Auch im Wettbewerb wird Dampf gemacht
Zeitschriftenporträt des Stabsmatrosen Wittig, Kesselfahrmaat auf dem KSS „Friedrich Engels“. Beschrieben werden die harte Arbeit am Kesselfahrstand bei 40 bis 50 Grad, seine Ausbildung zum staatlich geprüften Kesselwärter, seine Leistungen im Wettbewerb und der scherzhafte Beiname „Admiral Wuchtig“. Der Verfasser ist nicht genannt; der Artikel wurde von Wolfgang Peschenz eingesandt.
Sie stehen nicht immer im Brennpunkt der Aufmerksamkeit, die Männer in den Lederpäckchen und mit den Schweißtüchern. Und doch hängt gerade auch von ihrer Tätigkeit eine hohe Gefechtsbereitschaft der Schiffe und Boote ab. Einer von ihnen ist Stabsmatrose Wittig. Ich begegnete ihm an Bord des KSS „Friedrich Engels“. Seine Gefechtsrolle besteht darin, Dampf zu machen. Zwischen glühend heißem Rohrgewirr, hinter fauchenden, beinahe unheimlichen Dampfkesseln ist seine Gefechtsstation – der Kesselfahrstand. Einer, der nicht daran gewöhnt ist, hält es hier unten kaum aus. Schon nach kurzer Zeit bricht der Schweiß aus allen Poren und der heiße Brodem legt sich schwer auf die Lungen. Nur die Lüfter verschaffen Linderung.
Die Kessel unter konstantem Druck zu halten, erfordert von dem Stabsmatrosen und seinen Genossen vollste Konzentration. Die Tausende der PS der Hauptturbinen wollen gefüttert sein. Jedes Maschinenmanöver lässt den Kesseldruck steigen oder sinken. Wenn man da nicht genau aufpasst, bläst das Sicherheitsventil ab oder aus dem Schornstein quellen schwarze Wolken. Beides macht einem Kesselfahrmaaten wenig Ehre. Ständig muss deshalb der Heizölstrom geregelt werden. „Man hat das schon im Gefühl“, meint der sympathische Berliner.
Zwischen all dem Fauchen und Zischen und während der Maschinenwache war aber nicht der richtige Ort und Zeitpunkt für ein Interview. In der Freiwache erfuhr ich dann mehr über den Kesselfahrmaaten der „Friedrich Engels“. Eigentlich ist er Kesselgast. Aber aufgrund seines ausgezeichneten Könnens wurde er in einer Unteroffiziersfunktion als Fahrmaat eingesetzt. Stabsmatrose Wittig ist ein gelernter Betriebschlosser und E-Schweißer aus dem VEB Stahlbau Berlin. Ein ausgezeichneter Praktiker also, der in jedem Maschinengefechtsabschnitt Gold wert ist. „Nach meiner Dienstzeit möchte ich gern Ingenieur werden“, sagt er nachdenklich. „Doch bis dahin gilt es noch viel zu lernen, denn die 10. Klasse muss ich unbedingt nachholen.“ Bei der Volksmarine hat der ehemalige Betriebsschlosser und E-Schweißer Wittig noch einen dritten Beruf erworben: staatlich geprüfter Kesselwärter. Ein Beruf, der größte Verantwortung, Pflichterfüllung und Umsicht voraussetzt. „Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn sich durch Unachtsamkeit bei einer Dampfanlage komprimierter, überhitzter Heißdampf tückisch und unsichtbar entspannt…?“ Ich kann es nur ahnen. Aber man begreift, dass weder auszehrende Raumtemperaturen von 40 bis 50 Grad, noch fürchterlichster Seegang oder lähmende Müdigkeit die dienstlichen Pflichten beeinflussen dürfen. „Natürlich haben wir Respekt vor der Anlage und man wird ihn nie ganz los“, gesteht Stabsmatrose Wittig aufrichtig. Aber seine beiden Bestenabzeichen und das Klassifizierungsabzeichen der Stufe II zeugen davon, dass er seine Aufgaben redlich erfüllt, und dass der Kesselfahrmaat im Wettbewerb Dampf zu machen versteht.
Erst kürzlich wurde der Stabsmatrose belobigt, weil unter seiner Leitung ein Kesselfegen in Rekordzeit bei noch heißem Kessel abgeschlossen wurde. Auch eine defekte Turboschmierölpumpe konnte unter seiner Mitwirkung statt in drei schon in zwei Tagen wieder einsatzklar gemeldet werden. Das sind messbare Ergebnisse, die für ihn und seinen Gefechtsabschnitt im Wettbewerb zählen. Begeistert erzählt er noch von einer Exkursion nach Dresden. Auf dem Programm standen auch die Besichtigung der Turbinenfabrik und eine Elbdampferfahrt mit der ….„Friedrich Engels“.
Manchmal nennen ihn seine Kameraden scherzhaft „Admiral Wuchtig“. Vielleicht weil er immer mit Elan an die Arbeit geht und andere mitreißt. Vielleicht aber auch, weil ihm als Judoka manch kräftiger Wurf gut gelang. Wie dem auch sei, dieser scherzhafte Beiname ist bezeichnend für den Stabsmatrosen am Kesselfahrstand.
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