„Melde: Schiff fest!“
Im Herbst 1963 laufen „Karl Marx“ und „Ernst Thälmann“ bei stürmischem Südwind in den engen Saßnitzer Hafen ein. Kapitänleutnant Ebert bringt die „Ernst Thälmann“ mit „Beide AK voraus“ durch das Nadelöhr, reißt dabei vier Dalben aus und bohrt den Bug in die Holzpier, meldet aber ungerührt „Schiff fest!“. Siegfried Prinz ergänzt, wie das Splitterholz vor einem hohen Besuch verschwand.
Es war im Herbst 1963, also nach der Werftliegezeit in Kronstadt. Die Schiffe „Karl Marx“ als Führerschiff – hier war der Stabschef eingestiegen - und „Ernst Thälmann“ liefen zu einer UAW-Übung südlich Bornholm aus. Wie üblich um diese Jahreszeit war das Wetter nicht besonders. Zunehmender Wind und Seegang machten die Arbeit am U-Boot immer schwieriger. Die Ausbildung wurde beendet. Die KSS begleiteten das U-Boot nach Swinoujscie und liefen dann in Richtung Heimathafen Saßnitz ab. Inzwischen wehte der Wind stürmisch aus Südost bis Süd. Das brachte uns zwar schneller vorwärts, versprach aber Probleme bei der Einfahrt und beim Anlegen in Saßnitz.
Unsere Liegeplätze lagen hinter der Südmole im ersten Hafenbecken. Das Becken wurde durch eine Holzpier begrenzt. Am Ende dieser Pier stand ein Kran auf einem Betonsockel. Das zweite Becken auf der anderen Pierseite wurde im Jargon „Schweinebucht“ genannt. Hier lagen die TS-Boote des Projektes 183. Zwischen Molenende und Ende der Holzpier mit dem Kran lag die schmale Einfahrt in „unser“ Becken. Für das Anlegen bedeutete das, daß die KSS gleich nach Passage der Mole auf engstem Raum drehen mussten, um ihre Liegeplätze zu erreichen. Und genau dabei traf der starke Wind die volle Breitseite des Schiffes und konnte es gefährlich in Richtung des betonierten Sockels versetzen. Erschwerend kam hinzu, daß unmittelbar an der Einfahrt zum ersten Becken zwei Tanker im Päckchen lagen, wegen ihrer Aufbautenform auch „Kamele der Ostsee“ genannt. Die Zufahrt zum Liegeplatz wurde so noch enger.
Das Führerschiff unter Kapitänleutnant Schreiber lief zuerst ein. Unter großen Schwierigkeiten gelang es ihm, das Nadelöhr zwischen Tankern und Kransockel zu passieren. Den vorgesehenen Liegeplatz konnte er nicht erreichen. Trotz aller Maschinen- und Rudermanöver trieb ihn der stürmische Wind unaufhaltsam gegen die Holzpier. Das Schiff musste dort festmachen. Nun war das Nadelöhr noch kleiner geworden, denn nach Passage des Kransockels drohte nun auch noch das Heck der „Karl Marx“. Kommandant der „Ernst Thälmann“ war Kapitänleutnant Ebert. Vom Stabschef erhielt er nun den Befehl zum Einlaufen und Anlegen am üblichen Liegeplatz. Auf der „Karl Marx“ stand wohl die gesamte Besatzung außer einigen Maschinenleuten, die mit dem Abstellen der Anlage beschäftigt waren, an Oberdeck, um sich das Manöver anzuschauen. Ich glaube, nicht nur wir, sondern der ganze Stützpunkt, das Fischwerk, vielleicht sogar ganz Saßnitz hielten den Atem an.
Zügig passierte die „Ernst Thälmann“ die Mole. Die Situation zwang den Kommandanten, früher mit dem Schiff anzudrehen als gewöhnlich. Nachdem das Schiff mit Kurs auf die verengte Einfahrt lag, überschlugen sich die Befehle. Trotz des Sturmes war die hohe Fistelstimme des Kommandanten weithin zu hören. „Beide Maschinen halbe Fahrt voraus!“ Unmittelbar darauf: „Beide Maschinen große Fahrt voraus!“ Wohlgemerkt, alles in der Enge der Saßnitzer Hafeneinfahrt. Das Schiff nahm ungewöhnlich schnell Fahrt auf und schoß förmlich auf die Lücke los. „Beide AK voraus!“ Das Schiff machte einen richtigen Satz. Es war die einzige Möglichkeit, nicht auf den Kransockel oder das Heck der „Karl Marx“ getrieben zu werden. Zwischen diese Hindernisse und die „Ernst Thälmann“ passte kein Blatt Papier mehr. Das Schiff kam von den Hindernissen frei. Sofort der Befehl „Beide AK zurück!“ Doch das letzte Manöver hatte kaum noch Wirkung. Das Schiff jagte durch das kleine Hafenbecken auf seine Anlegestelle zu. Der Bug hakte hinter einen Dalben, der eigentlich für das Festmachen gedacht war. Der Dalben riß aus dem Grund und schoß wie ein Torpedo durch das Becken. Das gleiche geschah mit dem zweiten, dritten und vierten Dalben. Dann bohrte sich der Bug des Schiffes in die mit Bohlen belegte Pier, die normalerweise durch die Dalben geschützt werden sollte. Die Bohlen zersplitterten auf einigen zehn Metern wie Streichhölzer, bis das Schiff endlich zum Stehen kam. „Beide Maschinen Stopp! Alle Leinen über und fest“ Als wäre das Manöver das natürlichste der Welt gewesen, drehte sich der Kommandant zur Seite, machte Ehrenbezeigung in Richtung des Stabschefs auf der „Karl Marx“ und schrie mit hoher Stimme, den Sturm übertönend, durch das Hafenbecken: „Melde Schiff fest!“ Der Stabschef verließ völlig fertig die Brücke der „Karl Marx“ und begab sich zu einem Beruhigungstrunk in die O-Messe.
Bei der später durchgeführten Havarieverhandlung wurde der Kommandant der „Ernst Thälmann“ freigesprochen. Er hatte nicht anders handeln können. Am Bug des Schiffes war nur ein geringer Schaden entstanden. An anderen Schiffen – dank der beherzten Manöver der „Ernst Thälmann“ - gar keiner. Die Holzschäden waren schnell zu beheben. Die Pier wurde wieder hergerichtet und wir hatten jede Menge Abfallholz zu Hause in unseren Kellern, um im Winter im kalten Saßnitz die Öfen damit zu heizen. Das kann auch Siggi Prinz aus unserer Marinekameradschaft noch bestätigen.
Und das tat Siggi dann auch mit folgendem Zusatz: In diese Zeit fiel ein plötzlicher hoher Besuch: der Chef RD der Volksmarine hatte sich angekündigt. Und das bei diesem Zustand der Pier! „Wohin bloß so schnell mit dem vielen Splitter-Holz?“ jammerte der Stützpunktkommandant. „Geben Sie mir einen G5 (LKW) und in vier Stunden ist das Holz weg.“ Die Zusage erfolgte prompt. Und so fuhren Dieter und ich mit Unterstützung des GA-V uns das Brennholz für wenigstens die nächsten fünf Jahre nach Hause.
— Dieter Sperling
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