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title: "Erinnerungen eines Matrosen (Teil 2)"
autoren: ["Dieter Gaasenbeek"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 11"
projekte: ["50"]
schiffe: ["Friedrich Engels", "Karl Marx", "Ostseeland"]
zeitraum: "1960–1963"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t11-erinnerungen-eines-matrosen-teil-2"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Erinnerungen eines Matrosen (Teil 2)

> Zweiter Teil der Erinnerungen von Dieter Gaasenbeek, der 1960 bis 1963 auf dem KSS „Friedrich Engels“ diente. Er berichtet von seiner Nebenfunktion als Offiziersbackschafter (Pantry) und der Gemeinschaftskasse der Offiziere, vom Besuch Walter Ulbrichts und seiner Frau Lotte an Bord, von drei Tagen Arrest in Prora wegen eines verbotenen Fotoapparats, von seiner Tätigkeit als Filmvorführer und vom gewöhnlichen Tagesablauf an Bord eines KSS Projekt 50.

> Anmerkung der Redaktion: Den Teil 1 von Dieter Gaasenbeeks Erinnerungen hatten wir im Heft 10 veröffentlicht. Dieter diente von 1960 bis 1963 auf dem KSS „Friedrich Engels“ als E-Mess-Gast im GA-II. In Nebenfunktionen war er als Pantry der Offiziersmesse, Gefechts-Sanitäter und Filmvorführer tätig. Logisch, dass es da viel zu erzählen gibt. Hier weitere Auszüge aus seinen Erinnerungen. Die Lustigsten haben wir allerdings unter „Amüsantes“ untergebracht.

## Offiziersbackschafter/Pantry

Wie und warum ich Offiziersbackschafter wurde, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß aber, dass es sich bei dieser Rolle um eine ganz besondere handelte. Schließlich hatte dieser Backschafter die Aufgabe, die erhaltenen Speisen den Schiffsoffizieren in der O-Messe (Offiziersmesse) zu servieren. Es gab auch noch eine Meistermesse, in der die Meisterei und einige Obermaate ihre Speisen einnahmen und die ebenfalls von Backschaftern bedient wurden. Einer davon war Manfred Dittrich. Er war auch an Bord als „Blaugel-Manne“ bekannt, weil er das Salz in den Objektiven der optischen Geräte mit Blaugel trocknete. Dazu hatte er eine geniale Idee entwickelt: er benutzte ein umgedrehtes Bügeleisen als Heizplatte, erhitzte in einem „Scheinwerfer“ das Salz und trocknete dann damit.

Der Offiziersbackschafter, er wurde auch Pantry genannt, hatte die Aufgabe, die Speisen an der Kombüse zu empfangen, diese in seiner eigens dazu vorgesehenen Pantry (ein kleiner Raum neben der O-Messe) herzurichten, zu garnieren und auf den beiden vorhandenen Backstischen zu servieren. Der Kreativität bei der Gestaltung der Tischkultur waren keine Grenzen gesetzt. Aus dem, was da war, und das war nicht wenig bei dem Verpflegungssatz der Volksmarine, musste und konnte auch viel zubereitet und angeboten werden. Wenn ich meine Wurstplatte fertig hatte, und sie stand auf der Back, wurde ganz bestimmt bemerkt: „Na, Gen. Gaasenbeek, bei der Wurst haben Sie sich sicher wieder in den Finger geschnitten.“ Sie war dann sehr dünn geschnitten. Oder die Frage von unserem etwas korpulenten LI (Leitender Ingenieur, Oberleutnant Wehrend): „Na, Gen. Gaasenbeek, was gibt es denn heute zum Mittag?“ Auf meine Antwort: „Suppe, Gen. Oberleutnant“, antwortete er immer: „Ach, Suppe macht dick!“

*Abbildung (Teil 11, S. 7): [ohne Bildunterschrift – Foto zweier KSS an der Pier im Hafen]*

Des weiteren hatte der Pantry die Aufgabe, dem Kommandanten jeweils vor dem Mittagessen eine Essenprobe von der Kombüse zu bringen. Diese Essenprobe wurde täglich, egal ob im Hafen oder auf schaukelnder See, serviert. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich oftmals das Kunststück fertig brachte, die Tasse Kaffee ohne Pfütze auf den HBS zu transportieren. Beim Wachbetrieb unter Bereitschaftsstufe 2 gab es um Mitternacht einen so genannten „Mittelwächter“. Dieser Mittelwächter wurde für alle Besatzungsangehörigen gefertigt, die entweder auf Wache gingen oder die gerade von Wache kamen. Es handelte sich dabei um eine fertige Suppe. Mit dieser Suppe hatte ich des Nachts einmal ein großes Malheur. Auf dem Weg von der Kombüse zur O- Messe lag quer über dem Steuerbordseitengang ein Feuerlöschschlauch. Bei dem abgeblendeten Schiff (völlige Dunkelheit) habe ich diesen übersehen. Ich stolperte und schlug lang mit der kleinen Barkasse hin. Dabei verbrühte ich mir die linke Gesichtshälfte beträchtlich und hatte daran ganz schön zu laborieren.

Ein heißes Eisen ganz anderer Art war die Tatsache, dass der Pantry über eine Gemeinschaftskasse der Offiziere verfügte, aus welcher Tabakwaren, Bier, Gebäck usw. gekauft werden konnte. Damit waren wir beide, Hartmut Franz und ich, die einzigen Matrosen, die Alkohol an Bord bringen durften. Aus dieser Sonderstellung konnte man ein guter, aber auch ein schlechter Mensch sein. Gut war man, wenn die Wünsche einiger Matrosen bezüglich Zigaretten und Alkohol erfüllt werden konnten. Wenn aber der geplante Auslauftermin durch entsprechende Befehle um einige Tage verlängert wurde, den Matrosen die Zigaretten ausgingen und wir ihnen ihre Wünsche nicht erfüllen konnten, denn wir hatten in erster Linie den Bedarf der Offiziere zu befriedigen, dann waren wir die schlimmsten „Offiziersschleimer“ und „Kriecher“ an Bord. Doch auch damit konnten wir leben. Diese Vorwürfe wurden schnell vergessen, wenn man durch die Luke in der O-Messe einen bestellten Kasten Bier mit dem Warnruf „Wahrschau“ in das darunter liegende Mannschaftsdeck ablassen konnte. Für die Bierlieferung der O-Messe zeichnete sich häufig der LI, Oberleutnant Wehrend, verantwortlich - auch wegen des Eigenbedarfes. Er brachte es sogar fertig, eine Brauerei seiner bevorzugten Biersorte mit einem LKW vorfahren zu lassen. Der LI war ein Biertrinker besonderer Art. Er trank zwei verschiedene Arten Bier. Wenn es hieß: „Bringen Sie mir mal eine Buddel Bier,“ so war damit gemeint eine Flasche und ein Öffner. Hieß es aber: „Gen. Gaasenbeek, bringen Sie mir mal eine gepflegte Buddel Bier,“ so bedeutete dies, eine Flasche Bier mit Glas und Öffner. Hin und wieder bestellte er aber auch eine Buddel Rülpswasser (Selterwasser). Dazu muss unbedingt gesagt werden, dass dieser wohlbeleibte Offizier ein sehr ruhiger und gediegener Mensch war. Ihn regte nicht gleich etwas auf, wenngleich ein Rohrreißer im Kessel für ein Dampfschiff keine leichte Havarie war. Aber so war er. In solchen Fällen ließ er es sich nicht nehmen, durch das wahrlich nicht große Feuerloch trotz seiner Korpulenz in den Kessel zu kriechen, um sich den Schaden vor Ort selbst anzuschauen. Diese Rohrreißer waren auch manchmal Ursache für ein verspätetes Einlaufen. So wurde der eine und der andere Seetag herausgefahren, wofür die Besatzung eine Zuschlagzahlung am Ende des Monats erhielt. Er war immer höflich, schnaufte mächtig beim Aufstieg des Niederganges und sprach ein verständliches, gepflegtes Mecklenbürgisch. Ganz typisch für seine Behäbigkeit war die Antwort auf meine Frage: „Genosse Oberleutnant, wie machen Sie das bloß? Beim Pistolenschießen treffen Sie fast immer ins Schwarze und gehen als Schützenkönig aus dem Stechen.“ Darauf er: „Ich bin bloß zu faul zum Wackeln.“ Damit hatte er natürlich die Lacher auf seiner Seite.

Viele Begebenheiten habe ich als Pantry gemeinsam mit Hartmut erlebt, über die eigentlich geschrieben werden müsste oder besser - gesprochen - werden sollte. Ein Problem hatten wir beide immer am Monatsende. Wenn wir die Gemeinschaftskasse auf den Tisch legten und den vorhandenen Warenstand dazu rechneten, also Inventur machten, staunten wir beide ständig darüber, dass die Kasse selten stimmte. Keiner konnte eine Erklärung dafür abgeben, es war einfach so. Dieser Umstand hatte uns beide immer sehr erregt, da die fehlenden Differenzen von uns selbst ausgeglichen werden mussten. Also, ein Zuschussgeschäft. Häufig kam es vor, dass Kommandanten, deren Schiffe im Päckchen lagen, also bei uns längsseits, bei unserem Kommandanten einen Besuch abstatteten. Ich erinnere mich noch sehr genau an Kaleu Fritze Dorn (KSS 502) aus Halle. Er war immer begeistert von dem Kaffee, den ich ihm servierte. Seine persönliche Note war, dass der Tasse Kaffee eine Prise Salz beigegeben werden musste, was ich offensichtlich sehr gut verstand und von ihm dafür gelobt wurde.

Eine Sache, die sehr böse für mich ausging, war folgende: Ein Pantry hatte es gerne, wenn zu einer bestimmten Zeit das Essen angerichtet und aufgetragen wurde, alle möglichst an der Tafel Platz nahmen. Nachzügler waren da sehr unerwünscht. Das kam schon mal vor bei dem Betrieb an Bord. Ständig aber war dieser missliche Zustand bei einem Offizier der Fall, der zwar nicht zur Besatzung gehörte, aber häufig Kontakt mit dem Kommandanten hatte. Ich weiß nicht, welche Aufgabe dieser Verantwortliche hatte. Er kam permanent zu spät und war darüber hinaus auch kein Sympathieträger. Einmal, wir waren gerade beim Seeklarmachen zum Auslaufen nach Warnemünde, kam dieser Oberleutnant an Bord und sollte auch noch Essen bekommen. Die Speisen waren bereits verzehrt, nur noch ein paar Kartoffeln waren übrig, aber bereits zum Abtransport abgelegt. Da die zwingende Forderung bestand, den Gast noch zu versorgen, wurden in der Kombüse die Reste zusammen gekratzt und die Restkartoffeln geborgen und serviert. Ich hatte eine wahnsinnige Wut im Bauch und teilte seinem Fahrer mit, dass er diesen Zeitgenossen auf der Fahrt nach Warnemünde mal richtig durchschaukeln soll, weil er mich mächtig anstinkt. Unmittelbar nach dessen Absteigen liefen wir aus. Ich ahnte nichts schlechtes, als wir gerade Kap Arkona passiert hatten und über die Translazia (so wurde die Lautsprecheranlage an Bord genannt) die Durchsage ertönte: „Obermatrose Gaasenbeek sofort in die Kammer des Kommandanten“. Es kam, was kommen musste. Der Fahrer hatte meine Meinungsbekundung seinem Oberleutnant mitgeteilt und dieser den Kommandanten über Funk informiert. Es folgte eine Parteistrafe: Da ich Kandidat der Partei war, wurde die Kandidatenzeit um ein ganzes Jahr verlängert.

*Abbildung (Teil 11, S. 9): KSS „Friedrich Engels“*

## Hoher Besuch an Bord

Bereits Wochen vor dem hohen Besuch wurde auf dem Dampfer gepönt, geschrubbt, getweidelt, gewaschen und poliert, was das Zeug hielt. Angekündigt war der Besuch des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht mit Ehegattin. Auf unserem Schiff waren oftmals Besucher, die wir als „Badegäste“ bezeichneten.

Doch dieser Besuch war schon ein besonderer und wir alle waren uns darüber auch im klaren. Weil auch ein Essen an Bord vorgesehen war, musste die Pantry, unsere kleine Anrichte, ebenfalls gereinigt und auch neu gestrichen werden. Hartmut und ich haben das mit all unseren Fähigkeiten und Fertigkeiten zur vollsten Zufriedenheit unseres Kommandanten und des für die Sicherheit der Gäste verantwortlichen Offiziers erfüllt.

Als unsere Vertreter für solch hochrangige Personen in die Pantry einrückten, war die Farbe an den Wänden noch nicht ganz abgetrocknet, aber schon passierbar. Wir übergaben alles und verließen dann unsere Pantry. Das mitgebrachte Spargelkraut, welches zur Deko der Tische verwendet wurde, hatte sich in der trocknenden Farbe verklebt und blieb uns wie ein Fossil als Erinnerung erhalten.

Als Oberrichtmann hatte ich jetzt die verantwortungsvolle Aufgabe, dem Staatsratsvorsitzenden bei Betreten des HBS eine Meldung zu erstatten. Unser Schiff lag vor Anker, und die gesamte Besatzung erwartete den Besuch von Walter Ulbricht auf See. Da erschien ein stolzes weißes Schiff, welches Kurs auf unsere Fregatte nahm. Die ruhige See erlaubte ein problemloses Längsseitsgehen und schnell war die „Ostseeland“ an Steuerbordseite festgemacht. Ein tolles Schiff, das im Auftrag der Regierung für derartige Unternehmungen eingesetzt wurde. Wir waren alle erstaunt, dass dieses Schiff auch mit einer Besatzung von Angehörigen der Volksmarine besetzt war. Der Gast und sein Gefolge setzten über, und es dauerte auch nicht lange, und die gesamte Delegation erreichte den HBS. Als Walter Ulbricht den kurzen Niedergang des HBS erreicht hatte, stand ich bereit, um die mir vorgeschriebene Meldung zu erstatten: „Gen. Staatsratsvorsitzender, ich melde Ihnen auf Posten keine besonderen Vorkommnisse, Obermatrose Gaasenbeek“. Er bedankte sich dafür und gab mir zur Begrüßung seine Hand. Ich vergesse nicht diese Berührung, weil diese Hand sehr groß und fleischig war und er einen heftigen Händedruck ausübte. Danach sprach der Kommandant Kaleu Korn seine Meldung und die Delegation verteilte sich auf dem HBS. Für Walter Ulbricht und seine Gattin Lotte waren auf dem Schaudeck des HBS zwei Sessel aufgestellt. Sicher muss ich mit meiner BÜ - Haube und dem Mikro ein interessantes Erscheinungsbild abgegeben haben, denn Frau Ulbricht erwiderte alle meine Aktivitäten und Kommandoübermittlungen mit einem leichten Schmunzeln und Zwinkern. Diese Sympathiebekundungen, die auch mein Kommandant registrierte, veranlassten ihn zu der späteren Bemerkung, dass es für mich jetzt sicher nicht gleich in Frage komme, meine Hände zu waschen, und dass ich ganz schön mit Lotte geflirtet habe, wogegen er selbstverständlich nichts hätte.

## Drei Tage Knast

Ich befand mich in meiner Nebenfunktion als Gefechtssanitäter gerade in unserem Schiffs- Med-Punkt, als Oberleutnant L. eintrat und feststellte, dass ich gerade auf meinem Tisch Fotos anschaute. Er zeigte sich außerordentlich interessiert und schaute mir zu. Plötzlich kamen dabei eine Reihe Bilder zum Vorschein, die ich an Bord unseres Schiffes aufgenommen hatte, und zwar anlässlich eines gemeinsamen Manövers mit der polnischen Seekriegsflotte. Er sortierte alle Fotos aus, die ich vom Schiff aus geschossen hatte. Von besonderem Interesse waren die Fotos, auf denen polnische U-Boote zu sehen waren. Was folgte war mir klar, nicht aber das Ausmaß. Für den unerlaubten Besitz eines Fotoapparates an Bord wurde ich mit drei Tagen Arrest bestraft. Ich weiß heute noch, was in mir vorging, als ich das vernahm. War das denn wirklich so schlimm, was ich da gemacht hatte? Spionage, Geheimnisverrat, alles solche Begriffe wurden damit in Zusammenhang gebracht. Zugegeben, ich hatte verbotenerweise einen Fotoapparat an Bord.

Eines hatte ich dabei noch gar nicht bedacht, ich musste diese drei Tage nicht in einem Knast unserer Marine in Dwasieden, sondern bei den Landsern in Prora absitzen. Der war dafür berüchtigt, dass man dort als „Molly“ mit Sonderbehandlungen rechnen musste, die dem zuvor abgeschafften „dicken Knast“ sehr ähnlich waren: also Wasser und Suppe, keine Arbeit usw. Mit diesen Vorstellungen trat ich meinen Arrest an. Ein Maat wurde mit meiner Überwachung und dem Transport beauftragt. Wir fuhren mit dem Zug von Saßnitz nach Bergen und mussten dort umsteigen in den Zug nach Prora. Die Bahnhofvorsteherin begrüßte den Maat mit den freundlichen Worten: „Na, da haben wir wohl wieder einen Knastologen“. Ich kann gar nicht beschreiben, wie peinlich mir diese Situation war. Mit meinen heutigen Erfahrungen ist das überhaupt nicht mehr nachvollziehbar, welch große Erniedrigung das damals für mich bedeutete. In Prora angekommen, wurde ich als Arrestant übergeben und eingesperrt. Ja eingesperrt! Es war ein Zellentrakt in einem Betonbunker in unmittelbarer Nähe der Küste. Es soll sich um das Gelände gehandelt haben, auf dem vorgesehen war, dass U-Boote unter Wasser in den Hafen einfuhren und in diesem Hafen auftauchten. An manchen Stellen war unter dem Betonplatten Wasser. Ich höre heute noch die Ratten, die nachts schrien und sich um die Abfälle, die durch einzelne Öffnungen dorthinein geschmissen wurden, stritten. Damit ist auch gesagt, dass es zwar keine Arbeit gab, aber normales Essen Meine Zelle war klein, kalt und karg. Eine angeschlossene hoch geklappte Koje war an der Wand und ein Holzhocker stand inmitten der Zelle. Die Koje wurde abends - die Zeit habe ich nicht mehr in Erinnerung - aufgeschlossen und herunter gelassen. Es war ein Lattengerüst ohne eine Polsterung und nur mit einer Decke. Das Kopfteil bestand aus einem Lattenholzkeil ungepolstert. Schlafen konnte ich nur mit meinem Bordpäckchen blau, welches ich mir auszog und mich darauf legte. Um ein kopfkissenähnliches Gefühl zu haben, rollte ich meine Strümpfe zusammen und legte diese unter meinen Kopf. Schließlich hatte ich ja noch die zur Verfügung gestellte Decke, mit der ich mich zudecken konnte. Mit der Verabreichung des Frühstückes wurde diese Koje wieder hochgeklappt und verschlossen. Jetzt kam der Holzhocker ins Spiel. Er war ohne Lehne und musste in der Mitte der Zelle stehen. Ein Anlehnen war nicht gestattet. Bei ständigen Rundgängen der Wachhabenden achteten diese permanent darauf, dass man sich nicht an eine Wand setzte, um eine bequemere Sitzhaltung einnehmen zu können. Am zweiten Tag durfte ich arbeiten. Auf dem Bahnhof des Objektes waren Kohlen angekommen, die ausgeladen werden mussten und das in kürzester Zeit. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich überhaupt arbeiten durfte. Ich war überglücklich, diese Arbeit mit der Schaufel im Eisenbahnwaggon ausführen zu dürfen. Es festigte sich bei mir die Überzeugung, dass es die größte Strafe ist, nicht arbeiten zu dürfen. Immer wieder habe ich mich in meiner nachfolgenden Tätigkeit als Polizist gegen die Forderung gestellt, Verbrecher „zur Strafe“ in die Braunkohle zu schicken, um die Gleise im Schlamm zu rücken. Nein, nicht arbeiten zu dürfen - das ist die größte Strafe! Mir ist glücklicherweise eine weitere Verweigerung der Arbeit in meinem Leben erspart geblieben. Zugegeben, ich hatte einen Fehler gemacht, ich musste auch betraft werden. Aber musste das so hart sein?

## Der Filmvorführer

Mit der Bereitstellung von Filmprojektoren für die KS-Schiffe ergab sich auch die Notwendigkeit, eine geeignete Person zu bestimmen, die diese Apparatur sachdienlich bedienen, pflegen und warten konnte. Wie ich zu dieser Aufgabe gelangt bin, weiß ich genau. Natürlich wollten sich die Offiziere diese Form der Unterhaltung auf keinen Fall entgehen lassen. Auch die Meister dachten so, und deshalb war es folgerichtig, dass es Personen sein sollten, die bereits für ihr Wohl auserkoren waren. Also, ein Pantry der O-Messe und der Meistermesse hatten sich dafür bereit zu erklären. Manne Dittrich und ich hatten überhaupt nichts dagegen und erklärten uns bereit. Vorgesehen war ein Speziallehrgang dazu in Stralsund. Für eine Woche setzten wir uns auf eine Schulbank in einem Gebäude, welches unmittelbar am Marktplatz in Stralsund stand. Bei diesem Lehrgang lernten wir etwas über Optiken und ihre Wirkungsweise und beschäftigten uns ganz intensiv mit unserem neuen Projektor der LMP (Lichtmagnettonprojektor) 16. Neben dem Aufbau und der Wirkungsweise der Technik kam es darauf an, schnell den Film einzulegen und Störungen unverzüglich zu beseitigen oder zu überbrücken. Die Abschlussprüfung haben wir beide bestanden und nun konnte es losgehen. Diese Form der Unterhaltung spielte ab sofort eine außerordentlich wichtige Rolle. Es wurde geflimmert in der Offiziers- und Meistermesse und in den großen Mannschaftsdecks. Immer standen ausreichend Helfer zur Seite, die die schweren Koffer transportierten und beim Aufbau, weniger allerdings beim Abbau, halfen. Filme gab es über die Filmbasis der NVA, und wir waren außerordentlich gute Kunden. Da häufig zur gleichen Zeit an zwei Stellen geflimmert wurde, stand immer nur eine Maschine zur Verfügung. Jetzt zeigte sich, wer über ein glückliches schnelles Händchen verfügte und die Pause so kurz wie möglich hielt. Diese Aufgabe wurde meisterhaft von uns erledigt. Schlimm war es allerdings, wenn ein Film riss oder die Perforation zerstört war. Da kam ein unüberhörbares Gejaule und Geschreie auf. Natürlich kam es bei der Art dieser Vorführung auch oftmals zu unpassenden Rufen und Äußerungen, die mit Gegenrufen erwidert wurden. Absoluter Höhepunkt waren Tage der Bereitschaft am Tonnenhof in Warnemünde. Ich erinnere mich, dass wir dort an der Pier lagen und das gegenüberliegende Gebäude als Leinwand nutzten. Gespielt wurde der Film „Verliebt in Kopenhagen“ mit Siv Malmkwist. Geflimmert wurde mit zwei Projektoren, also professionell mit Überblendung, ohne Pause. Die Begeisterung war so groß, dass ich diesen Film elfmal mal abspielen musste. Ich kann heute noch Melodie und Text der Hauptfilmmusik - allerdings etwas lückenhaft - nachsingen.

## Ein gewöhnlicher Tag an Bord

Geweckt wurde für das Verlassen der Koje um 06.00 Uhr. Der Wachhabende veranstaltete dazu im Wachstand des Schiffes ein Szenarium besonderer Güte. Ca 10 min. vor sechs wurde die Translazia eingeschaltet, und es begann ein langes Pfeifkonzert nach genau festgelegten Tönen, die der Wachhabende einer Bootsmannsmaatenpfeife entlockte. Die Fertigkeiten der einzelnen Wachhabenden auf diesem Instrument waren sehr unterschiedlich und so auch die Qualität der erzeugten Töne. Begleitet wurde dieses Pfeifkonzert mit verschiedenen Sprüchen aus der Geschichte der Seefahrer, wo immer mal eine Waschfrau und auch ein Adler zur Sprache kamen. Anschließend wurde die Entfernung in Metern angegeben, die noch bis zum Aufstehen verbleiben würden. Wenn also 100 Meter als Ausgangsentfernung angegeben wurde, so kann man sich ausrechnen, wie häufig diese Signale über Lautsprecher ertönten, wenn alle 10 Meter eine Entfernungsangabe verkündet wurde, bis es Punkt Sechs Uhr war. Ich hatte mit dem Aufstehen nie Probleme in meinem Leben, aber weiß, wie schrecklich diese Tortour für einen Morgenmuffel war. Nach dieser Weck- und Morgenansprache erfolgte die Aufforderung zum Frühsport. Frühsport wurde grundsätzlich durchgeführt außer an Sonn- und Feiertagen und widrigen Witterungsbedingungen. Anzugsordnung: Bordpäckchen blau, Stiefel, Oberkörper frei. Diese Anzugsordnung wurde auch bei leichtem Frost eingehalten. Wie beneideten wir da unsere sowjetischen Freunde, die grundsätzlich im Zebrahemd ihre U-Jäger verließen und ihren Frühsport durchführten. Nach der Morgentoilette wurden die Backschafter aufgefordert, an der Kombüse das Frühstück und den Malzkaffee zu empfangen. Willi Braune, unser Smutje (Koch), war ein Morgenmuffel und auch sonst sehr kurz angebunden. Ganz anders dagegen Paul Kaune, der zwar auch nicht viel Worte machte, aber immer ausgeglichen freundlich war. Kochen konnten beide ausgezeichnet. Als Offizierspantry hatten wir natürlich ein besonders Verhältnis zu unseren Köchen, weil wir uns gegenseitig halfen und auch so manchen Brocken zuschieben konnten.

Nach dem Frühstück wurde durch den Oberbootsmann (Schmadding) verkündet, dass das Schiff zu reinigen ist und das Oberdeck gespult und getweidelt werden soll. Danach erfolgte die Information über den geplanten Tagesablauf in den einzelnen Gefechtsabschnitten: Werterhaltung durch Reinigung, Studium der technischen Geräte und ihr Zusammenwirken, aber auch einzelne Übungen zur Vervollkommnung der Fertigkeiten eines jeden. Die Rolle der gegenseitigen Ersetzbarkeit wurde ganz groß geschrieben und auch praktiziert.

Das Leben wäre viel zu langweilig, wenn alles nach dem FF gegangen wäre. So wurde versucht, sich von lästigen Arbeiten, wie man so sagte, zu verpissen. Für uns bot sich dazu ein Schapp an zur Aufbewahrung von Persenning und Schutzwesten, welches sich unterhalb des HBS befand. Ein weiterer Ort waren die Klappkojen. Diese oberen Klappkojen waren, wenn man sie beidseitig nach oben klappte, wie ein V und damit ein ausgezeichneter Ort, um versäumten Schlaf nachzuholen. Natürlich wusste man von diesen Verstecken, und sie flogen auch immer wieder auf, aber den Versuch war es wert. Viel leichter hatten es jene, die in abgeschlossenen Bereichen ihre Tätigkeiten verrichten konnten. Das waren die Nachrichtenleute, aber auch der Gefechtsabschnitt III Torpedo und Wasserbomben. Ein Obermaat nutzte diese Freiheiten und sprach verbotenerweise dem Alkohol zu. Dazu verwendete er den Kreiselsprit, den er mit Fruchtsäften mixte und so genießbar machte. Er wurde häufig an Bord in einem nicht guten Zustand vorgefunden. Ich erinnere mich an einen Unfall, bei dem er sich schwer verletzte. Ein Hilfsschiff war auf See längsseits gegangen, und dieser Obermaat wollte auf dieses Schiff übersteigen. Dabei rutschte er aus und schlug mit dem Steiß auf die Kante der Außenhaut im Bereich eines Speigatts. Die Folge waren starke innere Blutungen.

Wenn gegen 18.00 Uhr die Backschafter zum Empfang des Abendbrotes an die Kombüse befohlen wurden, natürlich im Bordpäckchen weiß, und das Abendbrot verzehrt war, begann für den größten Teil der Besatzung die Freizeit. Doch halt, mit dem Abendessen wurde auch bekannt gegeben, ob es an nächsten Tag Kartoffeln geben werde, die von den Backsteilnehmern noch am Abend zu schälen waren. Ob überhaupt geschält wurde und wenn ja wie viel, entschied die Back selber.

Wer die Möglichkeit hatte und sich dazu entschied, an Land zu gehen, darüber habe ich berichtet. Wer an Bord blieb, konnte auch im Objekt eine Kneipe besuchen. Natürlich machte man sich für dieses Vorhaben fein, duschte und zog ein sauberes Bordpäckchen Weiß an. Ich erinnere mich daran, weil einige Raucher an Oberdeck genau wussten, wann ich mit diesen Vorbereitungen begann. Dazu stellte ich den Lüfter für das Deck auf Zug und schmiss meine durchnässten Strümpfe, die ich den ganzen Tag in meinen Stiefeln an hatte, an das Gitter des saugenden Lüfters. Die am Oberdeck austretende Luft muss eine derart vertreibende Wirkung gehabt haben, denn alle verließen diesen Ort fluchtartig und konnten den Verursacher zweifelsfrei identifizieren. In wenigen Minuten konnte ich die getrockneten, bocksteifen Strümpfe abnehmen, um über ihren nächsten Verwendungszweck zu entscheiden.

Für das Verlassen des Schiffes bekam man eine Berechtigungskarte, die dem Stellingsposten gezeigt werden musste. Wenn ich diese Möglichkeit der Kneipe nutzte, hatte die für mich einen großen Vorteil. In dieser Kneipe stand ein Klavier, auf dem ich der versammelten Mannschaft sehr häufig große Freude machen konnte. Der „Stille Zecher“ mit holahi, holaho, das „Polenmädchen“ und „Kalinka“ waren einige der Renner, bei denen sich auch einzelne wagten, auf den Tisch zu steigen. Diese Abende waren für mich kostenfrei, denn auf dem Klavierdeckel stand Freibier. So manchen Abend habe ich auf diese Weise verbracht, und sicher erinnern sich daran viele. 22.00 Uhr war Nachtruhe, die ebenfalls verkündet wurde über Lautsprecher mit dem Standardsatz: “ Ruhe im Schiff, Licht aus, alle Geister auf Station, den Letzten soll der Teufel holen.“ In aller Regel war dann auch Ruhe bis auf eine Ausnahme: wenn Obermatrose Ferdinand Rupp von der Kneipe oder von Land kam. Er hatte den zutreffenden Spitznamen Amsel. Ein Verhalten, das aus meinen Erfahrungen einmalig ist. Diese „Amsel“ kam grundsätzlich an jede Koje im Deck und pfiff ein amselähnliches Geräusch so lange, bis der Betroffene darauf reagierte. Eine absolut friedfertige Handlung, die jeder kannte und auch friedfertig reagierte. Erst, wenn er alle mit seiner Pfeife erreicht hatte, gab er sich zufrieden, legte sich nieder oder besuchte ein anderes Deck in gleicher Absicht. Diese Prozedur dauerte bis zu einer Stunde. Bemerkt werden muss unbedingt, dass sein Bordpäckchen Weiß häufig im Brustbereich rote Flecken aufwies, die vom verschütteten Alkohol herstammten. Denn die Amsel trank zum Bier immer mehrere „Stonis“ (Stonsdorfer).

— Dieter Gaasenbeek
