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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Flottillen-Mikulei 1970

Ulrich Mädel erinnert sich an den „Militärisch-kulturellen Leistungsvergleich“ (Mikulei) der 6. Flottille 1970, bei dem die Rückwärtigen Dienste auf Befehl von Kapitän zur See Neumeister einen Shantychor bildeten und mit dem selbst getexteten KSS-Lied „Mit Volldampf voraus“ (nach der Melodie „Wir fuhren unter Volldampf mit der Viermasterbark“) den zweiten Platz errangen. Der vollständige Liedtext mit drei Strophen und einer 22 Jahre später ergänzten vierten Strophe ist abgedruckt; dazu Fotos einer Kulturveranstaltung von 1970.

Zu unserem Kameradschaftsabend am 22.01.2005 erlebte ein KSS-Lied seine gefeierte Welt-Uraufführung. Während des flotten Gesanges erinnerte ich mich an einen „Militärisch-kulturellen Leistungsvergleich“ (Mikulei genannt) in der 6. Flottille Bug/Dranske aus dem Jahre 1970. Das war zwar nicht mehr zu meiner KSS-Zeit, ich hoffe aber, daß diese Episode trotzdem Eingang in unsere KSS-Broschüre finden kann. Als triftige Gründe dafür möchte ich anführen:

  • meine eigene frühere Dienstzeit auf dem KSS 1-61,
  • daß außer mir auch noch andere „Künstler“ beteiligt waren, die früher ebenfalls auf KSS gedient hatten (einige Unteroffiziere),
  • vor allem aber die Tatsache, daß es auch hier um ein Lied über KSS ging.

Der Chef der Rückwärtigen Dienste der 6. Flottille, Kapitän zur See Hellmut Neumeister(†), befahl in Vorbereitung dieses Mikuleis, mir als seinem Stellvertreter für Technik und Bewaffnung sowie dem für materielle Sicherstellung und Versorgung zuständigen Fregattenkapitän Helmut Keilhauer: „Wenn Sie keine Kulturgruppen aus Ihrem Personalbestand auf die Beine bekommen, dann möchte ich Sie wenigsten selbst auf der Bühne sehen!“ Daraufhin bildeten beide Stellvertreter aus ihren Bereichen eiligst einen gemeinsamen Shantychor. Wir hatten nur noch vier Wochen Zeit! Neben zwei anderen Seemannsliedern aus der maritimen Folklore sollte, von den Mikulei-Organisatoren gewünscht, auch eine Eigenentwicklung mit Volksmarinebezug vorgetragen werden. In Ermangelung eines eigenen Komponisten liehen wir uns die Melodie des Seemannsliedes „Wir fuhren unter Volldampf mit der Viermasterbark von Konstantinopel nach Dänemark…..“ und erfanden dazu einen geänderten Text mit drei Strophen. Der Text bezog sich auf KSS, obwohl die KS-Schiffe Pr. 50 damals schon fünf Jahre aus dem Bestand der 6. Flottille herausgelöst und der 4. in Warnemünde unterstellt waren.

Unsere Kulturgruppe bestand aus dem tüchtigen Akkordeonspieler, Stabsobermeister Heinz Klingsporn, und etwa zwölf Sängern, darunter auch einige Unteroffiziere und ich als ehemalige KSS-Fahrer. Meine Nebenfunktionen waren die des Texters und Regisseurs. Wir traten auf der Bühne in der Sporthalle auf. Das Kulturhaus war noch im Bau. Folgende Requisiten kamen im Chor zum Einsatz von jeweils einem Sänger gehalten: ein gedrechseltes Steuerrad von einem abgerüsteten Torpedofangboot, eine Dampferlaterne, ein Fernglas, ein Sextant, ein gefüllter Seesack und zwei schwarze Socken mit je einem riesengroßen Loch im Hacken. Dazu musste einer der Sänger ohne Schuhe auftreten und außerdem noch den Seesack schleppen. Mir als Dienstgradältestem stand das Fernglas zu. Diese Chorausrüstung diente zur Textunterstreichung während des Gesanges. So nahm ich z.B. beim Stichwort „Volldampf“ das Fernglas an die Augen, die hinten sitzende Jury ins Visier und konnte schon im Voraus zustimmende und heitere Mimiken ausmachen. Und so waren alle Requisiten je nach Textstelle beim Vortrag in Bewegung. Besonders herzlich gelacht wurde, als der Sänger mit dem vollen Seesack im Nacken im Refrain an der Stelle „…und Frost am Hacken“ einen Fuß mit dem kaputten schwarzen Socken hochhob. Bei dem Textfüller „oh, ho, oh“ wurde im Saal schon ab zweiter Strophe kräftig mitgesungen. Wir errangen den zweiten Platz und große Anerkennung beim Chef RD, der danach konstatierte: „ Genossen Offiziere, da können Sie mal sehen, was für Talente in Ihrem Personal schlummern. Vorbildwirkung und gesunde, soldatische Verhältnisse zu Ihren Unterstellten sind Voraussetzung für Erfolg im militärischen Leben.“

In dieser Zusammensetzung sangen wir noch oft im Kompanieclub. Leider mussten uns zur nächsten Entlassung dann einige der aktiven Mitglieder verlassen. Die Sangesfreudigkeit übertrug sich auf den ganzen Bereich Technik und Bewaffnung, so dass wir in den Folgejahren bei Marschliederwettstreiten der Flottille einmal den ersten Platz, immer aber vordere Ränge einnahmen. 1971 defilierten wir mit einer Zugabe ohne Wertung bei Anwesenheit zahlreicher sowjetischer Garantiespezialisten (die letzten TS-Boote Pr. 206 waren übernommen worden) mit dem russischen Soldatenlied „Soldaten, marsch!“ mit gesungenem russischen Text vorbei. Ihr freudiges Urteil: „Oчень хорошо mоварuщu, moлько mале акценm! (Sehr gut Genossen, nur ein wenig Akzent)“

Jetzt aber endlich der Text unseres damaligen Liedes Mit Volldampf voraus

Mit Volldampf voraus

1. Strophe
Wir fuhren unter Volldampf mit dem Küstenschutzschiff - oh, ho, oh
Vom Adlergrund zum Skagenriff - oh, ho, oh
Und einmal bekamen wir einen großen Schreck:
Wir konnten nicht steuern! Dat Steuer war weg!
Aber wir fanden den Fehler sofort:
Wir hatten einen Steuereinnehmer an Bord.

Refrain:
Und dann die See, den Seesack im Nacken.
Und dazu noch Frost im Hacken.
Kein Schip zu sehen.
Oh, Seefahrt wie bist du so schön

2. Strophe
Wir fuhren unter Volldampf mit dem Küstenschutzschiff Typ Riga - oh, ho, oh
Von Saßnitz nach Gdynia - oh, ho, oh
Und einmal bekamen wir einen großen Schreck:
Wir konnten nicht dampfen! Dat Kondensat war weg!
Aber wir fanden den Fehler sofort:
Wir hatten einen Säufer an Bord.

3. Strophe
Wir fuhren auf Erprobung mit dem Küstenschutzschiff - oh, ho, oh
58 von der Neptunwerft zum Gedser Feuerschiff - oh, ho, oh
Hier bekamen wir keinen Schreck,
weil an der Pier bekannt, wir haben ein getarntes Außenwasserleck.
Im Kondensatsystem stieg unentwegt der Salzwert Grad Brand
Aber wir fanden den Fehler erst in der Werft sofort.
Wir hatten einen undichten Hauptkondensator an Bord

Neuer Refrain:
Und dann die See, das Salz im Nacken.
Kein Dampf in den Rohren
und kein Schlepper zu seh’n.
Oh, Seefahrt wie bist du so schön

Ich habe noch eine vierte Strophe parat. Aber die fiel mir als unverbrauchtem Übergangsrentner erst 22 Jahre später nach dem Anschluss der neuen Bundesländer an die gebrauchten Bundesländer ein. Animiert dazu hatte mich eine Satiresendung zum Thema „Privatisierung der Bundeswehr“. Es geht los!

4. Strophe
Wir fuhren 1990 unter Volldampf mit Gästen an Bord - oh, ho, oh
Von Warnemünd’ nach Darßer Ort -oh, ho, oh
Und diesmal bekamen wir einen ganz großen Schreck:
Alle Raketen, Kanonen und die Flagge waren weg.
Wir fanden den Dieb aber sofort:
Wir hatten Rainer Eppelmann als Kielschwein an Bord.

Refrain:
Und dann sein Heuchlergebet, „Demokratie Jetzt“ und „Forum“ im Nacken.
Heute die Pflugscharen als Last am Hacken.
Keine Macht der Bürgerbewegten zu seh’n.
Oh, CDU und Treuhand, seid Ihr wirklich so schön?

Von dem „Flottillen-Mikulei“ 1972 habe ich leider nie ein Foto gesehen, obwohl die Berechtigten eifrig die Fotolinsen freigaben. Gefunden habe ich aber noch einige Fotos einer Kultur-Veranstaltung aus dem Jahre 1970 zum 100. Geburtstag Lenins. Rechts unten unser Hauptrezitator, der Zivilbeschäftigte Karl Karow (†), Sachbearbeiter für Finanzen der I- Basis und Gewerkschaftsfunktionär. Er ist der Vater des KSS-Fahrers Udo Karow, der später als Stabsobermeister im KFZ- Wesen der 6. Flottille tätig war.

Drei Fotos einer Kultur-Veranstaltung aus dem Jahre 1970 zum 100. Geburtstag Lenins – Chor auf der Bühne; rechts unten der Hauptrezitator Karl Karow (†)
Drei Fotos einer Kultur-Veranstaltung aus dem Jahre 1970 zum 100. Geburtstag Lenins – Chor auf der Bühne; rechts unten der Hauptrezitator Karl Karow (†) Broschüre Teil 5, Seite 39Bildnachweis des Heftes: Fotos: Horst E. Schulze, Manfred Kretzschmar, Internet — Grafiken: Hans Räde

— Ulrich Mädel

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