsatz kamen und bereits vorher in die Reserve gingen.

Ende August wurde es plötzlich für alle spannend, als unvermittelt alle Offiziere in die Offiziersmesse gerufen wurden. „Jetzt geht es los!!!“ Aber wieder wurde nichts mit der erhofften Abreise an das Schwarze Meer, sondern für uns gab es eine Spezialaufgabe – der Einsatz an der Erntefront! Fast die gesamte Besatzung wurde dafür eingeteilt, nur eine kleine Mannschaft blieb auf dem Wohnschiff zur Aufrechterhaltung des technischen Betriebes zurück. Alles ging dann sehr schnell: Formierung der einzelnen „Erntebrigaden“, Einweisung, Belehrung und all das andere, was wichtig erschien. Am nächsten Morgen rauf auf die Lkws und einige Zeit später stand ich schon mit ca. 20 Mann in Fienstorf (mein Gott, wo war das denn?) und schaute der davonfahrenden Fahrzeugkolonne nach. Zu meiner „Truppe“ gehörte der künftige Funk- und Funkmessabschnitt ( u.a. die Obermaate Körber und Hinz, die Maate Korkow und Nohr, mit verschiedenen Matrosendienstgraden die Genossen Schneider, Klämt, Schröder, Berthold und Opitz. Alles unter Führung des Funktechnikers „Benno“ Bensch. Dazu kamen noch Jungs aus dem GA-V (z.B. Stabsmatrose Grützmacher oder Matrose Henke) mit dem BMSR-Techniker „Luczi“ Luczak. Leider fehlen in der Aufzeichnung einige Namen, aber 31 Jahre sind eben doch schon eine ganz schön lange Zeit.

*Abbildung (Teil 8, S. 40): Anreisetag – Vor dem Dorfkonsum*

Die LPG-Pflanzenproduktion Broderstorf, die nun in den nächsten Wochen für unseren Trupp verantwortlich war, hatte das ehemalige Gasthaus von Fienstorf als unsere Unterkunft auserkoren. Von außen sah es ganz gemütlich aus, doch noch war die Tür verschlossen. Die Verkäuferin des kleinen Konsumladens, der an das Gasthaus grenzte, informierte mich, dass unser LPG-Verbindungsmann sich ein bisschen verspäten würde. Für die Überbrückung der Wartezeit hätte er uns aber erst mal einen Kasten Bier spendiert. Damit ausgerüstet, machten wir es uns auf der Wiese vor dem Haus bequem, blinzelten in die Sonne und waren alle gespannt auf das kommende. Etwas später tauchte dann auch unser Betreuer auf, der uns erst einmal mit unserem Zuhause bekannt machte. Die LPG hatte sich Mühe gegeben, um unseren „Stützpunkt“ so gut wie möglich auszustatten. Der große Gastraum war mit Luftmatratzen, Decken sowie Stühlen für die Sachen ausgestattet, die ehemalige Küche mit Tresen, Durchreiche, Kochherd und Kühlschrank wurde von mir zum „HBS“ erkoren, dazu gab es noch einen kleinen Aufenthaltsraum mit einem Fernseher sowie zwei sanitäre Räume. Einen Tag später wurde die doch sehr spartanische Einrichtung durch die Flottille noch mit Feldbetten und Spinden aufgewertet. In je einem Spind konnten jetzt zwei Mann ihre persönlichen Sachen unterbringen (und es blieb sogar ein Spind zur besonderen Verwendung übrig – aber davon später) und die nun auf den Feldbetten liegenden Matratzen luden schon eher zum erholsamen Schlafen ein. Beim folgenden Antrittsbesuch beim LPG-Vorsitzenden erfuhr ich dann, dass bereits seit Wochen acht Kraftfahrer mit vier Lkws aus dem Kommando Volksmarine in Ikendorf bei Broderstorf kampierten, die mit ihrer Technik schon bei der Getreideernte halfen. Diese wurden der Einfachheit halber auch gleich mir unterstellt – der Transport der Truppen von Fienstorf zur Kartoffelhalle Broderstorf und zurück war damit gesichert. Bei einem Begrüßungsschnäpschen sprachen wir auch gleich noch die Pläne für die nächsten Tage durch. So viel „Männerstärken“ waren natürlich herzlich willkommen.

Das muss sich aber auch noch woanders herumgesprochen haben, denn bei meiner Rückkehr in die Unterkunft wartete dort die Bürgermeisterin aus dem Nachbarort Steinfeld auf mich. Die neue Wasserleitung für ihren Ort müsste ein Bächlein und eine sumpfige Wiese durchqueren und da käme keine schwere Technik mehr ran. Wie wäre es denn mit den Matrosen, die doch so kräftig aussehen. Angespornt durch eine in Aussicht gestellte Prämie fanden sich auch gleich ein paar Freiwillige, die diese Aufgabe in ihrer Freizeit in Angriff nahmen und obwohl es mit der Zeit immer weniger wurden (der Marsch nach Neu-Steinfeld war nach der Arbeit doch ein bisschen lang und beschwerlich), konnte nach einiger Zeit ein Umschlag in Empfang genommen werden, dessen Inhalt gerecht unter den Beteiligten aufgeteilt wurde.

Den ersten Tag stand auch ich noch mit auf einem LKW, um auf den abgeernteten Getreidefeldern die Strohballen einzusammeln. Für den LPG-Vorsitzenden war es da aber sehr beschwerlich, mich bei Fragen zum Einsatz meiner Männer gleich zu finden. Außerdem klingelte bei ihm schon mehrmals das Telefon, mein Kommandant wollte die ersten Ergebnisse für die Tagesmeldung erfahren. Günter Senf war mit einem Großteil der Besatzung in Zarnewanz stationiert und gründete dort den „Erntestab der Volksmarine“ (große Tafel an der Baracke). Da ihm ebenfalls Kraftfahrer des Kommandos unterstanden, organisierte er einen ordentlichen Dienstbetrieb, fungierte die Unterkunft zum Hauptgefechtsstand „Ernte“ um und soll sich (wie hinter vorgehaltener Hand berichtet wurde) sogar sehr aktiv in den alten, eingefahrenen Trott der LPG eingemischt haben. Wie wir unseren Günter Senf kannten, wird an diesen Gerüchten schon was dran gewesen sein. Jedenfalls durfte ich dann täglich 10.00 Uhr den Einsatz meiner Männer sowie die Ergebnisse des Vortages übermitteln. Zu diesem Zweck und zur besseren Organisation machte mir der LPG-Vorsitzende den Vorschlag, in seinem Vorzimmer auch so eine Art Führungspunkt einzurichten. Die dort sitzenden drei jungen Frauen (leider erinnere ich mich nicht mehr an die Vornamen, aber an deren Alter von 20, 22 und 24 Jahren!) räumten auch gleich einen Schreibtisch für mich leer und so musste ich mich von der Arbeit draußen auf dem Feld verabschieden. Wer mich von damals kannte, kann sich vorstellen, wie schwer es mir als 25-jährigem Junggesellen fiel, plötzlich „Hahn im Korb“ zu sein!!! Noch schwerer fiel es mir dann nur noch zum Erntefest Ende Oktober, die dazugehörigen Männer mit ein paar Schnäpschen zu beruhigen, dass wirklich nichts Beunruhigendes im Büro zwischen deren Frauen und „ihrem“ Oberleutnant passiert wäre!

*Abbildung (Teil 8, S. 41): Klaus Martin zwischen „seinen“ LKW’s*

Um mobiler zu sein, ließ ich mir von einem der unzähligen Transportfahrten aus der Flottille mein Fahrrad mitbringen und konnte so alle Stationen in Broderstorf und Umgebung aufsuchen, an denen meine Jungs ihre Aufgaben erfüllten. Und das war nicht wenig – ob es nun direkt in der großen Kartoffelhalle war oder bei den Kartoffelmieten oder in der Kartoffeldämpferei oder in der LPG-Schmiede, wo einige des GA-V-Personals bei der Reparatur der Erntetechnik ihr Können beweisen konnten. Obermaat Hinz bewährte sich ebenfalls bei einer speziellen Aufgabe, die fast so gefechtsnah war wie später seine Arbeit am Gefechtsinformationsstand – er wurde als Einweiser für einen „Mistbomber“ eingesetzt. Mit entsprechenden Markierungen wies er dem Piloten des anfliegenden Flugzeuges die Position zu, an dem dieser dann das entsprechende Feld aus der Luft düngen konnte. Stolz und braun gebrannt berichtete er abends von dem immer wieder direkt auf ihn anfliegendem Luftziel und der Kunst, nicht auch noch von dem versprühten weißen Zeug aus dem Flugzeug getroffen zu werden. Die vorhandenen Lkws wurden, wie schon erwähnt, erst zum Abtransport der Strohballen von den Feldern eingesetzt, dann zum Verteilen von Deputatmais an die LPG-Mitglieder, die fast alle zu Hause noch ein paar Tiere hielten (deswegen auch die Bezeichnung „Schweinemais“, was sich anfangs für uns sehr komisch anhörte). Als dann die Kartoffelernte ihren Höhepunkt erreicht hatte, kamen die Fahrzeuge auch zur Versorgung der Rostocker Bevölkerung mit Einkellerungskartoffeln zum Einsatz. Die beiden letztgenannten Aufgaben waren bei den Jungs sehr beliebt, gab es doch fast immer was zu essen, zu trinken oder etwas in die Hand, wenn sie die vollen Säcke bis zum gewünschten Platz trugen und dort sogar noch ausleerten. Und so manche Story wurde dann abends noch zum besten gegeben.

Sogar auf den Kartoffelfeldern war die Marine zu Hause – „Benno“ Bensch fühlte sich auf einem Trecker pudelwohl und Stabsmatrose Grützmacher als sein Beifahrer hatte die wichtige Aufgabe, einen Schaden an der gezogenen Kartoffelkombine durch zu große Steine zu vermeiden. Und obwohl ich die ganze Zeit den Verdacht nicht los wurde, dass Benno gar keine Fahrerlaubnis hatte ( jedenfalls hat er sich bei entsprechenden Nachfragen von der LPG immer erfolgreich herausgeredet, die Papiere lägen bei ihm zu Hause und sie würden bald nachgeschickt … ) müssen die beiden ihre Sache gut gemacht haben, denn in der „Ostseezeitung“ wurden sie in einem Artikel lobend erwähnt. Da war sogar ein Foto ihres Gespanns mit der roten Fahne des Besten abgebildet. Natürlich kam das auch an die Wandzeitung in der Kartoffelhalle. Und auch an Bord des Wohnschiffes durfte sich jetzt jeder überzeugen, das wir nicht nur Urlaub auf dem Lande verbrachten und feierten.

Das haben wir natürlich auch gemacht, denn trotz der Erntezeit gab es für fast alle von uns das freie Wochenende. Doch was tun, schließlich hatten alle nur den Felddienstanzug „Ein-Strich-Kein-Strich“ für die tägliche Arbeit und den Trainingsanzug für den Feierabend mit. Wir sollten uns nicht so haben, meinten unsere Bauern, wer so arbeitet, kann auch so in die Gaststätte! Als Tipp gab es dazu noch den Hinweis, dass es in der näheren Umgebung zwei Gaststätten gäbe, an denen sonnabends sogar Disco wäre. Um die Beine für den Tanz zu schonen, verpflichtete ich einen Lkw-Fahrer für jeweils einen Abend zu alkoholfreien Getränken und schon konnte es per Lkw losgehen. Einmal in die Gaststätte nach Pastow, die nächste Woche in die andere Gaststätte nach Kösterbeck, danach wieder nach Pastow usw. Diese salomonische Aufteilung hatte etwas mit den Wirtinnen zu tun, denn ab Mittwoch klingelte bei mir im Büro schon das Telefon, ob denn für mich und meine Jungs ein großer Tisch reserviert werden sollte. Das hing damit zusammen, dass es bei unserem Aufenthalt in der jeweiligen Gaststätte dort nie zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen der männlichen Dorfjugend kam, wie es sonst immer üblich war. Es hatte sich nämlich herumgesprochen, das wir eine „Spezialtruppe der Volksmarine“ wären, die auf ihren nächsten Auslandseinsatz wartet. Und das wiederum war der Einweisung zu Beginn des Ernteeinsatzes geschuldet, wo alle nochmals belehrt wurden, in der Öffentlichkeit nichts von unserer künftigen Aufgabe zu erzählen. Also wurde dann auf Fragen nach unserer Herkunft rumgedruckst und dann auf die militärische Geheimhaltung verwiesen. Und irgendwann muss einer seiner Angebeteten doch etwas von einer längeren Abwesenheit erzählt haben, wo er dann sehr schlecht erreichbar wäre. Vielleicht wollte er so schneller erhört werden. Damit sind wir aber noch geheimnisvoller geworden. Jedenfalls hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass mit uns nicht zu spaßen wäre. Es sah ja auch beeindruckend aus, wenn wir mit dem einen LKW vorfuhren, der von der Sorte war, die mal in der irakischen Wüste fahren sollten (von gelb wieder in grün umgespritzt, sogenannte breitere „Pittiplatsch“-Reifen für bessere Geländegängigkeit, Luftfilter hinter dem Fahrerhaus usw.). Nach dem Absitzen rückten alle in Felddienst in die Gaststätte ein, wo schon ein Tisch mit dem Schild „Reserviert für die Marine“ auf uns wartete. Mich wundert bloß, dass nach der Wende kein wissensdurstiger Journalist etwas von dieser „Spezialtruppe“ erfuhr - konnten wir doch bei einigen Konfliktherden erfolgreich eingreifen und für Ruhe sorgen … Die jeweilige Wirtin bedankte sich für unseren „Einsatz“ immerhin mit einer Flasche Sekt. Es hatte sich nämlich auch herumgesprochen, dass Sekt das Lieblingsgetränk dieser Truppe wäre. Das stimmte auch und das kam so: Nach ein paar Tagen kam der LPG-Vorsitzende zu mir und machte mir einen Vorschlag: Da der Einsatz irgendwie zentral mit dem Kommando Volksmarine abgerechnet wurde, hätten ja meine Jungs gar nichts davon, dass sie so fleißig und tatkräftig ranklotzten. Wie wäre es, wenn er auch deren Namen auf die Liste der LPG-Erntehelfer setzen würde. Sie würden damit zu den Pauschalkräften zählen und dadurch auch die zustehenden Prämien bekommen. Ich weiß nicht, welche Bauernschläue hinter diesem Vorschlag von damals steckte, aber da er mir versicherte, dass es keine Probleme geben würde, stimmte ich der Sache zu und so konnte ich vor den Wochenenden immer ein „bisschen“ Geld unter meine Leute bringen. Und die LPG war nicht knausrig, die Jungs in der Gaststätte dann auch nicht und so kam es zu dem Spleen „Sekt statt Bier“.

Das mit dem Alkohol war ja auch so eine Problematik, mit der ich mich gleich am Anfang beschäftigen musste. Vermeiden ließ sich die Versuchung danach sowieso nicht, aber vielleicht in „geordnete“ Bahnen lenken. Nach Rücksprache mit meinen beiden Meistern wurde folgende Weisung erteilt: Der Genuss von Bier und auch einigen härteren Sachen nach Feierabend ist gestattet, aaaber am nächsten Morgen - und das konnte manchmal sehr früh sein - müssen Kopf und Kerl wieder klar sein. Weiterhin dürfen keine vollen und natürlich auch leere Flaschen während des Tages in der Unterkunft rumstehen. Die vollen mussten in den Spinden verschlossen sein und die nette „Verkäuferin von nebenan“ war sofort bereit, die leeren Bierflaschen zu jeder Tages- und manchmal auch Nachtzeit wieder in volle umzuwandeln. Der Jahresumsatzplan 1977 des Konsumlädchens Fienstorf soll damals in 2 Monaten erfüllt worden sein, aber das war wirklich nur ein Gerücht! In Ermangelung eines nahen SERO-Stützpunkts sowie der erst später in Mode kommenden Glascontainer wurde der schon erwähnte „ZbV-Spind“ zur Leergutannahmestelle ernannt, hatte auch ein Schloss davor und wurde mit der Zeit immer voller. Das „Glas“-Problem war damit gelöst. Und ich kann mich auch nicht an Fälle übermäßigen Alkoholgenusses erinnern, auch wenn abends der Fernsehraum mit den Flaschen auf den Tischen manchmal doch mehr an die alte Dorfkneipe erinnerte als an eine Unterkunft mit braven Marinesoldaten! Auf jeden Fall konnte sich unsere Unterkunft während unserer Abwesenheit jederzeit sehen lassen – die Kojen waren ordentlich gebaut, die Spinde dienten gleich noch als Raumteiler, alle Räume wurden nach einem festgelegten Reinschiffplan auf Vordermann gebracht, der am Abend verqualmte Fernsehraum sah am Morgen wieder wie neu aus und die Verpflegung war in der Küche ordentlich verstaut. Apropos Verpflegung, auch da wurden wir richtig verwöhnt. Die ersten Tage bekamen wir zum Frühstück und Abendbrot wie bei Muttern schon fertig belegte Brote und Brötchen, die in der LPG-Küche vorbereitet wurden. Nach ein paar Tagen machten wir den fleißigen Küchenfrauen den Vorschlag, uns nur die Rationen als Ganzes zu liefern, alles weitere kann dann nach Geschmack und Hunger von jedem selbst zusammengestellt werden. Ab diesem Zeitpunkt kamen täglich zwei Wäschekörbe voller Nahrungsgüter zu uns. Zeitweilig mussten wir die Lieferung drosseln, weil wir z.B. von Butter, Milch, Käse und Wurst schon zu viel besaßen und der Kühlschrank aus den Nähten platzte. All das konnte operativ schnell und unkompliziert gelöst werden. Verhungert ist jedenfalls keiner, denn es gab ja schließlich auch noch das Mittagessen, welches in den Kantinen an den jeweiligen Arbeitsorten ausgeteilt wurde. Die Küchenfrauen waren auch über einen zweiten und dritten Nachschlag nicht böse und gaben reichlich was auf den Teller. Unser Verpflegungsmeister hätte jedenfalls graue Haare bei der Kalkulation dieser Menge bekommen, aber wir waren ja schließlich auf dem Dorf und an der frischen Luft und man meinte es gut mit „unseren Matrosen“. Dafür revanchierten wir uns dann aber auch mit guter Leistung. Wenn Not am Mann war, wurde eben auch eine zweite Schicht rangehängt oder sich mit der Nachtschicht an die Kartoffelsortieranlage gesetzt. Zum Glück gab es früh gegen 4 Uhr noch versierte und vor allen Dingen wache Bäuerinnen, die die von uns durchgelassenen Steine und zerhackten Kartoffeln noch rechtzeitig vom Band holten, bevor alles eingesackt wurde. Natürlich fielen dann auch einige anzügliche Bemerkungen über die nächtliche Standfestigkeit der Matrosen. Es war eben alles nicht so einfach, wie es anfangs aussah.

Lustig war auch folgende Gegebenheit: Eines Nachmittags stürzte ganz aufgeregt eine Frau in das Büro und suchte den Verantwortlichen von der Marine. Sie wäre die Lehrerin von den Erntehelferinnen und die wären jetzt eigentlich dran mit duschen, aber der Duschraum in der Kartoffelhalle wäre noch mit meinen Männern besetzt. Ich sah darin kein großes Problem, denn bald sollte der Lkw vorfahren und dann wären meine Leute ja auch schon weg. Ihr Problem war aber, dass sich einige Mädchen nicht von der Anwesenheit der Jungs stören lassen, auch nicht warten und gleich mit unter die Dusche wollten. Dieses Schauspiel hätte ich auch gern gesehen, aber zur Beruhigung der Lehrerin erklärte ich mich dann doch bereit, den pädagogisch nicht erwünschten Teil aus dem Dusch- und Umkleideraum zu holen. Der sich dort schon bietende Anblick der wartenden Mädchen überzeugte auch mich, dass an diesem Tag die Einhaltung der pünktlichen Rückfahrt ganz schön gefährdet gewesen wäre.

Durch meinen Arbeitsplatz beim LPG-Vorsitzenden bekam ich täglich mit, welche Probleme so auf ihn einstürzten. Nicht nur die Einsatzbereitschaft der Erntetechnik machte ihm zu schaffen, auch die seiner Leute. So kam es zum Beispiel einmal zu einem heftigen Disput mit dem ABV, der gleich mehreren Traktoristen die Papiere abnehmen wollte, weil diese doch nicht mehr so nüchtern die Technik von einem Feld auf das andere umgesetzt hätten. Es war erst sehr laut zwischen den beiden (ABV: Was auf dem Feld passiere, wäre ihm als Polizisten egal, aber wenn sie eine Straße queren, möchte er doch dabei sein, um das Schlimmste zu verhindern!!! Vorsitzender: Er solle das nicht so eng sehen, schließlich wäre es nur eine kleine Dorfstraße gewesen, die Fahrer nach seinen Erkenntnissen auch noch fahrtüchtig und wie er sich das vorstelle, mitten in der Ernte Traktoren ohne Fahrer so rumstehen zu lassen), dann wurde es leiser und nach einer Weile kamen die zwei doch überein, die fälligen Strafmaßnahmen (wenn überhaupt) auf die Zeit nach der Ernte zu verschieben. Mit einer kleinen Fahne verließ der ABV das Büro des LPG-Vorsitzenden und dessen Einsatzplan für die nächsten Tage war wieder mal gerettet. Und zu den Problemen mit der Ernte kamen beim „Chef“ auch noch weitere dazu. In der Nähe der Kartoffelhalle entstanden nämlich gerade fünf kleine Einfamilienhäuschen, in die auch ein paar von den LPG-Leuten einziehen sollten. Vor allen Dingen solche, die man gern in Broderstorf halten wollte. Natürlich wurde da beim Einsatz der schweren Technik von der LPG nicht geknausert. Das sah man dann auch beim Baufortschritt, denn während der Rohbau für die vier Häuschen der LPG-Mitglieder bereits die erste Etage erreicht hatte, wurschtelte der Lehrer mit ein paar Helfern noch immer in seiner fast fertigen Baugrube rum. Er hatte die Hilfe der LPG aus irgendwelchen Gründen abgelehnt und konnte nun zusehen, wie schnell es bei den anderen ging. Doch dort gab es plötzlich auch ein Problem – die Anzahl der Hohlblocksteine ging schneller dem Ende entgegen als anfangs geplant. Neue Steine wären zwar da, aber irgendwo noch in einem Betonwerk bei Sanitz. Und die erforderlichen Transportkapazitäten wären nun ständig auf den Feldern eingesetzt, aber vielleicht könnte die Marine …? Der Deal war dann folgender: Am Freitag abends nach Feierabend fährt eines meiner Fahrzeuge mit Anhänger Richtung Sanitz, mit ordnungsgemäßen Auftragspapieren der LPG, betankt mit LPG-Diesel, für meine zwei Männer würde dort eine Unterkunft besorgt, am Sonnabend morgen würde die Beladung mit den Steinen erfolgen (bestimmt gab es da auch einen Deal) und schon vor Mittag wären sie wieder zurück. Und da der Sonnabend größtenteils frei war, stand dann an der Baustelle auch noch ein Hilfstrupp von uns, der gleich noch beim Abladen und Stapeln half. Dafür revanchierten sich die Häuslebauer mit Speis und Trank. Auch zum abendlichen Lagerfeuer wurden alle Bauhelfer noch eingeladen, schließlich gehörten wir durch solche Aktionen schon zur Bevölkerung von Broderstorf. Bei der Rückfahrt nach Fienstorf auf der einsamen dunklen Dorfstraße sah dann unser Lkw sehr abenteuerlich aus, denn über dem Fahrerhaus leuchtete hell ein großer lachender Papiermond, den einer von uns nach dem Lampionumzug organisiert hatte und der nun aus der Reguliererluke herausstrahlte.

*Abbildung (Teil 8, S. 44): „Luczi“ Luczak mit Kartoffel-LKW in Rostock*

Bald näherte sich der 7.Oktober. Nun fiel 1977 der Tag der Republik auf einen Freitag und so war ein langes Wochenende angesagt. Schon ab Mittag des 6.Oktober bekamen wir frei, denn da ging es nach Zarnewanz. Dort fand die Festveranstaltung für alle „maritimen“ Ernteteilnehmer statt. Natürlich gab es beim Wiedersehen ein großes Hallo. Außer der großen Truppe in Zarnewanz waren ja auch noch einzelne, kleinere, wie die unsere, in anderen Orten untergebracht. Nach dem offiziellen Teil, wo es die obligatorischen Auszeichnungen und auch Beförderungen gab, saßen dann alle gemütlich bei einem guten Essen und ein paar Bierchen zusammen und es wurden die ersten Ernteerinnerungen ausgetauscht. Da kam schon einiges zusammen. Jedenfalls erzählten sich einige von meinen Jungs auf der Rückfahrt haarsträubende Stories über den harten Kompaniebetrieb in Zarnewanz. Und da hatte ich eine Idee, die ich dann auch mit Hilfe meiner „Meisterei“ in die Tat umsetzte. In der letzten Zeit kam es nämlich bei uns doch zu einigen Vorfällen, auf die wir unbedingt reagieren mussten. Das hatte viel mit den unterschiedlichen Arbeitsplätzen zu tun. An einem wurde dann zum Beispiel durch die durstigen Bauern der Feierabend schon ein bisschen vorgezogen und die zugeteilten Matrosen konnten dann auch nicht nein sagen. Dementsprechend lustig waren sie anschließend bei der Rückfahrt. Einmal wurde durch zwei Matrosen aus der Schmiede diese Rückfahrt gar nicht angetreten, sondern mit der Begründung einer dringenden, noch auszuführenden Arbeit eine spätere individuelle Heimfahrt durch ihren Betreuer angemeldet. Im Endeffekt hatten sie diesem aber nur beim Renovieren zu Hause geholfen, natürlich gemeinsam auch auf die gelungene Arbeit angestoßen und anschließend wurden sie eben auch noch von ihrem „Arbeitgeber“ nach Fienstorf kutschiert. Und wenn es auch nur die eine einsame Dorfstraße war, es hätte doch etwas passieren können, was ich mir lieber nicht ausmalen wollte. Dann informierte mich einmal eine sehr mitteilsame Verkäuferin im Broderstorfer Einkaufsladen, dass kurz vor Mittag einer meiner Matrosen, der in der Kartoffelmiete arbeitete, zwei Flaschen Korn gekauft hätte. Das Geld hatte er natürlich von den dort arbeitenden Bauern bekommen. Diese wollten und durften sich aber nicht mehr während der Arbeit mit solchen Wünschen im Laden blicken lassen, also half die Marine aus. Schließlich sei es dort sehr trocken, staubig und heiß! Und was so alles auf den Fahrten beim Kartoffelausfahren passiert ist, konnte ich mir teilweise aus einigen Schilderungen zusammenreimen. Auch während der Freizeit in Fienstorf schlichen sich langsam einige Unregelmäßigkeiten ein. Abends versammelten sich bei uns immer die Jugendlichen, schließlich war unsere Anwesenheit das Ereignis in diesem kleinen Örtchen. Einige kamen mit ihren Mopeds, daran wurde auch gewerkelt, es schallte Musik aus dem Fenster, es wurde viel geschwatzt, gelacht und natürlich auch geflirtet. Und während anfangs entweder ich oder einer von den Meistern informiert wurde, wann, wie lange und wohin eine „Testfahrt“ mit einem reparierten Moped und dessen Besitzerin anstand, wurde das mit der Zeit immer lockerer gehandhabt, schließlich würde man ja in der Nähe von Fienstorf bleiben. Durch die verschiedenen Schichtzeiten war auch der Überblick über den jeweiligen Aufenthaltsort jedes einzelnen erschwert, so dass einige die dienstlichen Aufgaben manchmal gleich mit ihren privaten Wünschen vermischten. All das aufgezählte waren zwar noch solche Undiszipliniertheiten, denen ich teilweise mit einem Donnerwetter und manchmal auch schon mit einer „gelben Karte“ begegnen konnte, aber wie lange würde das noch helfen? Um also diesen langsam eintretenden „zivilen“ Gepflogenheiten einen Riegel vorzuschieben, verbreiteten „Benno“ und „Luczi“ das Gerücht, dass unser „Alter“ mir bei der Feier vorgeschlagen hätte, die Hälfte meiner Truppe auch noch nach Zarnewanz zu holen, falls bei uns weniger Arbeit anläge. Und natürlich würde ich dann diejenigen abkommandieren, die mir am meisten Sorgen machen würden. Das wurde natürlich „im Vertrauen“ weitergegeben, aber der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Jeder riss sich jetzt wieder zusammen, um nicht zu diesen „Auserwählten“ zu gehören. Und als beim nächsten Discoabend auch noch einige Mädchen zu mir kamen und darum baten, den „Ihrigen“ doch nicht zu versetzen, zeigte diese Aktion ihren vollen Erfolg. Ich erwähnte nur, dass das ausschließlich an jedem selbst liegen würde und schon hatte ich auch noch die Weiblichkeit bei Verbesserung der Disziplin auf meiner Seite. Bei jeder Tanzveranstaltung gab es ja auch immer wieder Mädchen, die das Angebot ihres Tänzers in Anspruch nahmen, die Rückfahrt auf unserem LKW bis in ihr jeweiliges Dorf zu nutzen, um noch ein bisschen länger mit ihm zusammenzusein. Und der ABV machte sich einen Spaß, bei den üblichen Straßenkontrollen nach der Disco auch unseren LKW anzuhalten, obwohl er von unserem „alkoholfreien“ Fahrer wusste. Dann konnte er nämlich mit seiner Taschenlampe auch einen Blick auf die Ladefläche werfen, um über den neusten Stand der Beziehungen zwischen Volk und Armee auf dem laufenden zu sein.

Weil durch die Feierlichkeiten zum 7. Oktober die Gaststätten in der Umgebung voll ausgebucht waren, hatte ich zur Vermeidung trister Langeweile und der damit eventuell verbundenen Überraschungen eine eigene Feier bei uns organisiert. Unsere Unterkunft war ja dazu wie geschaffen. Da die von mir auch eingeladene Jugend im Dorf zwar einen größeren weiblichen Anteil aufwies, aber bei weitem nicht ausreichte, um ein geselliges Beisammensein mit meiner Truppe zu gewährleisten, musste mir noch etwas anderes einfallen. Durch einen der Kraftfahrer vom Kommando erfuhr ich, dass sich in Rostock-Gehlsdorf ein großes Internat des Fleischkombinates Rostock befand, wo man sich ruhig mal nach interessierten Mädchen für einen lustigen Tanzabend erkundigen könnte. Also rauf auf den Lkw, dienstlich gab es ja auch was im Kommando zu tun, und schon konnte ich mein Anliegen dem Internatsleiter vorbringen. Einen Tag später bekam ich schon die telefonische Zusage, dass es genügend freiwillige Damen zwischen 16 und 18 Jahren gäbe, sich sogar eine von den Betreuerinnen als Begleiterin bereit erklärt hätte, alles andere wäre nun meine Aufgabe. Die LPG konnte sich jetzt für unsere Lkw-Hilfe beim Steinetransport revanchieren und ich bekam für den Abend den firmeneigenen Bus zur Verfügung gestellt. Einen Fahrer zu finden, der abends die „Fleischermädchen“ holt und zum festgesetzten Termin um 01.00 Uhr wieder in Gehlsdorf absetzt, war Dank guter Zusammenarbeit und einer in Aussicht gestellten Flasche guten Tropfens auch kein Problem, das kalte Buffet konnte durch die reichlich vorhandene Verpflegung abgesichert werden, unsere nette Verkäuferin war wiederum bereit, auf eventuelle Engpässe schnell zu reagieren, auch wenn schon genügend Vorrat an alkoholischen und natürlich auch alkoholfreien Getränken bereitstand. Die notwendige musikalische Umrahmung wollte die einheimische Jugend organisieren. Die Jungs hatten also nur noch die Mission, mit dem vorhandenen Mobiliar einen Teil des Gastraumes in ein gemütliches Tanzlokal zu verwandeln und insgesamt der Örtlichkeit ein angenehmes Outfit zu verpassen. Jeder hatte seine Aufgabe und beim großen Umbau, dem Reinschiff sowie Brot- und Brötchenschmieren für das Buffet verging die Zeit sehr schnell und keiner kam auf dumme Gedanken. Bald darauf stand ich mit dem Bus schon vor dem Internat, versicherte dem Internatsleiter nochmals, dass alles organisiert sei und ich seine Mädchen ordnungsgemäß um 01.00 Uhr wieder hier abgeben würde. Als ich dann die sehr lustige und laut schnatternde „Fracht“ im Bus verstaut hatte, war ich schon da froh, dem guten Mann für die Rückkehr nicht auch noch so etwas wie „gesund und munter“ versprochen zu haben. Die Fahrt nach Fienstorf verlief sehr kurzweilig, denn die Mädchen waren sehr gespannt auf die kommenden Stunden und nach ihren Worten sehr glücklich, mal dem tristen Internatsleben entkommen zu sein. Der Busfahrer grinste schon, als wir vor unserer Unterkunft ankamen und die Mädels begeistert aus dem Bus stürzten. Er hatte wahrscheinlich schon das Bild der Rückfahrt vor Augen! Jedenfalls ging es mit einem lauten Hallo rein in den Gastraum. Doch was war mit meinen Helden los – schüchtern saßen sie in einer Ecke und schienen fast wie verängstigt vor so einer geballten lauten und fröhlichen Weiblichkeit zu sein. Zum Glück war ich durch die Fahrt schon ein bisschen abgehärtet und bald waren an den Tischen die Geschlechter wohlgeordnet platziert. Der Zustand meiner Männer lockerte sich auch sehr bald und es wurde viel getanzt, unterhalten, gegessen und getrunken. Letzteres bei einigen Mädchen ein bisschen viel, aber auch daran hatten die Jungs gedacht und den kleinen Raum mit Matratzen zu einem Ruheraum umfunktioniert. Ein Schelm, der etwas anderes dabei vermutet. Mehrmals unterstützte ich die immer nervöser werdende Betreuerin und zählte die uns anvertrauten Schützlinge, was mit der Länge des Abends immer schwieriger wurde, weil sich manche Pärchen sehr nahe kamen und dafür keine Zuschauer brauchten. Der größte Teil war zum Glück immer auf der Tanzfläche oder am Buffet, so dass es da keine Probleme mit dem Überblick gab. Und zum Titel „All we are saying is give peace a chance“ aus dem Film „Blutige Erdbeeren“ waren plötzlich alle wieder da und knieten gemeinsam auf dem Parkett (gut, dass vorher gründlich Reinschiff durchgeführt worden war). Der Abend wurde ein großer Erfolg und die Jungs hatten somit ihr „Fienstorf-Erlebnis“, an das sie sich, wie ich, bestimmt noch heute erinnern. Mit einiger Mühe und auch Suchens wurden zur geplanten Abfahrt dann alle Damen wieder vollzählig in den Bus gesetzt, einige wollten sich gar nicht mehr so von ihrer gewonnenen Freiheit trennen, andere hatten so ihre Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht, aber fast alle hätten gern noch ein bisschen länger gefeiert. Ich war heilfroh, als der immer noch grinsende Busfahrer und ich wieder zurück nach Fienstorf fuhren. In der Zwischenzeit hatten die anderen wieder aufgeräumt und werteten den Abend aus. Dabei kam die Idee auf, das noch einmal zu veranstalten. Aber bei meinem Besuch mehrere Tage später beim Internatsleiter erfuhr ich, dass sich kein Betreuer mehr finden würde, der sich als Begleiter „opfert“. Nach ihrer damaligen Ankunft hätten die Mädchen noch mehrere Stunden keine Ruhe gegeben, weil es zu Eifersüchteleien und Auseinandersetzungen gekommen war. Die einen wollten die anderen bei deren Freunden verpetzen, was sie so alles getrieben hätten, die anderen wollten das natürlich verhindern und so weiter. Und bei einigen hätte der Alkohol dann auch noch so richtig seine Wirkung gezeigt. Uns gäbe er aber keine Schuld, von seinen Schützlingen hat er so etwas schon eher erwartet, dann kam noch der Spruch von dem „Kleinen-Finger-Reichen“ und „Ganze-Hand-Nehmen“! Jedenfalls musste der Plan einer weiteren Kulturveranstaltung in unserem Hause aufgeben werden.

Nach den endlich zu Ende gehenden Feiertagen ging dann alles wieder so weiter wie im September, bloß dass das Wetter langsam immer kühler und ungemütlicher wurde. Schon mussten die Kachelöfen angeheizt werden. Dafür gab es dann auch täglich zwei Verantwortliche, die Öfen bekamen ständig Nachschub und genügend Holz und Kohle schüttete uns die LPG dafür vor dem Haus ab. Die Stühle im kleinen Raum wurden abends zu Kleiderständern umfunktioniert, wo dann die klammen Sachen wieder trocknen konnten. Jeder sonnige Tag war willkommen, aber immer öfter begann der Herbstmorgen mit Regen, Niesel oder Nebel. Das Fahrradfahren machte auch keinen Spaß mehr und so stieg ich wieder früh mit auf den Lkw. Inzwischen kannte ich ja auch den Tagesablauf sowie genügend Leute und konnte mir für meine Fahrten auch immer eine Mitfahrgelegenheit organisieren. Das Abenteuer „Ernte“ ging langsam dem Ende entgegen, die Kartoffelfelder waren größtenteils abgeerntet, die großen Kartoffelhaufen in den Hallen nahmen zusehends ab, die Kartoffelmieten wurden dafür immer voller und unsere Hilfe bald nicht mehr notwendig.

Richtige Aufregung gab es bloß noch einmal, als einer der Matrosen vom GA-V sich den Arm gebrochen hatte und morgens mit einem Gipsarm wieder bei uns auftauchte. Wie er mir berichtete, soll das in der Kartoffeldämpferei während der Spätschicht passiert sein, einer von der LPG hätte ihn sofort in die Uniklinik Rostock gefahren und dort wäre er verarztet worden. Da mir über die Abenteuer in der Kartoffeldämpferei schon einiges zu Ohren gekommen war, wollte ich seiner Schilderung des Unfallhergangs nicht so recht glauben, aber passiert war passiert. Anfangs fand sich nämlich kein Freiwilliger für diese Arbeit, weil das Gebäude durch den etwas sehr unangenehmen Geruch beim Dämpfen etwas entfernt von allen anderen Arbeitsstätten lag. Außerdem war die Arbeitszeit immer in den Abend- und Nachtzeiten. Und urplötzlich hatte ich zwei Mann, die sich dafür bereitwillig immer wieder zur Verfügung stellten. Da es keine Klagen gab und die beiden sich auch immer nüchtern von ihrer Schicht zurückmeldeten, musste es etwas anderes sein. Natürlich hing dann alles mit „Damenbesuchen“ während den Schichten zusammen, bequem und warm hatten sich die zwei dort eingerichtet, dazu kam die durch die Mädels mitgebrachte Verpflegung wie zum Beispiel Hühnchen oder lecker geräucherte Würste. Vermutlich war der Armbruch die Ursache von einem missglückten „Fensterlversuch“ bei der Verabschiedung, aber wie sollte ich das jetzt nachweisen. Jedenfalls flossen ganz doll die Tränen bei seiner kleinen Freundin, als er sich von ihr verabschieden musste. Es half nicht, dass er mich anflehte, sich ganz nützlich in unserer Unterkunft zu machen, mit einer Hand könnte man doch auch alle Öfen heizen und Ausfegen wäre auch kein Problem. Nach meinem Bericht über den Unfall ging es nämlich für meinen Casanova noch am gleichen Tag zurück in die Flottille. Natürlich musste ich mich dabei auch noch rechtfertigen, warum die nächtliche Behandlung gleich in der Uniklinik Rostock und nicht über das Lazarett in Warnemünde erfolgte. Tage zuvor hatte ich beim Besuch des Flottillenchefs schon einen Rüffel bekommen, weil meine Leute zu langhaarig seien. Und auf meine Entgegnung, dass es hier auf dem Dorf keine Gelegenheit zum Haarschneiden gäbe und alle Broderstorfer nach Rostock zum Friseur müssten, gab es den wirklich ernstgemeinten Hinweis, dass ich dann eben alle auf einen Lkw hätte laden und in die Stadt fahren können. Wie man es auch macht …

*Abbildung (Teil 8, S. 47): Der „ZbV-Spind“ am Abreisetag*

Es muss Mitte Oktober gewesen sein, als sich die Leitung der LPG mit einer kleinen Feier von uns verabschiedete. Die Wirtin in Kösterbeck konnte noch einmal ihre Gastfreundschaft zeigen und bedauerte natürlich unseren „Rückzug“. Vom Vorsitzenden wurde versprochen, dass wir zum Erntefest eingeladen werden und man unsere tatkräftige Hilfe nicht vergessen würde. Gemeinsam erinnerten wir uns an viele kleine Geschichten und der Abend endete sehr lustig und spät. Ein bisschen verkatert brachten wir am nächsten Morgen unsere Unterkunft auf Vordermann, alle Räume wurden gründlich gereinigt, Matratzen und Decken eingesammelt, Kojen und Spinde zur Abholung zusammengestellt. Da stellte sich natürlich die Frage, was tun mit dem „ZbV-Spind“? Erst mal ein Erinnerungsfoto mit allen Beteiligten, dann halfen die Schulkinder aus dem Dorf beim Ausräumen des Inhalts, damit konnten sie bei der nächsten Altstoffsammlung bestimmt punkten. Nur der Kleinste kam beim Kampf um das begehrte Glas nichts ab, strahlte dann aber doch, denn als die anderen mit ihren Schätzen schon davon rollten, entdeckten wir für ihn noch einen Kasten mit leeren Bierflaschen.

Bald darauf erreichte die Fahrzeugkolonne der „Rückkehrer“ auch Fienstorf. Wir saßen auf und winkend verabschiedeten wir uns vom Dorf und dem Abenteuer „Ernte“. Nach einem Begrüßungsappell in der Flottille hatte der militärische Alltag uns wieder. Natürlich hielt die LPG ihr Versprechen und eine kleine Abordnung von uns durfte beim großen Erntefest in Broderstorf dabei sein, diesmal natürlich in Ausgangsuniform. Kurze Zeit später begann das nächste große Abenteuer - das ersehnte Bordpraktikum in Poti. Aber auch dort erinnerten sich meine „Erntehelfer“ gern an das Abenteuer im nun fernen Fienstorf.

— Klaus Martin
