Der Diensthabende des Schiffes
Dieter Liebenau beschreibt den 24-Stunden-Dienst des Diensthabenden des Schiffes (DHS) auf den KSS Projekt 50 Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre: Zusammensetzung der Schiffswache, Armbinde und Pistolentasche, Tagesablauf von der Dienstübernahme um 16.00 Uhr über Flaggenparade, Landgangsmusterungen, Nachtwache, Frühsport und Morgenmusterung bis zur Übergabe am nächsten Tag.
Anmerkung der Redaktion: Die Organisation, die Dieter hier schildert, trifft auf die Zeit Ende der 50iger, Anfang der 60iger Jahre zu. Im Verlaufe der Fahrenszeit der KS-Schiffe gab es auch hier einige Veränderungen. So änderte sich die Zusammensetzung der Schiffswache, aus der Abkürzung DHS wurde der DdS. Auch geeignete Fähnriche bzw. Stabsobermeister wurden später als Diensthabende des Schiffes eingesetzt. Anstelle des Gehilfen des DHS trat der DuD (Diensthabender unter Deck). An den allgemeinen Dienstpflichten des DHS/ DdS hatte sich aber kaum etwas geändert.
Zu den vielfältigen Aufgaben der seemännischen Gefechtsabschnittskommandeure der KS–Schiffe des Projektes 50 gehörte auch der Dienst als Diensthabender des Schiffes (DHS).Während der Hafenliegezeit spielte der DHS an Bord eine entscheidende Rolle im täglichen Dienst. Er war verantwortlich für die Einhaltung des Rahmendienstplanes sowie die Sicherheit und Sauberkeit des Schiffes. Gleichzeitig war er Wachvorgesetzter der Schiffswache. Seitdem ich letztmalig die Armbinde des DHS abstreifte sind in etwa 48 Jahre vergangen. Viele Details sind nicht mehr gegenwärtig. Trotzdem will ich den Versuch wagen und ein allgemeines Bild des Dienstes zeichnen.
Der Dienst war ein 24-Stunden-Dienst. Ein Freizeitausgleich wurde nicht gewährt, wäre an Bord auch unsinnig gewesen. Als DHS standen in der Regel 5 – 6 Offiziere zur Verfügung. Das waren die Kmdr. der GA‘s I – IV, der Funktechnische Offizier (FTO; bis 1961) und der Waffenleitoffizier. Man kann sich leicht ausrechnen, dass jeder dieser Offiziere 1 – 2 Mal in der Woche zum Dienst als DHS eingeteilt wurde. Das hieß, nach dem normalen Dienst, weitere 24 Stunden hochkonzentriert, mit maximal 3,5 Stunden Schlaf zwischendurch, den Dienst an Bord zu lenken und zu leiten.
Erkennbar war der DHS durch die blau-weiß-blaue Armbinde sowie Koppel mit der Pistolentasche. Bewaffnet war er mit seiner Makarow-Pistole. Das war zumindest die Theorie. In der Praxis trugen die DHS zu meiner Zeit die Pistole in der Pistolentasche am langen Lederband, das Koppel wurde nicht getragen. Das widersprach zwar allen Vorschriften, aber die von den sowjetischen Besatzungen übergebenen Pistolentaschen waren so beliebt, dass jeder Versuch sie abzuschaffen, scheiterte. Ich kenne kein weiteres Beispiel, wo die Dienstvorschrift über einen so langen Zeitraum missachtet werden konnten. An Dokumenten führte der DHS das Schiffstagebuch sowie ein Wachbuch.
Zur Wache des DHS gehörte ein Gehilfe des DHS, er wurde aus den Reihen der Meister gestellt, der Bootsmannsmaat, der den Wachstand besetzte und die Translazia (bordinterne Lautsprecheranlage) bediente, der Läufer für das Offiziersdeck, der seinen Platz vor dem Zugang zur FuM–Station Fut hatte sowie der Stellings- und Pierposten.

Zu den ersten Aufgaben nach der Dienstübernahme um 16.00 Uhr gehörte die Meldung beim I. WO (damals noch Gehilfe des Kommandanten), die Vergatterung der Wache und die Durchführung der Abendmusterung. Was danach kam, war in der Regel Routine. Sie umfasste eine so breite Palette von Aufgaben, dass man hier nur wenige Beispiele nennen kann. An erster Stelle stand die Kontrolle der Wachen, der Leinen sowie die Einhaltung aller Sicherheitsbestimmungen an Bord. Zu kontrollieren und durchzusetzen war die Ordnung und Sauberkeit genau so wie die Anzugsordnung, der Abblendezustand des Schiffes und die Einhaltung bestehender Rauchverbote. Durchzuführen war zum Zeitpunkt des Sonnenunterganges - spätestens jedoch um 20.00 Uhr – die abendliche Flaggenparade. Mehrere Landgangsmusterungen gehörten ebenfalls zu den Dienstaufgaben. Bei diesen Musterungen gab es nur wenige Beanstandungen. Unsere Lords putzten sich ordentlich heraus, denn die männliche Konkurrenz in Sassnitz war überwältigend. Manchmal kamen sie nicht so aufrecht von Land zurück, wie sie von Bord gegangen waren. Aber was soll es, ein guter, manchmal auch ein nicht ganz so guter, Tropfen gehört nun mal zum Seemannsleben. Zwischendurch wurden bordfremde Personen an der Stelling empfangen und die Essenausgabe und das Backen und Banken kontrolliert. Um 18.00 Uhr meldeten die GA‘s den Zustand ihrer Technik, die Personalstärke und die Vorräte an Munition, Masut, Diesel, Kondensat, Trinkwasser und Verpflegung. Der Nachweis dieser Angaben erfolgte im Schiffstagebuch. Nach 22.00 Uhr wurde es still an Bord. Es war Ruhe im Schiff, die Lichter waren aus und alle Geister auf Station. Ein letzter Rundgang führte den DHS durch die Decks, die letzten Raucher wurden in die Koje gescheucht, noch ein prüfender Blick auf den Abblendezustand, auf die Posten und Leinen, dann war es erst einmal geschafft. Weitere vier, meist ereignisarme, Stunden standen dem DHS bevor.
Die Zeit schlich dahin. Wurden die Lider schwer, schaffte ein Rundgang übers Oberdeck Abhilfe. Ab und an kündete ein heimkehrender Landgänger lautstark seine Rückkehr an und musste ermahnt werden. Die meisten schlichen leise ins Deck zu ihrer Koje, wohl wissend, dass die anderen 49 Mitbewohner des Decks keinen gesteigerten Wert auf nächtliche Unterhaltung durch Laiendarsteller legten. Um 00.00 Uhr erfolgte die obligatorische Eintragung in das Schiffstagebuch. Meistens lautete sie: „Schiff liegt im Hafen Sassnitz mit Bb. – Seite an den Liegeplätzen 1 und 2 fest.“ Kurz vor 02.00 Uhr weckte der DHS seinen Gehilfen, der nun für die nächsten vier Stunden die Wache übernahm.
Wenig entkleidet, d.h. ohne Jacke, Binder und Schuhe ruhte der DHS bis 05.30 Uhr. Es folgte kurze Körperpflege, Rundgang übers Oberdeck, Wetter machen, ein Blick in die Kombüse werfen, tief durchatmen - diesen Geruch von Hafen, Meer und Fischkombinat verinnerlichen und nach dem „Reise, Reise aufstehen“, hinein in die Decks. Das war der härteste Augenblick des Dienstes. Was einen aus den 50-Mann Decks entgegenschlug, war nicht gerade der Duft des Gartens Eden. Dieter Gaasenbeek umschrieb es in seinen Erinnerungen poetisch mit “kollektiven Männerschweißgeruch“. Na ja, lassen wir es dabei. Aber da musste man durch, um auch den letzten Langschläfer mit markigen Sprüchen aus der Koje zu holen. Fünf Minuten später wurde das Raustreten zum Frühsport befohlen. Während die Besatzung unter Leitung der GA–Kommandeure zum Frühsport abrückte, kontrollierte der DHS die bekannten „Verholstationen“. Mit der Zeit glaubte man alle zu kennen, pfiffige Matrosen fanden jedoch immer wieder neue Möglichkeiten, um sich vor der allgemein „sehr beliebten“ morgendlichen Leibesertüchtigung zu drücken.
Nach Kontrolle der Essenausgabe und des Reinschiffs folgte die Morgenmusterung auf dem Achterdeck. Der DHS erstattete Meldung an den I.WO und befahl das Hissen der Dienstflagge. Nach dem Verlesen des Tagesdienstplanes übernahmen die GA–Kommandeure ihre GA‘s zur Dienstdurchführung, denn Ausbildung und Wartung und Pflege der Technik lag in Verantwortung der Gefechtsabschnitte. Für den DHS begann nach der Morgenmusterung eine Zeit der relativen Ruhe. Selbstverständlich nahm ihm niemand während des Dienstes seine Verantwortung für seinen GA ab und so nutzte er die Ruhephase, um sich um Personal und Technik zu kümmern.
War das Mittagsessen fertig zubereitet, erstatte der Smutje dem DHS Meldung. Gemeinsam brachten sie den Kommandanten eine Essenprobe. Nach Verkostung und Freigabe des Essens durch den Kommandanten erfolgte die Ausgabe der Mittagsmahlzeit an die Backschafter. Mit Paul Kaune und seinem Mitstreiter, den Namen habe ich leider vergessen, hatten wir über viele Jahre zwei erfahrene Smutjes an Bord der „Friedrich Engels“, die uns - von wenigen Ausnahmen abgesehen - ein gutes und schmackhaftes Essen zubereiteten.
Um 12.55 Uhr ertönte das Kommando „Pfeifen und Lunten aus, klarmachen zum Raustreten!“.
Mit der Mittagsmusterung neigte sich der Dienst des DHS langsam aber sicher dem Ende zu. Noch drei Stunden und dann ist es wieder einmal geschafft. Um 16.00 Uhr wurde der Dienst mit der Meldung des alten und neuen DHS beim I. WO übergeben. Nach 34 Stunden im Dienst ist endlich Feierabend. Aus dem DHS wurde wieder der GA–Kommandeur, der selbstverständlich nahtlos alle Aufgaben wie Abendmusterung, Dienstplanung usw. für seinen Abschnitt übernahm.
Sollte während des Dienstes als DHS der Befehl zum See- und Gefechtsklarmachen des Schiffes erteilt werden, so würde der DHS in den ersten 30 Minuten das Seeklarmachen vom HBS aus leiten und dann diese Aufgabe an einen Wachoffizier übergeben.
Ich weiß nicht, wie oft ich während meiner Jahre als GA–Kommandeur auf den KSS „Karl Marx“ und „Friedrich Engels“ die Armbinde des DHS überstreifte. Nach überschlägigen Schätzungen werden es 250 – 300 Dienste als DHS gewesen sein. Vieles war im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut übergegangen. Trotzdem habe ich sicherlich bei der Aufzählung der Pflichten vieles nicht genannt und manches vergessen. Sei es wie es sei! Mögen diese Zeilen eine Würdigung all der Offiziere sein, die ebenfalls unzählige Male Armbinde und Pistole mit Tasche am langen Band trugen und nicht unwesentlich zur Gewährleistung der Gefechtsbereitschaft unserer Schiffe beitrugen. Das Leben an Bord war nicht einfach, oft hart, manchmal beschissen. Missen möchte ich all die Jahre aber nicht.
— Dieter Liebenau
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