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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Episoden und Gedanken

KSS in der Festung Kronstadt

Lothar Kolditz erinnert sich an die einjährige Werftliegezeit der KSS „Ernst Thälmann“ und „Karl Marx“ zur Modernisierung in der sowjetischen Marinewerft Kronstadt 1961/62: die schwierige Überführung, Dienst und Alltag im Trockendock, Verpflegung, Freizeit, Exkursionen nach Leningrad und die Begegnungen mit der Bevölkerung. Fritz Naumann ergänzt Episoden über Sprachprobleme („Karl Murks“), die Organisation der ersten Leningrad-Exkursion und die Kuba-Krise 1962. Eine Anlage listet die ganzjährig in Kronstadt eingesetzten Offiziere und Meister beider Schiffe auf.

Erinnerungen von Lothar Kolditz

Nach mehr als zwölfjährigen Einsatz der Küstenschutzschiffe Projekt 50 zuerst im Bestand der Sowjetflotte und ab 1956 bzw. 1959 in den Seestreitkräften der DDR wurde auf Regierungsbeschluß deren Modernisierung verbunden mit einer großen Werftliegezeit in der sowjetischen Marinewerft in Kronstadt festgelegt. Geplant waren diese Arbeiten für die KSS „Karl Marx“ und „Ernst Thälmann“ von Dezember 1961 bis Dezember 1962 und für die KSS „Friedrich Engels“ und „Karl Liebknecht“ über den gleichen Zeitraum ein Jahr später.

Die Schiffe „Ernst Thälmann“ und „Karl Marx“ erhielten den bei den anderen Schiffen schon vorhandenen neuen Gittermast. UAW-Bewaffnung und Ortungstechnik wurden modernisiert. An der übrigen Bewaffnung, der Maschinenanlage und am Rohrleitungsnetz erfolgten Groß-Instandsetzungen analog der heimatlichen Werftprogramme. Zur Senkung der Werftkosten, zur Kontrolle des Reparaturablaufes und zum Kennenlernen der neuen Technik wurde festgelegt, daß ein Drittel der Besatzung während der gesamten Werftzeit in Kronstadt verbleibt. Mit Beginn der Werfterprobung sollten dann jeweils Ende Oktober neben Abnahmespezialisten des Kommandos der Volksmarine auch das für Rückfahrt erforderliche seemännische und technische Personal nach Kronstadt kommen. Im zeitlichen Ablauf der Werftarbeiten und auch in den Lebensbedingungen der Besatzungen gab es in den beiden Werftliegeperioden geringfügige Unterschiede. Da der Verfasser dieser Zeilen als Angehöriger des Schiffes „Ernst Thälmann“ 1962 in Kronstadt weilte, beziehen sich seine Erinnerungen ausschließlich auf den Zeitraum der Arbeiten auf den ersten beiden Schiffen.

Anfang Oktober 1961 – die Besatzungen hatten sich zum Ende des Ausbildungsjahres gerade von den vorangegangen anstrengenden und überdurchschnittlich zahlreichen Seetagen einigermaßen erholt - kam für alle unerwartet folgender Befehl: „Die Schiffe „Ernst Thälmann“ und „Karl Marx“ sind im Dezember nach Kronstadt zur Modernisierung und zu einer turnusmäßiger Werftliegezeit zu überführen. Ein Teil der Besatzung verbleibt während dieser Zeit in der Werftstadt Kronstadt.“ Alle waren überrascht, denn es war erstmalig, dass sich geschlossene Militäreinheiten der Volksmarine für längere Zeit auf sowjetischen Territorium aufhalten sollten.

Für die Stabs- und Bordoffiziere begann eine hektische Vorbereitungszeit mit folgenden Hauptmaßnahmen:

  • Werftlisten mußten aktualisiert, erweitert und nach ihrer Bestätigung ins Russische übersetzt werden. Zum Übersetzen standen Dolmetscher des Kommandos der Volks-marine zur Verfügung.
  • Die Auswahl der in Kronstadt verbleibenden Besatzungsmitglieder war vorzunehmen. Vorgesehen waren pro Schiff 52 Besatzungsmitglieder. Der Kommandant der „Karl Marx“, Kapitänleutnant Schreiber, wurde als Vertreter des Chefs der KSS- Abteilung eingesetzt. Ihm stand als Dolmetscher Leutnant Gerd Roloff vom Kommando zur Seite.
  • Mit jedem für den Auslandseinsatz vorgesehenen Marineangehörigen wurden persönliche Gespräche geführt. Wer wollte, konnte diese Aufgabe ablehnen, aber es gab meines Wissens nur zustimmende Gesprächsresultate.
  • Alle Teilnehmer mußten ein Gehaltskonto eröffnen. Paßbilder in Zivil wurden angefertigt zur Ausstellung eines „Vorläufigen Personalausweises der DDR“ (vor der Überfahrt wur-den dann sämtliche Dienstausweise eingezogen).
  • Erstmals wurden für Marineangehörige Pelzmützen ausgegeben, Meister und Offiziere erhielten einknöpfbare Futter für ihre Wintermäntel.
  • Die Besatzungen - besonders im Maschinenabschnitt - arbeiteten angestrengt, um ihre Technik für die lange Überfahrt zur Werft einsatzbereit zu machen.

Das Auslaufen der beiden Schiffe erfolgte unspektakulär. Aber aufkommender Wind und Regen bei Temperaturen wenig über dem Gefrierpunkt dämpften die Vorfreude auf das neue Unbekannte. Unser Schwesterschiff „Karl Marx“ hatte Schwierigkeiten mit dem Verdampfer, mußte mit der Fahrt zurückgehen. Wir hatten die Aufgabe, maximal Speisewasser zu erzeugen und bei erster sich bietender Gelegenheit zu übergeben. Wegen der rauhen See war das aber nicht möglich. Die Situation auf der „Karl Marx“ verschlechterte sich zusehends und wir mußten sie wegen Kondensatmangel in Schlepp nehmen. Zweimal brach die Schlepptrosse und das Abschleppen wurde daraufhin von dem uns begleitenden Hochseeschlepper „Wismar“ übernommen. Wetterbedingt sank die Schleppgeschwindigkeit zeitweilig bis auf einen Knoten. Starker anlandiger Wind und die zu geringe Maschinenkraft des Schleppers trieben beide Schiffe immer mehr auf die sowjetische Küste zu. Ein daraufhin unternommener dritter Schleppversuch unseres Schiffes war erfolgreich und die Fahrt in Richtung Kronstadt wurde fortgesetzt. Erst wenige Stunden vor dem Einlaufen konnte die „Karl Marx“ mit eigener Kraft wieder Fahrt aufnehmen. Die Insel Kotlin war schon in Sicht, da kam von der „Karl Marx“, auf der sich der Brigadechef Thomas befand, die Weisung: „BCH an K, folgen Sie mir in Kiellinie!“ Wir stoppten, die „Karl Marx“ zog an uns vorbei und nichts erinnerte mehr an ihre Beschwerden während der Überfahrt. Mit sowjetischen Lotsen an Bord liefen wir in den Hafen von Kronstadt ein und machten neben dem Kreuzer „Kirow“, dem damaligen Flaggschiff der Baltischen Rotbannerflotte fest. An irgendein Begrüßungszeremoniell kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass durch die unplanmäßig lange Überfahrt auf beiden Schiffen die Verpflegung knapp geworden war und wir ein ordentliches Abendessen bis zum Eintreffen eines russischen Versorgungsfahrzeuges verschieben mußten. Nach 20 Uhr waren dann alle satt, zufrieden und gespannt, was uns die kommenden Tage bringen würden.

Am nächsten Morgen konnten wir feststellen, daß im Hafen nicht nur Marinefahrzeuge am Kai lagen. Fast mehr noch als der Kreuzer „Kirow“ erweckte das Walfangschiff „Juri Dolgoruki“ unser Interesse, da es in Wismar gebaut bzw. wiederaufgebaut worden war. Aus der 1949 vor Saßnitz gehobenen „Hamburg“ war in Wismar zuerst ein Fahrgastschiff entstanden, aber kurz vor Fertigstellung zu einem modernen Walfangmutterschiff umgebaut und in Dienst gestellt worden. Viel Zeit zum Umschauen blieb uns nicht. Am Vormittag kam der Hauptingenieur der Werft, Ofsjannikow, ein Oberstleutnant der Reserve, mit seinen zuständigen Reparaturleitern an Bord. Nach kurzer Vorstellung zogen sich die einzelnen Arbeitsgruppen mit ihren umfangreichen Werftlisten in verschiedenen Räume zurück und der Werftalltag unterschied sich nur durch gelegentlich auftretende Verständigungsschwierigkeiten von den Anlaufberatungen in unserer heimatlichen Neptunwerft in Rostock.

Am Abend waren beide Besatzungen in die ehemalige Kathedrale der zaristischen Marine, die als Zweigstelle des Hauses der Offiziere (Dom offizerow) umfunktioniert worden war, eingeladen. Wir wurden offiziell vom Stadtparlament und vom Festungskommandanten Admiral Maschkanzew als erste Vertreter der DDR, die den Boden von Kronstadt betreten hatten, begrüßt. Nach mehreren Reden und einem Kulturprogramm wurde für die geladenen Kronstädter und unsere Besatzungsmitglieder noch ein Film gezeigt und ausgewählte Offiziere zu einem Empfang geladen. Charakteristisch für den Empfang erschien mir die persönliche Bemerkung eines sowjetischen Marineoffiziers, die er mir gegenüber äußerte: „Was Hitler nicht geschafft hat, hat Ulbricht mit seinen roten Matrosen zustande gebracht: Die Deutschen haben Kronstadt betreten. Aber es ist gut so, denn es dient dem Frieden“.

Brigadechef Thomas mit seinem Stab sowie das für die Überfahrt benötigte Zusatzpersonal machte sich klar für die Heimreise , die schon in den nächsten Tagen mit dem Schlepper „Wismar“ erfolgte.

Nach Reparaturablaufplan war mit Beginn der Werftarbeiten eine schnelle Überführung der Schiffe ins nahegelegene Trockendock, welches noch aus Zeiten Peter des Großen stammte, vorgesehen. Die ersten Tage blieben die Schiffe noch im Hafen. Geschütze, Torpedorohrsatz , Turbinenläufer, Hilfsmaschinen, Antennenmast und weitere Großgeräte wurden demontiert und mit Schwimmkran zur Werft transportiert. Die anschließende Überführung der Schiffe ins Trockendock verzögerte sich, da sich dort noch kleinere Schiffe in Reparatur befanden. Die Temperaturen im Dezember lagen bei durchschnittlich 12 Grad minus und den Hafen bedeckte eine 10 cm starke Eisschicht. Täglich wuchs die Gefahr, dass die Schiffe nicht mehr ins Dock geschleppt werden konnten. Überraschend kam dann eines Morgens, wenige Tage vor dem Weihnachtsfest, die Aufforderung, die Schiffe bis 10 Uhr für die Überführung vorzubereiten. Alles weitere vollzog sich schnell, aber ohne Zwischenfälle und als es gegen 15 Uhr dunkel wurde, saßen wir wirklich auf dem „Trockenen“. Das ca. 400m lange Trockendock am Stadtrand von Kronstadt war für die nächsten Monate unsere Heimat geworden. Außer unseren Schiffen lagen im Dock noch zwei U-Boote und 6 – 8 Hilfsschiffe.

Mit Ausnahme einiger Offiziere, die weiterhin an Bord wohnten, wurden alle Matrosen, Maate und Meister zunächst kaserniert untergebracht. Die Teilnahme an der Gemeinschafts-Verpflegung in der russischen Ausbildungskaserne gehörte für unsere Matrosen und Maate zu den härtesten Tagen des gesamten Kronstadt-Aufenthaltes, währte aber nur kurze Zeit, da nach ca. sechs Wochen der sowjetischen Seite das Zugeständnis abgerungen werden konnte, in der Kaserne unser Personal selbst zu beköstigen. Eine eigene Kombüse, Zusatzeinkäufe (das Grundsortiment entstammte der sowjetischen Verpflegung) und unsere Köche produzierten magenverträgliche Mahlzeiten für alle. Über die Verpflegungsrubel wachten die Leutnante Naumann und Sperling. Offiziere und Unteroffiziere erhielten die Genehmigung zur Teil-Selbstversorgung. Sie mußten nur am gemeinschaftlichen Mittagessen teilnehmen, wofür monatlich 30 Rubel zu zahlen waren. Das hatte den Vorteil, daß bei sparsamen Wirtschaften ein Teil des Verpflegungsgeldes für den übrigen Lebensunterhalt abgezweigt werden konnte. Vom Ministerium der NVA war festgelegt, daß ca. 10 % unseres Gehaltes monatlich in Rubel ausgezahlt wurden. Somit erhielten Matrosen und Maate 25 – 30 Rubel, Meister und Offiziere 60 – 70 Rubel. Der Verpflegungssatz betrug einheitlich 60 Rubel. Damit hatte ein Offizier – nach Abzug der 30 Rubel für das Mittagessen - rund 100 Rubel zur Verfügung. Insgesamt entsprach unsere Vergütung etwa der von Studenten, die in Leningrad oder Moskau studierten. Man konnte davon leben, mußte sich aber auf die Landessituation einstellen. So zählten eben Kartoffeln zum Gemüse und waren im Winter Mangelware. Eier gab es im Winter gar nicht und außer Äpfel kein anderes Obst zu kaufen. Die Vitamine bezogen wir aus Sauerkraut, Salzgurken und eingelegten grünen Tomaten. Der Smutje hatte für die Gemeinschaftsverpflegung bald alles im Griff und auch die Offiziere und Unteroffiziere erzielten bei der Selbstversorgung immer bessere Resultate.

Die kaserniert untergebrachten Besatzungsangehörigen pendelten zweimal täglich zwischen Kaserne und Dock, um auf dem Schiff zu arbeiten. Ständig an Bord waren außer den Offizieren nur eine Sicherheitswache, insgesamt nicht mehr als 10 Personen. Toiletten ( Holzhäuschen) befanden sich außerhalb des Docks. Damit der Schlüssel, der sich im Wachstand befand, nicht so leicht verschwinden konnte, war er mit einem 2 kg schweren Kugellager verschweißt. Damit hatte jeder mindestens einen schweren Gang am Tag zu erledigen. Da die Schiffsheizung ausgebaut war, mußten Offiziersmesse und die bewohnten Kammern provisorisch elektrisch beheizt werden. In den kalten Januartagen bei Temperaturen bis minus 30oC waren da nicht immer Wohlfühltemperaturen zu erreichen. Trinkwasser konnte ebenfalls nur an ausgewählten Stellen an Bord entnommen werden. Dadurch wurde die tägliche Körperpflege für die ständig an Bord Wohnenden problematisch. Mit Unterstützung unseres Bauleiters Dimitri Gridnjew bauten wir uns auf dem Oberdeck in Höhe Flakstand eine provisorische Dusche, zu der uns der Oberbootsmann eine große Persenning als Duschvorhang spendierte. Die Dusche wurde eifrig in Anspruch genommen und sogar zum Wäschewaschen benutzt. Einfälle und Tricks waren gefragt und halfen uns über die kritischen Monate, wo fast alles aus dem Schiff ausgebaut war, hinweg.

Von den Besatzungen waren während der Werftliegezeit vorrangig nachstehende Aufgaben zu erfüllen:

  • Durchführung sämtlicher Entrostungs- und Konservierungsarbeiten am und im Schiffskörper (Unterwasseranstrich, Bilgenkonservierung, Oberdecks- und Aufbautenanstriche),
  • Reinigung und Konservierung von Bunkern und Zellen (mit Spaten und Spachtel, die Masutbunker wurden außerdem mit Dampf gereinigt und waren dazu so angebohrt, dass die Masutbrühe in eine Rinne des Docks abfließen konnte),
  • Mithilfe bei Demontage- und Montagearbeiten einzelner Anlagenteile auch zur Erhöhung des fachlichen Wissens,
  • Sicherung der Einzelerprobungen und der komplexen Funktionsproben aller Anlagenteile in den einzelnen Gefechtsabschnitten,
  • Überwachung der Brandschutz- und technischen Sicherheit während der Werftarbeiten.

Die militärische Ausbildung der Besatzung mußte bei dem Umfang der vorgenannten Aufgaben zwangsläufig in den Hintergrund treten. Trotzdem stand außer Politunterricht auch gelegentlich Dienstkunde, Exerzieren und einmal auch Schießen auf dem Programm. Zum Wochenprogramm aller Besatzungsmitglieder gehörten auf Befehl des Chefs der VM auch zwei Std. Russischunterricht. Dieser sollte von Abiturienten unter Aufsicht des jeweils verantwortlichen Abschnittskommandeurs durchgeführt werden. Bessere Ergebnisse wurden jedoch erzielt, wenn der verantwortliche Offizier – so er gut russisch sprach - selbst diesen Unterricht durchführte. Mir persönlich hat es jedenfalls Freude gemacht, meinen Maschinisten nicht nur die russischen Ausdrücke für alle an Bord benötigten Werkzeuge, Farben und Ersatzteile beizubringen, sondern ihnen auch sprachliches Rüstzeug für Landgang und Rendezvous zu vermitteln. Im letzten Drittel der Werftzeit mußte in den Abschnitten, wo neue Technik eingebaut wurde, zusätzlich Zeit zum Kennenlernen und Beherrschen der neuen Anlagen eingeordnet werden. Hier hatten es die verantwortlichen Offiziere am schwersten, da das neue Wissen fast nur im Selbststudium erworben werden konnte und dann an die Unteroffiziere und Matrosen weitergegeben werden mußte.

Bei allem schweren Dienst kam auch die Freizeit nicht zu kurz. Zwischen dem Chef der VM und dem Festungskommandanten von Kronstadt war vereinbart worden, daß die deutschen Marineangehörigen während ihres Aufenthaltes auf der Insel die hier geltenden (d. h. sowjetischen ) Dienstvorschriften einzuhalten haben. Danach konnten sich Offiziere und Meister nach Dienst ungehindert in der Stadt bewegen. Kino, Sauna, Gaststättenbesuch und Tanzveranstaltungen im „Kulturni dom“ waren kein Problem und wurden rege genutzt. Alle „Ex-Kragenträger“, d.h. die Dienstgrade Matrose bis Obermaat, hatten ungeachtet ihrer Dienststellung nur Dienstag und Donnerstag die Möglichkeit zu einem individuellen Landgang. Diese Tage wurden in der Bevölkerung als „Trockene Tage“ bezeichnet, denn es wurden in keinem Geschäft alkoholische Getränke verkauft. Auch in Gaststätten war es den Matrosen nicht gestattet, Alkohol zu trinken. In der Praxis gab es allerdings immer Möglichkeiten, um Bier, Sekt oder stärkere Getränke zu genießen. Aber jeder, der mit einer „Fahne“ einer Militärstreife in die Hände fiel, wurde ohne Pardon zur Einheit zurückgebracht. Verständlich, dass von der Besatzung kein Anlaß versäumt wurde, um wesentlich gefahrloser an Bord zu feiern. Dazu wurde unter Leitung eines Offiziers die benötigte Menge Alkohol verschiedener Spezies eingekauft und nach getaner Arbeit an Bord ein „fröhliches Jugendleben“ entfaltet.

Um die Anzahl der Landgänge zu vergrößern , ging es oft in kleinen Gruppen unter Leitung eines Offiziers oder Meisters ins Kino, Kulturhaus oder zu Sportveranstaltungen. Dies war jederzeit möglich und wurde auch von den für die „Exkursion“ Verantwortlichen nicht als zusätzliche Belastung empfunden.

Die freie Zeit an Bord bzw. in der Kaserne unterschied sich wenig von der in der Heimat. Karten- oder Schachspiel wurde ergänzt durch das bei den Werftarbeitern beliebte Domino-Spiel, welches unser Personal bald ebenso perfekt beherrschte wie die Einheimischen. Nicht unerwähnt bleiben darf der Radioempfang. Keine Gelegenheit blieb ungenutzt, deutsche Sender zu hören, um Neuigkeiten aus der Heimat zu erfahren. Wir bekamen zwar auch Zeitungen aus der DDR zugeschickt, erhielten diese aber stets mit mehrtägiger Verspätung.

Die sportliche Betätigung unserer Besatzungsmitglieder war vielseitig. Im Gegensatz zum unbeliebten Frühsport auf dem Kasernengelände oder später an Bord, der sich im wesentlichen auf morgendliche Gymnastik beschränkte, zeigte man bei der freiwilligen sportlichen Betätigung nach getaner Arbeit wesentlich mehr Interesse. Das am Oberdeck aufgebaute Reck und die daneben liegende 50kg-Hantel wurden täglich für individuelle Wettbewerbe „Klimmzüge“ oder „Hantelstrecken“ benutzt und nicht selten wurden die jungen Werftarbeiter zum Duell herausgefordert. An zwei Abenden in der Woche stand uns eine Turnhalle zur Verfügung und egal, ob Hallenfußball, Handball, Geräteturnen oder Völkerball auf dem Programm standen, es war immer etwas los. Im Winter konnte man auf dem Sportplatz Schlittschuhlaufen, für uns eine völlig neue Sache. Bei entsprechend niedrigen Außentemperaturen wurden zwei Sportplätze der Stadt kräftig mit Wasser besprüht und das „Katok“ (Eislaufstadion ) war fertig. Wer - wie wir - keine Schlittschuhe hatte, konnte sie für wenige Kopeken samt zugehörigem Schuhwerk ausleihen. Da wir auch in der Heimat noch im Marinebestand geführt wurden, mußten wir regelmäßig melden, wie viele Besatzungsangehörige die Bedingungen für das Sportabzeichen abgelegt hatten. Hier konnten wir ohne spitzen Bleistift stolze Ergebnisse melden. Unsere sportlichen Aktivitäten blieben den Kronstädtern nicht verborgen und eines Tages wurden wir zu einem Fußballspiel gegen die Mannschaft der Marinewerft eingeladen. Zur Erläuterung muß man sagen , dass die Werft der führende Industriebetrieb der Insel und die Mannschaft eigentlich die Fußballmannschaft der Stadt Kronstadt (damals 13000 Einwohner) darstellte. Die Niederlage war vorprogrammiert. Es war für uns ein kleiner Trost, daß das Torergebnis einstellig blieb und unsere Mannschaft wenigstens ein Ehrentor erzielen konnten.

Während der Werftliegezeit war nur einmal Heimaturlaub vorgesehen. Vom Kommandanten der Festungsstadt wurde jedoch auf Antrag ein zeitweiliges Verlassen der Insel erlaubt. Das bedeutete für Offiziere und Meister möglichen Wochenendurlaub in Leningrad. Die Übernachtung war in einem Hotel für sowjetische Armeeangehörige im Zentrum der Stadt möglich und auch finanziell zu verkraften. Die Wochenenden in der herrlichen Stadt an der Newa gehören zu meinen schönsten Erinnerungen. Ob Admiralitätsgebäude, Newski-Prospekt, Anitschkowbrücke, Reiterdenkmal, Isaak-Kathedrale, Peter-Pauls-Festung oder Smolny, kein international bekanntes Kunstwerk blieb unbesichtigt. Als Marineangehörige interessierte uns natürlich auch besonders der legendäre Kreuzer „Aurora“, das Marinemuseum und das militärhistorische Museum der Artillerie. Aber ein Besuch der Ermitage gehörte zweifellos zu den Höhepunkten eines Wochenendurlaubes. In netter Erinnerung sind mir auch die erholsamen Spaziergänge durch die großzügig gestalteten Parkanlagen der Stadt oder ein Besuch des zentralen Kultur-und-Erholungsparkes (Kirow-Park) geblieben. Besonders an den Sommerabenden, den sogenannten „Hellen Nächten“, war dort überall ein fröhliches Treiben, Musik und Gesang und das alles ohne geöffnete Gaststätten oder Biergärten.

An diesen äußerst angenehmen Seiten unseres Auslandsaufenthaltes auch unsere Matrosen und Maate teilhaben zu lassen, diesem Anliegen entzog sich kein Offizier. Es verging fast kein Wochenende, an dem nicht eine „Exkursion“ nach Leningrad stattfand. Mit 8-10 Matrosen im Gefolge, ging es unter Leitung eines Offiziers zum Hafen und nach Prüfung des Passierscheines, der uns zum Verlassen der Insel berechtigte, bedurfte es einer 20-minütigen Überfahrt mit der Fähre und anschließend einer halbstündigen Fahrt mit der S-Bahn von Oranienbaum bis ins Zentrum von Leningrad. Da die kollektiven Landgänge mit Ankunft der letzten Fähre um 23 Uhr beendet sein mußten, wurde der Sonnabenddienst für die Exkursionsteilnehmer vorverlegt, so daß uns an diesen Tagen ebensoviel Zeit für die „Kulturausflüge“ blieb wie an Sonntagen. Diese Art Wochenendbeschäftigung war allseits beliebt und wurde, so oft es ging, wahrgenommen. Das hohe Interesse hatte auch zur Folge, daß es dabei stets diszipliniert zuging und es zu keinen „besonderen Vorkommnissen“ kam. Nicht jeder wollte aber seinen Sonntagsausflug unbedingt nur zur Weiterbildung nutzen. So gab es Besatzungsangehörige, die meldeten ihre Teilnahme nur an Tagen, an denen unser LI nicht „Museumsführer“ war. Der hatte nämlich den Ehrgeiz, den Teilnehmenden möglichst an einem einzigen Tag alle Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Doch nicht jeder hatte die Konstitution wie der frühere Sportoffizier und mochte die Höhen der Kultur lieber gemächlich angehen, anstatt sie zu erstürmen.

Zur Stimulierung des täglichen Dienstes wurde auch fernab der Heimat der Wettbewerb um die Auszeichnungen als „Bester“ und „Bestes Kollektiv“ geführt. Für den Abschluß hatten sich die Kommandanten etwas besonderes einfallen lassen. Mit Unterstützung der Werftleitung und des Festungskommandanten gab es für die Sieger eine mehrtägige Fahrt an den Ladogasee. Zeltplanen und Verpflegung wurde zusammengepackt und mit einem von der Werft bereitgestellten, nicht mehr ganz neuen Bus ging es unter Leitung von Leutnant Fritz Naumann auf Entdeckungsfahrt abseits der zivilisierten Welt. Ziel war das ca. 100 km entfernte Dorf Kirikowo, wo unsere Ausgezeichneten für drei Tage Gast eines großen Kolchos waren. Noch nach Jahren berichteten die Teilnehmer begeistert von der Gastfreundschaft der dortigen Landbevölkerung.

Besondere Mühen machten wir uns auch bei allen fern der Heimat zu verbringenden Feiertagen. Fast jeder bemühte sich dann, seinen Teil zur Vorbereitung beizutragen. Besonders zu Weihnachten sollte kein zu großes Heimweh aufkommen. Zum Tag der Nationalen Volksarmee am 1. März und zum Tag der Republik am 7. Oktober hatten wir stets auch Werftarbeiter und Vertreter der Rotbannerflotte eingeladen, um gemeinsam zu feiern und auch die Beförderten und Ausgezeichneten zu beglückwünschen. Ich erinnere mich dabei, dass unser gerade vom Obermaat zum Meister beförderten E-Spezialist in arge Verlegenheit geriet. Hatte er sich doch vorschriftsgemäß unmittelbar nach seiner Beförderung in entsprechender Uniform und den zugehörigen Rangabzeichen beim Vorgesetzten zu melden. Das Dumme war nur, dass das Versorgungsschiff aus Rostock, auf dem sich auch die neue Uniform befand, wegen Eisgang noch nicht in Kronstadt eingetroffen war. Von allen Meistern wurde spontan eine Kleidersammlung organisiert und Meister Dünkels erster Rapport beim Kommandanten verlief zu dessen vollster Zufriedenheit.

Heute kaum noch vorstellbar, lebten wir in Kronstadt doch recht abgeschnitten vom Geschehen in der Heimat. Für die gesamte Werftliegezeit war nur einmal Urlaub vorgesehen, der jeweils für 50 % der Besatzung in die Monate Juli und August fiel. Der Transport in und aus dem Urlaub erfolgte mit dem Kümo „Hydrograph“ , einem ausgesprochen langsamen Hilfsschiff der Volksmarine. So dauerten alleine die Überfahrten zweieinhalb Tage.

Während unseres Aufenthaltes auf der Insel erhielten wir außer den schon erwähnten und zwei bis drei Tage alten Tageszeitungen („Neues Deutschland“ und „Junge Welt“) regelmäßig die Armeezeitschriften „Volksarmee“ und „Flottenecho“. Deutsche Rundfunksender waren besonders tagsüber schlecht zu empfangen. Über Langdrahtantenne konnten abends der Deutsche Freiheitssenders 904 und der Deutsche Soldatensender abgehört werden. Beide Sender wurden im Rahmen der Spezialpropaganda von der DDR mit Ausrichtung West betrieben. Auch deutschsprachige Sendungen des finnischen Rundfunks wurden gehört. An Fernsehen war gar nicht zu denken. Alle wichtigen Ereignisse waren nur über Radio Moskau oder aus russischen Tageszeitungen in der Landessprache zu erfahren. Private Telefonate in die Heimat über das öffentliche Telefonnetz waren nicht möglich. Nur der amtierende Abteilungschef war wöchentlich mit der heimatlichen Dienststelle telefonisch in Verbindung, um den Stand der Arbeiten zu melden und danach die neuesten Aufgaben und Befehle entgegen zu nehmen. Zur persönlichen schnellen Kommunikation mit den Familienangehörigen blieb nur der Telegrammaustausch über das Postamt der Stadt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß Briefeschreiben zur festen Freizeitbeschäftigung gehörte dass und für jeden der Erhalt eines Grußes aus der Heimat immer etwas Besonderes war. Ein noch größeres Ereignis war der Empfang eines Päckchens. Doch obwohl vereinbart war, daß jeder in Kronstadt stationierte Deutsche pro Quartal ein zollfreies Päckchen empfangen durfte, trafen die ersten Weihnachtsgeschenke erst Ende Januar ein. Nach unseren Protesten hatte sich St. Bürokratius auf die neuen Anweisungen eingestellt und es gab keine weiteren Probleme. Durch das rege Briefschreiben merkten wir auch schnell, daß auf der Post die schönen und in kurzer Folge erscheinenden Sondermarken immer schnell vergriffen waren. Aber die freundliche Postangestellte schaffte es immer wieder, ihre „Nemzis“ mit den begehrten Marken zu versorgen.

Die freundliche Postangestellte war kein Einzelfall. Unser Aufenthalt in Kronstadt hatte sich schnell herumgesprochen. Durch unsere Marineuniform für jedermann erkennbar, spürten wir nicht nur im öffentlichen Leben die Sympathie der Bevölkerung. Wir waren überall gern gesehene Gäste und jeder bemühte sich, uns bei der Eingewöhnung in das neue Umfeld zu helfen. Gleichzeitig zeigte man reges Interesse an den Lebensverhältnissen im östlichen Teil Deutschlands. Von den Werftarbeitern wurde immer wieder die Frage nach den Ursachen für die Spaltung Deutschlands gestellt und wir hatten große Mühe mit unseren geringen Russischkenntnissen dies allgemeinverständlich zu erläutern. Auch wurde das gute handwerkliche Können unserer Matrosen gelobt und ihre gute Disziplin. Etwas erstaunt war man über das fast familiäre Verhältnis zwischen unseren Matrosen, Maaten, Meistern und Offizieren. Man wollte uns nicht recht glauben, dass dies die normalen Umgangsformen innerhalb der Volksmarine seien. Unter den deutschen Offizieren entstand der Eindruck, daß gerade dieses Verhältnis zu unseren Unterstellten die Ursache für das manchmal reservierte Verhalten sowjetischer Offiziere gegenüber unserer Offiziersgruppe war.

Gern gesehen waren unsere jungen Matrosen und Maate bei den zahlreichen Tanzveranstaltungen im Kulturhaus der Stadt. Die Mädchen schätzten dabei nicht nur die gegenüber den einheimischen Jugendlichen überdurchschnittliche tänzerische Begabung unserer Marineangehörigen, sondern vor allem ihre Höflichkeiten gegenüber Mädchen. Die in Deutschland üblichen Sitten, eine Dame zum Tanz zu bitten und sie nach dem Tanz mit Händchenhalten oder Arm in Arm an ihren Platz zurückzuführen, waren in Kronstadt völlig unbekannt. Während unseres Aufenthaltes bahnten sich mehrere feste Beziehungen an und ein Obermeister heiratete sogar. Diese Beziehung wurde in den folgenden Jahren auf eine harte Probe gestellt. Die Ehe wurde zwar in Kronstadt unbürokratisch geschlossen, der Ehemann musste aber dann in der DDR fast zwei Jahre warten, bis von den sowjetischen Behörden seiner Frau die Ausreise bewilligt wurde.

Es gab auch unerwartete Alltagsprobleme. Entsprechend unserer Erziehung war jeder von uns voller Erwartung ins Land des „großen Bruders“ gekommen. Doch schon bei der Ankunft stellten wir fest, dass einiges nicht in das Bild paßte, das man uns von der Sowjetunion gemalt hatte. Als 1956 der Stalinismus als Diktatur erkannt und weltweit verurteilt wurde, waren über Nacht in der DDR alle Bilder Stalins verschwunden. Beim Pförtner am Werfteingang in Kronstadt jedoch hing noch ein großes Porträt von Väterchen Stalin und es war während unseres Aufenthaltes nicht das einzige Bild, was wir sahen. Die Stadt Kronstadt hatte erst seit 1956 ein Stadtparlament. Vorher hatte allein der Garnisons-Chef das Sagen. Trotzdem bestimmte auch während unseres Aufenthaltes ausschließlich ein Admiral Maschkanzew, wer von der Bevölkerung die Insel verlassen oder betreten durfte. Dass die Gleichberechtigung der Frau in Kronstadt soweit ging, dass Straßenbaubrigaden ausschließlich aus Frauen bestanden, die großes Kopfsteinpflaster ohne technische Hilfsmittel verlegten, war uns ebenfalls unverständlich. Die schon erwähnten „trockenen Tage“, an denen es für die gesamte Bevölkerung keinen Alkohol in der Stadt zu kaufen gab, nur weil die Matrosen Ausgang hatten, entsprachen ebenso wenig unserer Vorstellung von Demokratie wie die zahlreichen zivilen Sonderstreifen an Feiertagen, die immer auf der Jagd nach Betrunkenen waren und mit diesen, wenn sie gefaßt wurden, sehr rüde umgingen. Überhaupt schien mir die Bekämpfung des Alkoholproblems mit wenig wirksamen Mitteln zu erfolgen. So wurde ein Werftarbeiter, der betrunken während der Arbeitszeit aufgegriffen wurde, mit vier Wochen Arbeitsentzug bestraft. Ob das Konzept „Keine Arbeit - kein Geld - kein Wodka“ aufgegangen ist, darf bezweifelt werden. Bei besonderen Tanzveranstaltungen gab es in begrenztem Maß Bier und Wein. Wodka war dann aber prinzipiell verboten. Doch bei jeder Kellnerin konnte man gegen ein Trinkgeld eine „kräftige Limonade“ bestellen und erhielt prompt eine mit Wodka gefüllte Limonadenflasche.

Das Erbetteln von Geld, richtige Bettler auf der Straße, sah ich in meinem Leben zum ersten Mal in Leningrad. Ich war davon genau so schockiert, wie von einer alten Frau, die mich mit „Väterchen“ ansprach und darum bat, meine Schuhe putzen zu dürfen. Ich drückte der Frau einen Rubel in die Hand und lief davon. Ich hatte das Gefühl, vor Scham rot zu werden.

Aber es gab auch angenehmere Dinge, die uns in Staunen versetzten: So wurde z.B. der in der DDR gerade aufgekommene Modetanz „Lipsi“ überall gespielt und die Mädchen waren verwundert, dass keiner von uns diesen Tanz beherrschte.

Gerade wegen der Abgeschiedenheit Kronstadts, resultierend aus seiner geographischen Lage als Insel, war für uns die sichere und zuverlässige Verbindung zum Festland beeindruckend. Die Fähren fuhren stets pünktlich und war auf Grund der Wetterlage eine Fahrt mit dem sonst üblichen Tragflächenboot nicht möglich, wurden zusätzlich normale Schiffe eingesetzt. Für uns völlig neu war die Überfahrt im tiefsten Winter mit LKW. Dabei war die Fahrt übers Eis zwar nichts Besonderes, aber etwas mulmig wurde den meisten, als diese Lkws die ca. 20 m breite eisfreie Fahrrinne nach Leningrad auf Flößen überqueren mußten. Einfache Holzflöße lagen wie Pontons im Wasser und wurden, wenn sich ein großes Schiff näherte, einfach mit Traktoren aus dem Wasser gezogen.

Im Dezember 1962 ging unser Einsatz in Kronstadt zu Ende. Die Abnahmegruppen und die Überführungsbesatzungen waren bereits einige Zeit an Bord. Umrüstungen und Modernisierungen waren abgeschlossen und alle technischen Erprobungen erfolgreich beendet. Bei den letzten See-Erprobungen hatte jeder den nahenden harten Winter bereits verspürt. Wir mußten uns beeilen, um die Überfahrt ohne Eisberührung zu überstehen. Alle sehnten die Heimfahrt und den anschließenden Urlaub im Kreis ihrer Angehörigen herbei. Am 11. Dezember war es endlich soweit. Begleitet von den Klängen einer russischen Marinekapelle und dem Winken zahlreicher Werftarbeiter und Marineangehörigen verließen die Schiffe „Karl Marx“ und „Ernst Thälmann“ den Hafen von Kronstadt. Alle Offiziere und Meister trugen zur Feier des Tages und während der gesamten Überfahrt weißes Hemd zur Uniform. Nach 36 Stunden Überfahrt, die ohne Zwischenfälle verlief, erreichten wir die Reede von Saßnitz. Der größte bisherige Auslandsauftrag in der Geschichte der Volksmarine war erfüllt.

Anlage: Offiziere und Meister die ganzjährig in Kronstadt eingesetzt waren:

Schiff „Ernst Thälmann“

Dienstgrad Vorname Name Dienststlng
Ob.Ltn. z.See Werner Ebert Kmdt.
Kpt.Ltn. Manfred Wiedner Polit-Offz.
Leutn. z. See Erwin Kramer Nav.-Offz. Dolmetscher
Ltn. z. See Fritz Naumann WL-Offz.
Ltn. z. See Peter Lemke Sperr-Offz
Ob.Ltn. z.See Max Dietze FT- Offz.
Ob.Ltn. Ing. Horst Alex Leit. Ing.
Leutn. Ing. Lothar Kolditz Wach-Ing
? ? ? Feldscher
Ob.-Meister Siegfried Röhl Oberbootsmann/Oberstückmstr.
Ob.-Meister Gerhard Kramer Obersteuermann
Ob.-Meister Gerhard Seidler WL-Meister
Obermaat Horst Plöger Sperr-Meister
Ob.-Meister Hartmut Schindler FT-Meister
Meister Günter Bischoff Funkmeister
Obermaat Knut König Kesselmstr.
Ob.-Meister Wolfgang Deckert Turbinenmstr.
Meister Helmut Dünkel E.-Meister
Obermaat Klaus Huart P.-Meister
Maat Wolf Pumpenmaat

Schiff „Karl Marx“

Dienstgrad Vorname Name Dienststlg
Kpt.Ltn. Günter Schreiber Kmdt. u. Vertr.BCH
Kpt.Ltn. Wolfgang Baumgärtel Polit-Offz. Abt. -PV
Ltn. z. See Dieter Sperling 1.WO und Nav.-Offz.
Ob.Ltn. z.See Manfred Groß WL-Offizier, Art.Offz.
U.-Ltn. z. See Jürgen Radecki Sperr-Offz.
Ltn. z. See Horst Friesicke FT- Offz.
Ob.Ltn. Ing. Jürgen Rossack Leit. Ing.
Ltn. Ing. Siegfried Prinz Wach-Ing
U.-Ltn. z. See Gerd Rohlof Dolmetscher
Ob.-Meister Kurt Kroh Oberbootsmann
Obermaat ? ? Obersteuermann
? ? ? WL-Meister
Ob.-Meister Gerd Loyeck Sperr-Meister
Ob.-Meister Gottfr. Müller FT-Meister
? ? ? Funkmeister
Ob.-Meister Günter Portun Kesselmstr.
Ob.-Meister Bernd Dölling Turbinenmstr.
Meister Heinz Steinert E.-Meister
Meister Günter Perkatz P.-Meister

Bei der Auffrischung meiner Erinnerungen vom Aufenthalt in Kronstadt haben mich ehemalige Marinekameraden unterstützt Ich bedanke mich besonders bei Horst Alex, Max Dietze, Helmut Dünkel, Gerhard Kramer und Siegfried Prinz. Wie mir vom Vorstand unserer Kameradschaft mitgeteilt wurde, haben auch Wolfgang Baumgärtel, Fritz Naumann und Dieter Sperling bei der Vervollständigung meines Beitrages geholfen. Auch diesen Kameraden ein herzliches Dankeschön

— Lothar Kolditz

Ergänzende Erinnerungen von Fritz Naumann

Nachdem ich Gelegenheit bekam, die Kronstadtschilderung von Lothar Kolditz zu lesen, was mir ausgesprochen Spaß bereitet hat, möchte ich noch einige Episoden beisteuern:

Anfangs war unser Schul-Russisch ziemlich mies, was zu vielen Missverständnissen führte. Eine Episode bezieht sich auf die technischen Mängel auf der Überfahrt der „Karl Marx“, die Lothar Kolditz erwähnt. Schon lange vor Kronstadt hatte das Schiff technische Probleme, so dass es von der Besatzung der „Ernst Thälmann“ spöttisch „Karl Murks“ genannt wurde.

Es muß im Dezember oder Januar gewesen sein, als einige Offiziere der Thälmann bei „krepki limonad“ (Deckname für höherprozentige Getränke) mit sowjetischen Offizieren ins Gespräch kamen. In vorgerückter Stunde wurde auch der technische Zustand der Schiffe erörtert. Als junger Offizier versuchte ich mit meinem damals noch stümperhaften Russisch den sowjetischen Offizieren zu erklären, dass die „Karl Marx“ wegen einiger technischer Mängel von uns „Karl Murks“ genannt wird. Was aber hatten die sowjetischen Offiziere verstanden? Karl Marx ist politisch gesehen Karl Murks. Diese Abwertung des Begründers des Marxismus/Leninismus passte natürlich gar nicht ins Bild unserer sowjetischen Gäste und hatte offensichtlich eine Meldung an die zuständige Politabteilung der Baltischen Flotte zur Folge.

Ergebnis: Ich wurde auf die „Karl Marx“ befohlen. Anwesend waren KL Schreiber, KL Baumgärtel, KL Wiedner und zu meinem Glück auch OL zur See Evert als Kommandant der „Ernst Thälmann“. Vorwurf an den jungen Offizier: Verunglimpfung von Karl Marx als Sozialist, Verächtlichmachen des Schiffes „Karl Marx“ und seiner Besatzung im Ausland. Der amtierende BCH, KL Schreiber, hatte schon die Disziplinarvorschrift vor sich liegen. Erst nach energischer Intervention des Kommandanten der „Ernst Thälmann“, man solle doch die Kirche im Dorf lassen, nahm die Sache noch eine gute Wendung. Mit einer Ermahnung und der Auflage, mich mehr um fundierte Sprachkenntnisse in Russisch zu kümmern, kam ich davon. Später sickerte durch, dass im deutschen Führungskreis der Gruppe Kronstadt über den ganzen Vorfall herzlich gelacht wurde. Die Auflage aber habe ich ernst genommen. Durch fleißiges Training und kameradschaftliche Unterstützung wurde mein Russisch von Woche zu Woche besser.

Lothar Kolditz erwähnt auch die Möglichkeit der Übernachtung bei Kurzurlauben in einem Offizierswohnheim in Leningrad. Um das überhaupt zu organisieren, wurden vor der ersten Exkursion OL Groß und ich losgeschickt. Wir hatten Zivilkleidung an und als Ausweis einen sogenannten PM 12 (ein Stück deutsches Papier mit Passbild) sowie einen in Russisch abgefassten Marschbefehl mit großem Stempel und Unterschrift von Admiral Maschkanzew. Meine Russischkenntnisse waren noch die vor der Episode „Karl Murks“.

Die Administratorin des Heimes empfing uns überaus freundlich. Mehr schlecht als recht versuchten wir unser Anliegen klar zu machen. Befragt, wo wir eigentlich herkommen, löste unsere Antwort „Aus Kronstadt!“ und dazu noch unsere Nationalität zuerst einen mißtrauischen Blick und dann hektische Betriebsamkeit aus. Es begann ein fast eine Stunde andauerndes Telefonieren. Offensichtlich hatte Kronstadt vergessen, uns anzumelden. Aber dann war wohl alles geklärt und wieder freundlich wurden unsere Personalien aufgenommen.

Manne Groß war in Russisch noch weniger bewandert als ich. Auf die Frage, was wir seien, antwortete er, dass er ein Offizier und Kommandeur an Bord und dass ich auch ein Offizier sei. Ergebnis: Bei der Administratorin war Manne Kommandeur, also ein „großer“ Vorgesetzter und ich sein Adjutant. So wurden wir dann auch untergebracht, Manne im Generalsappartement und ich im Vorzimmer. Alles in allem haben wir die ersten Exkursionen unserer Gruppe aber ordentlich vorbereitet.

Gern erinnere ich mich auch an die lustigen Abende im Haus der Offiziere. Zum Beispiel an eine Dame (ich glaube, sie hieß Sina), die wir „Tanzbär“ nannten, weil sie durch die Herren der „Karl Marx“ beim Tanzen pausenlos frequentiert wurde. Oder an Annuschka, die freundliche Frau hinter dem Tresen, ein wahres Abfüllwunder. Es ist auch heute noch nicht zu begreifen, wie es ihr immer wieder gelang, selbst bei Anwesenheit von Streifen Wodka aus einem 10-Liter-Eimer in Limonadenflaschen abzufüllen.

In unseren Kronstadt-Aufenthalt fiel auch die Kuba-Krise im August 1962. Plötzlich herrschten auf der Insel kriegsähnliche Zustände. Kein Uniformierter, der nicht mit Schutzmaske und Stahlhelm am Mann unterwegs war. Wir nahmen das mit einiger Verwunderung wahr. Aus der Heimat flossen zur politischen Weltlage nur spärliche Informationen. Deshalb wussten auch unsere Politoffiziere nicht mehr als wir. Der Kreuzer „Kirow“ begann Munition zu übernehmen. Ein Spektakel für einen Artillerieoffizier, wie ich es war. Tagelang währten die Munitionstransporte auf das Schiff. Später legte der Kreuzer mit unbekanntem Ziel ab. Das Werftgeschehen um unsere Schiffe nahm trotz allem seinen gewohnten Lauf. Es gab allerdings erhöhte Sicherheitsmaßnahmen auf der gesamten Insel. Streifen waren allgegenwärtig. Hatte man seinen Werftliegerausweis aus Versehen vergessen, hatte man schlechte Karten. Allerdings hatten wir einen guten Verbündeten, den Inselsheriff Korvettenkapitän Michailow, der uns öfter aus misslichen Lagen half. Und das nicht nur während der Kubakrise. Nach manch feuchtem Landgang hat er uns so an Bord geleitet, dass unser angeschlagener Zustand der Öffentlichkeit nicht auffiel.

— Fritz Naumann

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