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title: "Sorgen eines Versorgers"
autoren: ["Dieter Ballwanz"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 11"
projekte: ["1159", "133.1"]
schiffe: ["Rostock", "142", "143", "211", "214", "233", "242", "243", "244", "E-41", "E-61"]
zeitraum: "1986"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t11-sorgen-eines-versorgers"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Sorgen eines Versorgers

> Dieter Ballwanz, Kochinstrukteur im Verpflegungsdienst der 4. Flottille, gibt Tagebuchnotizen vom Spezialschießabschnitt in Baltijsk vom 5. bis 19. Juli 1986 wieder: Verpflegungsübergaben an die Schiffe, Bierbedarfsrechnung für 260 Mann, Einkaufswünsche der Daheimgebliebenen, Sauwetter ohne Auslaufen, Empfänge für Chefs und Kommandanten, ein Streit um Strichlisten auf dem Gefechtsversorger E-41 und der Besuch des Chefs der Volksmarine. Mit einer Anmerkung der Redaktion zur Sonderstellung von Fritz Schmökel.

Nachdem ich im September 1979 vom KSS „Rostock“ abgestiegen war, wurde ich im Verpflegungsdienst der RD der 4. Flottille als Kochinstrukteur eingesetzt. In dieser Eigenschaft nahm ich auch am Spezialschießabschnitt in Baltijsk vom 5. – 19.7.1986 teil. Als Stellvertreter RD für den Schiffsverband der 1. und 4. Flottille fungierte Fregattenkapitän Prinz (damals Stellvertreter Technik und Bewaffnung der 4. Flottille) und ich war ihm als Verantwortlicher für die Verpflegung, sozusagen als „Versorger“ unterstellt. Wir waren auf dem Gefechtsversorger E-41 untergebracht. Der gesamte Verband – mit den UAW-Schiffen der 1. Flottille und zwei Hilfsschiffen - bestand aus:

- zwei KSS Pr. 1159 (142 und 143)
- fünf UAW-Schiffen des Projektes 133.1 (211, 214?, 233, 242, 243)
- zwei Hilfsschiffen (E-41 und E-61)
- ein Torpedofänger

Neben meiner eigentlichen Aufgabe sollte ich noch jede Menge „privater Wünsche“ von Daheimgebliebenen erfüllen – also Einkäufe tätigen von Dingen, die in der DDR gar nicht oder nur schwer zu bekommen waren. Ich erinnere mich da noch an Ölheizungen, E-Lüfter („Weteroks“), ein besonderes Tretauto, AGFA- oder japanische 90-min-Kassetten, kleine Kühlschränke („Kühlwürfel“), Gläser mit Goldrand, Konfekt und, und, und…Über diesen Aufenthalt in Baltijsk hatte ich mir ein paar Notizen gemacht. Hier einige Auszüge:

**07.07.** 14.15 Uhr Einlaufen in Baltijsk, 15.15 Uhr fest an 142/143. Auf der Überfahrt hatten wir Probleme mit der zugerüsteten Kühlzelle (Temperatur bis +15°). Übergabe von Verpflegung an die UAW-Schiffe. Die 1. Flottille hat nun doch drei Schiffe geschickt. Ich habe aber laut Fernschreiben der 1. Flottille nur Verpflegung und Getränke für zwei Schiffe an Bord. Na, irgendwie wird es schon gehen. 21.00 Uhr FCH lädt alle Kommandanten zu einem kleinen Imbiss ein (zwei kalte Platten a 8,00 Mark, 26 Flaschen Bier, zwei Flaschen Juice). 23.00 Ende des Empfanges. FCH und ein Geburtstagskind stoßen mit mir an und bedanken sich so für die Ausrichtung des Empfanges.

**08.07.** Fleisch an Peenemünder UAW-Schiffe übergeben. Es fehlt ein Sack neue Kartoffeln. Wer hat den hochgezogen? Schiff 211 nimmt das Brot nicht (angeblich zu hart), 214 hilft aus. Kühlzelle kontrolliert: + 1°. Erst gegen 10.00 Uhr komme ich zum Frühstücken. Erster Landgang ab 13.00 Uhr – das erste Mal seit sieben Jahren wieder in Baltijsk. Alles sehr sauber im Ort, aber keine Kühlwürfel, keine Kassetten. Das Glasgeschäft öffnet erst am Montag wieder. 18.00 Uhr Abendbrot an Bord. FCH legt fest, dass alle Berufssoldaten nach Feierabend eine Flasche Bier in der Messe von E-41 trinken dürfen. Kurze Überschlagsrechnung der benötigten Bier-Menge:

| | |
|---|---|
| Besatzung E-41: | 15 Mann |
| Führung Verband: | 10 Mann |
| 2 KSS: | gesamt 50 Mann |
| 5 UAW-Schiffe: | gesamt 100 Mann |
| Stab und Werkstatt 4. Flottille: | 50 Mann |
| Stab und Werkstatt 1. Flottille: | 30 Mann |
| Torpedofänger: | 5 Mann |

Also 260 Mann x 12 Tage = 3120 Flaschen = 135 Kästen. Das ist machbar. Ich habe schließlich fast zwei LKW-Ladungen „Hafenbräu“ aus dem Überseehafen auf der E-41 gebunkert. 23.00 Uhr noch ein kleiner Umtrunk in der Kammer von Fregattenkapitän Prinz. Der neue Kapitän von E-41, Wolfgang Graulich – ehemaliger KSS-Kamerad, gibt seinen Einstand mit zwei Flaschen Deutscher Weinbrand. Mit acht Mann sind die zu schaffen. Es gibt noch eine Runde Bier und 23.30 ist dann Schluss.

**09.07.** Kaninchen an 211 übergeben. Kontrolle Kühlzelle: - 2°. Die Kühlzellenausfälle von der Überfahrt sind wohl überstanden. 09.00 – 11.00 Uhr mit Obermeister Schmidt an Land. 14.00 steht ein Kantinenwagen mit Kleinkram pünktlich auf der Pier. Bei der Gelegenheit erhandele ich vom Begleitpersonal eine Damen-Quarz-Uhr für 21,- Rubel. Ab 15.00 Uhr Regen, stark auffrischender Wind – absolute Ruhe im Verband. Donnerwetter vom FCH: Keiner trinkt mehr heimlich auf den Kammern. Wenn ja, wird Fregattenkapitän Prinz zur Verantwortung gezogen. Was kann der dafür?

**10.07.** Wieder Sauwetter - kein Auslaufen. Vormittags zusammen mit dem Doktor Fleischkontrolle auf 233. Ganze 28 Kg müssen wegen leichten Geruchs aus dem Verkehr gezogen und abgeschrieben werden. 15.00 Uhr Exkursion nach Kaliningrad. Mir gelingen mehrere Einkäufe. 20.00 Uhr zurück an Bord.

**11.07.** Wieder kein Auslaufen möglich – das Wetter nervt langsam. Im Magazin Abdeckung für ein ein Frühbeet bestellt – kann am 12.07. für ca. 17 Rubel abgeholt werden. Nachmittags gegammelt – etwas geschlafen. Die Besatzung angelt Aale. 16.00 Spaziergang ins Neubaugebiet, Magazin „EKRAN“ gefunden – mäßiges Angebot. FCH wird mit Barkasse bereits das zweite Mal nach Kaliningrad gekutscht. Obermeister Schlichting bringt mir aus Kaliningrad zwei deutsche Kochbücher mit. Zwei Hiobsbotschaften:

- der ganze Törn wird um zwei Tage verlängert
- Montag kommt der Chef der Volksmarine zu uns an Bord.

**12.07.** Anhaltendes Sauwetter – kein Auslaufen. Vormittags an alle Schiffe des Verbandes Getränke ausgegeben (alles alkoholfrei). Mein Frühbeet-Abdeckung abgeholt. Gerd Kleinschmidt hat in der Stadt ebenfalls so ein Produkt erstanden, gleicher Preis. Zu Ehren des Geburtstages vom Doktor Geburtstagswässerchen getrunken und nachmittags kleine Feier mit Kaffee und Kuchen organisiert. Abends Skatturnier und Filmveranstaltung. Erst 01.15 komme ich in die Koje.

**13.07.** Sturm – wieder kein Auslaufen möglich. Kaum Zeit zum Frühstücken. Für Kantine Bier aus dem Laderaum geholt. 10 Kästen Grapefruit an die UAW-Schiffe übergeben. Das letzte Fleisch und die gesamte Wurst aus der Kühlzelle an die Schiffe ausgeliefert. In der Kühlzelle befindet sich jetzt nur noch das „gefrostete“ Brot. Mittags gibt es Kaninchenbraten mit Klößen. Satt bis zum Stehkragen – Kaffee (Pfannkuchen) fällt deshalb aus. Hose passt bald nicht mehr. Tischtennis-Turnier im Laderaum der E-41 – feine Sache. Abends Film: „Des Widerspenstigen Zähmung.“ Meine Tellermütze ist weg!!! 24.00 Uhr in die Koje.

**14.07.** Sturm, Regen – kein Auslaufen. Vormittags Landgang. Gartenstühle und jede Menge Rundstrick-Stricknadeln für meine Mutter gekauft. Mittagessen: Kassler mit grünen Bohnen. KSS 142 und UAW-Schiff 244 erhalten jeweils sechs Kästen Juice. Lasten aufgeklart – sonst Ruhe. Ab 18.00 plötzlich Unruhe, Hektik. RS-Boote werden erwartet. Mit ihnen sind CVM und Chef des Stabes der VM auf Anreise. 19.00 – 22.00 Uhr Präzisierung der Pläne für das Raketen-Schießen der KSS 142 und 143 und für das Torpedo-Schießen durch die sowjetische Seite in Anwesenheit aller BCH’s, ACH’s , Kommandanten und Spezialisten. Ein Ameisenhaufen ist nichts dagegen. 22.00 Uhr Meldung von KSS 143: 15 Genossen mit Scheißerei. CVM sollte dort eigentlich aufsteigen, da die 143 Führerschiff ist. Was soll werden? Man wird sehen. 22.30 Befehl vom SC des Verbandes an Obermatrosen Schmidt (Kellner): „Ab sofort Bereitschaft in der Messe E-41. Die Chefs kommen.“ Ich stehe ebenfalls „gotow“. 23.00 Uhr – sie sind da! Kurzer Imbiss (Kalte Platten, Bier, keine „harten“ Sachen). 24.00 ist Schluss. 00.30 kommen Chef und Kommandanten der 4. KSSBr. an Bord – alles gute alte Bekannte. Rest der Platten wird verspeist. Bierchen dazu. 01.20 Schluss – Ruhe.

**15.07.** Wetter besser! Hat CVM Draht nach oben? 08.00 Brotübergabe an 243 und 244. Ab 09.00 Uhr Auslaufen aller Kampfschiffe der Volksmarine. Ab 10.00 strahlender Sonnenschein und Windstille. Der Wettergott hat „Große Gnade“ walten lassen. Von 10.00 – 12.00 Uhr kurzer Landgang. Schönen verzierten Türknauf und drei Grabegabeln gekauft. Mittags gibt es Kartoffelbrei, zwei Spiegeleier und Spinat. Die Scheißerei auf 143 stellt sich als belanglos heraus, alles schon wieder vorbei. Mit CVM kann alles laut altem Plan laufen. 11.00 Uhr: Kapitän der E-41, Wolfgang Graulich, verlangt Aussprache mit mir. Es geht um Strichlistenführung und meine Hinweise an den Koch der E-41 zu Fehlern in der Gäste-Essenabrechnung und bei Nachweis und Verwendung eingenommener Gelder. Auslöser der Geschichte war Fregattenkapitän Schmökel (früher KSS, jetzt KVM), der unangemeldet mit einem sowjetischen Offizier zum Mittag und dann auch noch allein – wieder ohne Anmeldung - zum Abendbrot erschien. Er ist der Größte, macht was er will, hat große Rückendeckung. Frage: Von wem? Graulich verbittet sich meine Einmischung in Angelegenheiten der E-41. Ich hab da wohl in eine offene Wunde gestoßen. Schade, dass es so gekommen ist. Erst drängt man mir die Führung der Strichliste förmlich auf und plötzlich soll ich im Kram der E-41 herumpfuschen? Schluss! Ich übergebe bis dato vollständig geführte Strichlisten und Vergleichsmitteilungen an Kapitän E-41. Nachmittags zwei Stunden Schlaf, dann Besuch eines ehemaligen KSS-Kameraden, der jetzt in 6. Flottille dient. Wir trinken je ein Bier. Die Besatzung von E-41 macht Exkursion nach Kaliningrad. 20.00 Uhr sind alle Schiffe wieder im Hafen. 23.00 Uhr – überraschend laufen die RS-Boote und die UAW-Schiffe schon wieder aus. Ich soll eine Koje für einen sowjetischen KzS Generalow klarmachen. Mitten in der Nacht! Mir reicht es!

> Anmerkung der Redaktion: Hier muss die Redaktion zur Ehrenrettung von Fritz Schmökel mal eingreifen. Ja, Fritze hatte tatsächlich eine Sonderstellung. Er war es nämlich, der für die schnelle Beschaffung wichtiger Ersatzteile auf kurzem Dienstweg unersetzbar war. Das wussten alle höheren Vorgesetzten, gaben ihm Handlungsfreiheit und drückten im Interesse der Einsatzbereitschaft der KSS beide Augen zu. Fritz Schmökel verfügte über freundschaftliche Verbindung zum Stellvertreter Technik und Bewaffnung der Basis Baltijsk. Noch Fragen?

**16.07.** Wieder schönes Wetter. Schiffe in See. Fahre mit dem Bus zur Stadt-Endhaltestelle und mache einen Spaziergang zum Strand. Hier schnappen mich Grenzsoldaten. Betreten des Strandes verboten. Spaziergang in den Dünen möglich. Ich klettere durch die Dünenbefestigungen und breche mein Vorhaben ab. 11.30 Uhr wieder an Bord. Gerd Kleinschmidt teilt mir mit, wo es kleine Kühlwürfel zu kaufen gibt. Für 13.00 Uhr hat er ein Auto organisiert. Ich bin dabei. Kühlwürfel und Kassettenbänder gekauft. Ich bin der Glücklichste und gebe eine Flasche Weinbrand aus. FCH will abends kleinen Empfang geben für die Sicherstellungskräfte der RD. Sechs kalte Platten sollen vorbereitet werden. Einlaufen der Schiffe verzögert sich. Das geplante Essen fällt aus. Soll morgen 10.00 Uhr nachgeholt werden. Da FCH dann verhindert, bestimmt er dazu Fregattenkapitän Prinz als Häuptling. 22.00 Vizeadmiral Hesse steigt an Bord ein. Dazu muss FCH aus der Kapitänskammer ausgesiedelt werden. Wohin? Das ist Sache des Schiffes.

**17.07.** Die UAW-Schiffe müssen nochmal raus. Ansonsten zeichnet sich langsam das Ende des Schießabschnittes ab, am späten Nachmittag sollen schon Auswertungen stattfinden. 10.00 wird die ausgefallene Maßnahme mit den Sicherstellungskräften der RD nachgeholt. Um 18.00 Uhr sind sowjetische Gäste an Bord eingeladen. Danach gibt es noch einen kleinen Umtrunk in meiner Kammer mit Fregattenkapitän Dziuballe, Kommandant der 142, dem Fotografen Arnold und ein paar anderen guten Bekannten. 23.00 dann Maßnahme des FCH: ein großes Essen in der O-Messe für alle Chefs und Kommandanten. Wann heute wohl Schluss ist?

**18.07.** 08.00 Auslaufen des Verbandes aus Baltijsk

**19.07.** Gegen 09.00 Uhr Einlaufen der Kräfte der 4. Flottille in Warnemünde

— Dieter Ballwanz
